Zeitung Heute : Keimzelle Krankenhaus

Sie probieren alles: Kochsalz, Antibiotika – der Erreger ist stärker Die Mediziner entlassen ihn, die Wunde nässt noch. Damit fängt alles an „MRSA breitet sich aus wie ein Flächenbrand“: In Kliniken vermehren sich zunehmend Bakterien, den Ärzten gehen die Mittel aus, sie zu bekämpfen. Die Gründe: falscher Einsatz von Arznei, Hygienemängel. Jetzt schlägt die Bundesregierung Alarm

Rieke Beckwermert[Weilburg an der Lahn]

An guten Tagen schläft der Keim. Dann kann sie ohne Krücken gehen. Heute ist kein guter Tag. Ein Operationssaal. Eine Lampe leuchtet rot über der stahlgrauen Schiebetür. Hinter der Tür liegen die Instrumente bereit. Das Morphin in Sabine Baumanns* Venen beginnt zu wirken. Sie spürt die harte Liege unter sich nicht mehr. Ein Arzt beugt sich über ihr Bein. Er zückt einen Löffel mit messerscharfer Kante, gleich wird er am Knochen kratzen. Dieses schabende Geräusch, dieser Schmerz, den nichts betäuben kann. Sie wird schreien.

Als er fertig ist, hat der Arzt ein fingernagelgroßes Häufchen totes Gewebe herausgeholt. „Es sieht aus wie Eiweiß“, sagt Sabine Baumann später. Bester Nährboden für den Keim.

Seit mehr als einem Jahr muss Sabine Baumann ständig in die Klinik, manchmal jeden zweiten Tag. Sie leidet an Osteomyelitis, einer chronischen Entzündung im Knochen. Ein aggressiver Keim hat sich durchs Mark ihres rechten Schienbeins gefressen. Nach einer Operation am Knie. Baumanns Fall soll Rechtssicherheit schaffen. So plant es ihr Anwalt.

Die Ärzte haben viel ausprobiert, haben sie vollgestopft mit Antibiotika, haben medizinische Perlen und Schwämme eingepflanzt, Kochsalzlösung durch ihr Bein gespült. Der Keim ist stärker, Staphylococcus aureus, mikroskopisch klein, kugelförmig. Er ist resistent gegen mehrere Antibiotika-Klassen. Dieser Problemkeim ist oft unempfindlich gegenüber der großen Gruppe der Methicilline, Fachleute nennen ihn deshalb Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus, kurz MRSA.

Den Ärzten gehen die Präparate aus. Glaubt man Experten, dann steht am Ende der Keimevolution eine Katastrophe: die Wiedergeburt der Seuchen.

Schon jetzt belasten Klinikinfektionen jährlich in Deutschland bis zu eine Million Menschen, schätzt die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene, DGKH: etwa 3,5 Prozent der 16 Millionen stationären Krankenhauspatienten. Der Anteil der Keime, gegen die viele Antibiotika nicht mehr wirken, ist dabei nach oben geschnellt. In den 90er Jahren lag er noch bei zwei Prozent, inzwischen bei 27, sagt der Berliner DGKH-Sprecher Klaus-Dieter Zastrow. „MRSA breitet sich aus wie ein Flächenbrand.“ Die Hauptgründe: falscher Einsatz von Antibiotika, Hygienemängel.

Deshalb unterstützt das Bundesgesundheitsministerium nun eine neue Hygieneinitiative: die Aktion „Saubere Hände“. Untertitel: „Keine Chance den Krankenhausinfektionen!“ Sie richtet sich an das Klinikpersonal. Jede vierte Krankenhausinfektion könne durch saubere Hände vermieden werden, heißt es. Die Lage, sagt Zastrow, sei „dramatisch“.

Berufsmäßiges Mahnen, erwidern Krankenhaus-Lobbyisten wie Rudolf Kösters, Präsident der Deutschen Krankenhaus-Gesellschaft. Natürlich müsse man an die Gefahr erinnern. „Aber die Kritiker sollen auch mal zur Kenntnis nehmen, dass wir nicht am Anfang stehen. Die Krankenhäuser sind gut gerüstet.“

Offenbar nicht alle. Es gibt große Qualitätsunterschiede. Nur vier Bundesländer haben eigene Krankenhaushygieneverordnungen: Nordrhein-Westfalen, Berlin, Sachsen und Bremen. So gibt es Häuser mit striktem Hygienemanagement, die sich „Hygieniker“ leisten. Und solche, die da sparen. Ihre Infektionsstatistiken müssen sie bisher nicht öffentlich machen. Nur bei „gehäuftem Auftreten“ müssen sie MRSA-Fälle an die Gesundheitsämter melden. Allerdings ist nicht definiert, was „gehäuft“ bedeutet.

Mitte Dezember 2007, ein Nachmittag im Wartezimmer. Sabine Baumann ist mal wieder im Krankenhaus. Sie versucht, ihre Verwundbarkeit hinter einer Wand aus Sarkasmus zu verbergen. „Soll das Bein doch brechen, dann ist es endlich vorbei.“ Angefangen hat alles im April 2004, wenige Tage nach einer Knieoperation in einer deutschen Sportklinik. Mit heftigen Schmerzen fuhr sie wieder in die Klinik. „Dort hat mir ein Assistenzarzt bloß eine Schmerzspritze gesetzt.“ Der Keim war da wohl schon längst in ihrem Bein. Wenig später fieberte sie, kollabierte, sie musste notoperiert werden. „Massenhaft Staphylokokken“ stellten die Ärzte fest. Da war sie 35. Eine sportliche Frau, groß, muskulös, Kurzhaarfrisur. Nur Handball zählte damals, sie wollte Trainerin werden. Die C-Lizenz, Regionalliga-Status, hatte sie schon.

Heute nimmt sie starke Schmerzmittel, oft den Rollstuhl. Sie hat einen Behindertenausweis, 50 Prozent „G“ steht darin, gehbehindert. Handballspiele mag sie nicht mehr sehen. Seit November lebt sie von Hartz IV.

Sabine Baumann hat sich einen Anwalt genommen, Burkhard Kirchhoff. Im Internet findet man ihn unter dem Stichwort „MRSA-Anwalt“, er hat seine Kanzlei in Weilburg an der Lahn, Hessen. Kirchhoff, noch keine 40, blond, randlose Brille, sitzt an einem massiven Holzschreibtisch. Er will ein Grundsatzurteil. „Dafür ziehe ich bis vor den Bundesgerichtshof.“ Er will, dass Ärzte Patienten vor Operationen über die Gefahr einer Infektion mit multiresistenten Keimen aufklären müssen. Zumindest hätten sie dann die Möglichkeit, sich über die Hygienebedingungen an der Klinik zu informieren und eventuell eine andere zu wählen.

Bei Medizinern ist Kirchhoff nicht sehr beliebt. Er sagt von sich selbst, er sei der einzige Anwalt bundesweit, der so offensiv gegen Kliniken vorgehe. Regelmäßig verschickt er Strafanzeigen wegen Verdachts auf fahrlässige Körperverletzung. Wegen Sabine Baumann aus Hessen hat er Ermittler auf die Sportklinik angesetzt.

Multiresistente Bakterienstämme sind nicht unbedingt gefährlicher als andere. Nur schwerer zu bekämpfen. Sie leben auf der Haut und in den Nasenschleimhäuten des Menschen. Gesunden Menschen schaden sie nicht. Doch Ärzte und Pfleger können sie unwissentlich von Patient zu Patient weitertragen, wenn sie die Hände nicht ausreichend desinfiziert haben. Gelangt ein Keim in eine frische Wunde, kann er schwere Infektionen auslösen. Auch über Katheter, Beatmungsschläuche und Dialyse geraten Erreger in den Körper. Damit steigt das Risiko für Harnweginfekte, Lungenentzündungen, Blutvergiftungen. Besonders alte und geschwächte Menschen sind anfällig. Klinikvertreter klagen deshalb, MRSA werde aus Heimen eingeschleppt. Wie viele Menschen im Jahr in Deutschland daran sterben, kann die DGKH nur schätzen: 700 bis 1500. Auf Totenscheinen wird der Keim nicht vermerkt.

Ein Assistenzarzt führt Sabine Baumann ins Behandlungszimmer. Heute muss sie nur den Verband wechseln lassen. Sie schiebt ihr rechtes Hosenbein hoch. An der Stelle, wo mal ein heiler Unterschenkel war, hängt kraftloses Fleisch. Unter dem Knie klafft ein Loch entlang des Schienbeins, blassrot glänzende Ränder umgeben die Knochenspalte.

„Wär doch gelacht“, hat mal ein junger Mediziner zu ihr gesagt, „wenn wir das nicht geschlossen kriegten.“ Sabine Baumann hat geantwortet: „Wird den Professor sicher freuen, wenn Sie ihm erklären können, wie das geht.“

Sie ist skeptisch nach eineinhalb Jahren in Klinikbetten,nach mehr als 80 Eingriffen. Bein aufgeschnitten. Bein gespült. Bein ausgeräumt. Bein zugenäht. Tage voller Hoffnung. Tage voller Enttäuschung. Der Keim beginnt zu toben, eine neue Entzündung.Vielleicht muss sie den Unterschenkel amputieren lassen.

Burkhard Kirchhoff zieht unter den braunen Klientenakten in seinem Büro Hochglanzpapier hervor. „Krank im Krankenhaus“. Ein Report. Der Versicherungskonzern Allianz hat ihn vor einigen Wochen gemeinsam mit der DGKH herausgegeben: 50 Seiten über die „schleichende Gefahr resistenter Keime“. Darin sind viele Gründe aufgelistet, warum es mit der Hygiene nicht klappt. Personal- und Zeitmangel etwa.

Zum Beispiel ignoriert eine überlastete Krankenschwester den Desinfektionsmittelspender. Hygiene kann auch lästig sein. MRSA-Patienten müssen isoliert werden, Pfleger sich vermummen, mehrere Wundabstriche sind Pflicht. Zudem sei die „Hygiene in der Ärzteausbildung unterrepräsentiert“ sagt Bärbel Christiansen, zweite Vorsitzende der Kommission Krankenhaushygiene des Berliner Robert-Koch- Instituts. Stattdessen haben Ärzte und Pfleger auf das Allheilmittel vertraut: Antibiotika.

Doch die Superwaffe wirkt oft nicht mehr. Die Pharmaindustrie entwickelt immer weniger Antibiotika: zu teuer angesichts der schnellen Resistenzbildung. Bakterien entschärfen Antibiotika durch raffinierte Mechanismen, mit spontanen Mutationen oder Genaustausch. Ein resistenter Stamm entsteht, wenn ein Antibiotikum alle empfindlichen Bakterien vernichtet, während eine unempfindliche Variante überlebt. Und die vererbt ihren Vorteil an alle folgenden Generationen.

Der Methicillin-resistente Staphylococcus aureus wird zum ersten Mal 1961 in Großbritannien beobachtet. Kirchhoff hört in den 90er Jahren davon. Er liest sich ein. Stößt auf Berichte von Hygienemängeln. Der Steuerrechtler wird zum MRSA-Anwalt. Im Juni 2006 legt Kirchhoff die Akte Baumann an. Der Fall entwickelt sich wie viele andere. „Die Kliniken behaupten stets, so eine Infektion sei unvermeidlich.“ Die Haut sei niemals steril, Patienten würden oft durch Keime krank, die sie bereits in sich trugen.

War es unvermeidlich, dass sich in Sabine Baumanns Knie Staphylokokken einnisteten? Das wird die 4. Zivilkammer des Landgerichts Hagen prüfen. Der Antrag auf Prozesskostenhilfe wurde bewilligt, jetzt zahlt der Staat die Anwaltskosten. Es ist ein erster Sieg über die Gegenanwälte. Die hatten gefordert, den Antrag abzulehnen. Alle Vorwürfe seien unbegründet. Kirchhoffs Ziel ist es, mit Schadensersatzklagen Geld für seine MRSA-Klienten zu erstreiten. Er spekuliert auf außergerichtliche Vergleiche. Es ist schwer zu beweisen, dass Hygienemängel eine Infektion zur Folge hatten. Die Beweislast liegt beim Kläger.

Hans Ludwig Staude aus Timmendorfer Strand, heute 70, war einer von ihnen. Er trug eine künstliche Hüfte, bis ein Gelenkkopf aus der Pfanne rutschte. Er wurde operiert und mit einer, wie er sagt, stark nässenden Wunde entlassen. Damit beginnt eine Leidensgeschichte, die der von Sabine Baumann ähnelt. Entzündungen, ungezählte Operationen, neue Entzündungen. Staude hat jetzt keine Prothese mehr, er braucht Rollstuhl und Elektromobil. Will er ein paar Schritte hinaus in den Garten, geht das nur im Schaukelschritt: rechtes Bein vor, linkes Bein heben, vor das andere setzen. Doch Staude sagt: „Ich habe ein Dach über dem Kopf. Es geht mir nicht so schlecht.“

Die Versicherung der Klinik bedauerte den Behandlungsverlauf, die „Auswirkungen der Beschwerden auf die Lebensqualität“. Ärztliche Fehler oder hygienische Mängel räumte sie nicht ein. Doch sie zahlte 75 000 Euro, außergerichtliche „Vergleichs- und Entschädigungsvereinbarung“. Das Strafverfahren wurde im Herbst eingestellt, „derartige Entzündungen können hervorgerufen werden“, stand in der Begründung.

„Uninteressant“, sagt der Anwalt. Die Anzeige sei bloß Mittel zum Zweck. So komme er an nicht-öffentliche Unterlagen, die Infektionsstatistik. Seine Taktik: das Hygiene-Management infrage stellen. Erst mal kämpft er in einer Teilklage um 25 000 Euro, manchmal um mehr. 25 000, das klingt nach wenig, gibt er zu. Sollte er die Teilklage aber gewinnen, gehe es für seine Mandantin „um ein Vielfaches“. Wird die Klage abgewiesen, zieht er vors Oberlandesgericht. Dann zum Bundesgerichtshof.

Sabine Baumann ist das recht, sie will, dass das MRSA-Problem nicht länger „unter den Teppich gekehrt wird“. Und, ja, auch: finanzielle Entschädigung für die vielen schlechten Tage, die sie bisher erlebt hat und diejenigen, die noch kommen werden. Tage, an denen der Keim nicht schläft.

* Name geändert

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