Zeitung Heute : Keifen im Baß

CHRISTINE WAHL

Das Berliner Männerensemble spielt Goldonis "Krach in Chiozza"CHRISTINE WAHLAngesichts exklusiver Männlichkeit ist vorauseilenden Mißverständnissen vorzubeugen.Also kündigt das Berliner Männerensemble bereits im Programmheft an, daß es mit seiner konsequent männlichen Rollenbesetzung "keinen schwulen Schabernack" bezweckt, sondern auf hehre Theorie rekurriert: Die amerikanische Philosophin Judith Butler konstatiert - in ihrem gleichnamigen Werk - das "Unbehagen der Geschlechter" und unternimmt im Dienste allseitiger Emanzipation den "Versuch, zur Geschlechter-Verwirrung anzustiften".Bezüglich geschlechtsspezifischer Zwänge erweist sich der 1761/62 von Carlo Goldoni verfaßte, infolge einer gebackenen Kürbisscheibe entbrennende "Krach in Chiozza" tatsächlich als unerschöpflich: In besagtem Ort - charakterisiert durch einen Überschuß an weiblicher Bevölkerung - harren fünf Frauen klöppelnd ihrer vom Fischfang heimkehrenden Ehemänner beziehungsweise Auserkorenen. Eine der Spitzenklöpplerinnen, Lucietta, fordert also den Kahnbesitzer Toffolo kokett heraus, ihr eine gebackene Kürbisscheibe zu spendieren.Da den Toffolo aber eigentlich die Checca ins Auge gefaßt hat und Lucietta zudem mit Titta Nane verlobt ist, zücken die mittlerweile gestrandeten Männer zur heroischen Ehrenrettung Messer, während die Frauen einander lustvoll ihre marktwertmindernden Eigenschaften an den Kopf werfen und die Verlobten sich nicht mehr sehen wollen.Isidoro, der "Koadjutor der Gerichtskanzlei", muß daher schlichtend und kuppelnd das gute Ende in Gestalt dreier Verheiratungen herbeiführen. Das Berliner Männerensemble verzichtet unter Jan Oberndorffs Regie nahezu gänzlich auf Requisiten: Der Schauplatz ist ein schlichtes Holzpodest, und statt weiblicher Maskierung à la "Tootsie" gelten einzig Röcke als augenscheinliches Zugeständnis an die Feminität.Die "Verwirrung der Geschlechter" obliegt also vollends dem darstellerischen Potential - und gelingt wundervoll in einem weiblichen Streitduett, in dem Orsetta (Volker Figge) und Lucietta (Stephan Bürgi) sich nicht umgehend hysterisch aufeinanderstürzen.In dem sie: "Du Schlampe!" nicht in jener peinigenden Tonlage sprechen, auf die Komödien-Regisseure in solchen Fällen gewöhnlich zurückgreifen.In dem sie erst mal irgendwie in sich ruhend streiten.Vielleicht stolz.Auf jeden Fall mit tiefen Stimmen.Da Isidoro (Stephan Samuel) als Friedensstifter wahllos an fremden Rocksäumen wie Hosenschlitzen nestelt, bedient sich die Inszenierung allerdings auch recht naheliegender Subversionsstrategien.Daß sie aber selbst an solchen Stellen nicht in falsch verstandenem Komödiantismus verendet, liegt an einer bestechenden Detailversessenheit: Der dem Isidoro ergebene Gerichtsbote beispielsweise wird von Patrick von Blume nicht nur mit stets zitternder Unterlippe bei leichter körperlicher Schräglage gespielt, sondern auch in kurzen Hosen, die um die exakt stimmigen drei Zentimeter zu kurz sind.Das Allerwichtigste an diesem "Krach in Chiozza" aber hat - und das ist dann wohl wirklich die hohe Schule der Subversion - nur bedingt mit Judith Butler zu tun: Ich habe im Theater lange nicht mehr so gelacht!
Bis zum 13.April, immer donnerstags bis montags, 20.30 Uhr, im Theater Zerbrochene Fenster, Schwiebusser Straße 16.

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