Zeitung Heute : Kehraus

Noch ein paar Wochen, dann ist alles vorbei. Wie AEG-Angestellte ihre letzten Arbeitstage erleben – und sich an heroischere erinnern

Josef-Otto Freudenreich[Nürnberg]

Niemand macht sich mehr die Mühe, die schmutzig grauen Fahnen an der Muggenhoferstraße 135 zu waschen. Warum auch? Die wenigen, die durch die Pforte des AEG-Stammwerks tröpfeln, schauen schon lange nicht mehr hoch. Offiziell sind es noch 735, die Waschmaschinen, Trockner und Geschirrspüler zusammenschrauben sollen. Aber in Wahrheit ist es noch die Hälfte. Die andere ist krankgemeldet. Wer will schon bei einer „lebendigen Leiche“ arbeiten?

So nennt der Betriebsratsvorsitzende Harald Dix seine Firma, bei der er zwei Drittel seines Lebens verbracht hat. Mit 14 Jahren Lehrling, mit 26 Betriebsrat, mit 41 Vorsitzender, mit 45 den „Arschtritt“, wie er sagt. „Sie haben mir das längste Stück meines Lebens gestohlen.“ Der Vater von vier Kindern, Werkzeugmacher mit einem Sticker im Ohr, ist kein Weichei, sondern AC/DC-Fan, ein jung gebliebener Rock ’n’ Roller. Aber er hat den globalen Kapitalismus kennengelernt, die Demütigung in der Stockholmer Electrolux-Zentrale, in der ihm der Exitus verkündet wurde. Dix hat nur noch sagen können, dass sie hoffentlich bestraft würden für das, was sie den Menschen antun. Dann gingen die Manager grußlos.

Electrolux, der Welt zweitgrößter Hausgerätekonzern, hat die AEG 1994 übernommen. „Aus Erfahrung gut“, eine stolze Marke, fand sich plötzlich in einem Gemischtwarenladen wieder, durcheinandergeworfen mit Juno, Privileg, Zanussi und Zanker. Die AEG-Geräte wurden zu Billigprodukten, die immer billiger gefertigt werden sollten, und dennoch schrieb das Werk schwarze Zahlen. Aber nicht genug. Im Juni 2005 prüfte der Konzern die Aufgabe des Werks und die Verlagerung nach Polen. Begründung: In Polen kostet ein Arbeiter 2,60 Euro die Stunde, in Deutschland 27. Der Betriebsrat bot eine 25-prozentige Gehaltskürzung sowie die Halbierung der Belegschaft an. Zu wenig. Am 12. Dezember 2005 verkündete Electrolux das Aus. 84 Jahre AEG waren beendet.

Ein Jahr danach ziehen sie Bilanz, Dix und sein Mitstreiter Jürgen Wechsler, der IG-Metall-Vize in Nürnberg, unter dessen Augen die Schatten noch nicht verschwunden sind. Beide sind Pragmatiker, beide von der Basis, beide ohne Illusionen, und beide haben einen Streik angeführt, der in Deutschland ziemlich einmalig war. Fast sieben Wochen haben sie mit den Beschäftigten an der Muggenhoferstraße gestanden und das Werk lahmgelegt. Bei bis zu 15 Grad minus. Der Vizekanzler war da, der bayerische Wirtschaftsminister, der IG-Metall-Boss, der Erzbischof, und die ganze Stadt, die Erbsensuppe und Weißwürste vor die Werktore und Transparente ins Fußballstadion brachte, abgebildet von allen Fernsehanstalten der Republik. Ganz Deutschland schaute damals auf Nürnberg.

Gewerkschafter Wechsler sagt, er habe damals schon gewusst, dass sie „null Chance“ gehabt hätten, den Betrieb zu retten. Electrolux habe eben beschlossen, dichtzumachen, den Profit für seinen Hauptaktionär Wallenberg zu steigern, und für den seien sie nur ein störendes Rädchen im Getriebe gewesen. Jacob Wallenberg, der reichste Mann Schwedens, herrscht über ABB, Atlas Copco, Ericsson, Saab, Scania. Electrolux ist ein Konzern unter vielen in seinem Imperium, die AEG eine Peanut. Am 31. März dieses Jahres werden die Letzten die letzten Reste auskehren.

Was sie tun konnten, haben sie getan. Nie hat ein Unternehmen, im Verhältnis zur Anzahl der Mitarbeiter, einen so hohen Preis bezahlt. Die Abfindungen sind drei mal so hoch wie üblich (1,8 Monatsgehälter pro Beschäftigungsjahr), die über 53-Jährigen erhalten 85 Prozent des Nettoverdienstes bis zur Rente. Unterm Strich wird das Electrolux rund 500 Millionen Euro kosten, kalkuliert Wechsler, die Kollateralschäden nicht mit eingerechnet: Der AEG-Umsatz ist um 25 Prozent eingebrochen, der Marktanteil um vier Prozent gesunken, während Miele, Bosch-Siemens und Liebherr, die in Deutschland produzieren, ihre Gewinne erhöht haben. Der Boykott der Marke, ihre mindere Qualität und das verheerende Image durch die wochenlangen Negativschlagzeilen haben ihre Wirkung nicht verfehlt. In Nürnberg haben die Menschen Zettel in ihren Geldbeuteln, auf denen steht, welche Marken zu Electrolux gehören, damit sie wissen, wovon sie die Finger lassen müssen.

Wechsler und Dix sprechen deshalb von einem Erfolg des Arbeitskampfes. Sie würden es wieder so machen, „eins zu eins“, und, wenn sie könnten, den Malochern einen Verdienstorden umhängen und die Manager „hinter schwedische Gardinen“ schicken. Aber so ist die Welt nicht, die auch in der Chefetage der „Nürnberger Nachrichten“ als „Raubtierkapitalismus“ wahrgenommen wird, und der „Klassenhass“, der den 51-jährigen Wechsler manchmal befällt, hilft auch nicht weiter. Früher, als er noch bei der marxistischen Gruppe war, hat er wilde Arbeitskämpfe organisiert. Heute kann er die roten Fahnen für einen Sozialplan hissen, gegen die Schließung der Fabrik darf er nicht streiken. Das verbietet der Gesetzgeber. Apropos Gesetz: Auch Edmund Stoiber war empört, und hat Electrolux-Vorstand Hans Stråberg nach München zitiert, weg von einer Dienstreise, was diesem nicht gefallen hat. Dessen Meinung hat es keinen Abbruch getan. Die Nürnberger Gewinne seien einfach zu gering, hat Stråberg geklagt.

Die AEG-Angestellten finden sich, soweit sie in der Muggenhoferstraße nicht die Reste aufräumen, im „Transfer“ wieder, wie es heute heißt. 777 sind es, die meisten an- oder ungelernt, schon im Frühjahr wurden sie entlassen. Jetzt kümmert sich die Beschäftigungsgesellschaft GPQ um sie, die es gut mit ihnen meint. Sie kriegen zwar nur 60 Prozent ihres Nettoverdienstes für maximal ein Jahr, aber dafür stehen ihnen 16 Computer im Aktivitätenzentrum zur Verfügung, eine Sozial- und Schuldnerberatung sowie viele Jobangebote an der Wand, bei denen unter Gehalt meistens n. V. steht. Nach Vereinbarung. Manche geben 7,20 Euro pro Stunde an. Unter anderem wird ein Kremationswart gesucht, der ein „pietätvolles Auftreten“ bei den Angehörigen gewährleisten muss. 129 der Entlassenen konnte die Gesellschaft GPQ einen neuen Job verschaffen, einer ist jetzt Gitarrenbauer. Aber die meisten, befürchtet Betriebsrat Harald Dix, würden bei Hartz IV landen.

Die GPQ ist ein Seismograf dafür, was sich in der fränkischen Stadt an großen und kleinen Erdbeben ereignet. „Wenn die letzte Messe gelesen ist“, sagt Geschäftsführer Herbert Hansel, „kommen die Leute zu uns.“ Es waren viele, und es waren nicht die Geringsten, die untergegangen sind. Adtranz, Alcatel, Foto- Quelle, Grundig, Siemens. Die Liste ist lang und liegt auf Hansels Schreibtisch, jederzeit griffbereit, um einen weiteren Namen hinzuzufügen. 90 Betriebe umfasst sie derzeit, 9000 Entlassene in zehn Jahren. Und jetzt eben noch die AEG, die zum Herzen Nürnbergs zählte, wie Hansel betont.

Martina Hübschmann gehört zu jenen, die geheult haben, als Electrolux den Stecker gezogen hat. Die 40-jährige Industriekauffrau hat 15 Jahre bei der AEG geschafft, ihr Mann 18, und der Sohn hat dort gelernt. „Wir waren stolz auf die Firma“, sagt sie, „wir hätten das letzte Hemd für sie gegeben.“ Die Firma war ein Teil der Familie, mit der man zusammen alt werden wollte. Aber nachdem sie „wie ein Putzlappen“ weggeworfen wurde, will sie nichts mehr mit denen zu tun haben, von denen sie einst geglaubt hat, sie würden schon alles richtig machen. Es war ein Irrtum.

Inzwischen hat sie die Hausrat- und Rechtschutzversicherung gekündigt, das Auto abgemeldet und den Kleiderkauf eingestellt. So üppig, wie sich die Abfindungen anhören, sind sie nicht. Wenn 25 000 Euro nach Steuern bleiben, ist es viel. Einen Job ersetzen sie nicht, vor allem dann nicht, wenn er lange oder ganz ausbleibt. Für den Fall, dass sie wieder einen kriegt, weiß sie eins: Sie wird keine AEG-Geräte mehr kaufen. Man müsse ja davon ausgehen, argwöhnt Mutter Hübschmann, dass die Kaffeemaschinen demnächst von Kindern in Bangladesch hergestellt würden.

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