Zeitung Heute : Kein Dienst unter Freunden

Die Türkei sieht sich nur als Instrument im Streit mit den Vereinigten Staaten – und ist gerade deshalb besorgt

Susanne Güsten[Istanbul]

Die Türkei ist zwischen die Mühlsteine des transatlantischen Streits um die Irak-Politik geraten, meint die türkische Zeitung „Radikal“, die am Montag mit „Veto gegen die Türkei in der Nato“ titelte. „Das ist das Ende der Nato“, verkündete das Konkurrenzblatt „Tercüman“. „Es ist nicht so sehr eine Spitze gegen die Türkei, sondern viel eher gegen die USA“, fasste eine Zeitung die Sichtweise der türkischen Regierung zusammen. Was trotzdem bleibt, ist der Eindruck, dass das Bündnis im Krisenfall nicht mehr funktioniert.

Dabei glaubt die türkische Regierung – zumindest offiziell – nicht an ernsthafte Probleme. Es gehe nicht um eine grundsätzliche Meinungsverschiedenheit, sagte Außenminister Yasar Yakis. Es habe auch kein Veto gegen die Verteidigung der Türkei gegeben. Der deutsche Botschafter in Ankara, Rudolf Schmidt, sieht auch keinen Grund zur Panik, wie er bei einem Termin im türkischen Außenamt sagte.

Yakis wollte nur kleine Differenzen unter Freunden erkennen, einen Streit über den richtigen Zeitpunkt der Nato-Maßnahmen. Und dieser Streit werde sicher überwunden, sagte der Minister. Doch die beruhigenden Worte des türkischen Chefdiplomaten können nicht über den Ernst der Lage hinwegtäuschen. Er selbst gewährte einen Einblick in die intensiven Bemühungen um ein Krisenmanagement, die hinter den Kulissen im Gange waren. Noch am Wochenende hatte Yakis mit seinen Amtskollegen in Deutschland, Belgien und Frankreich telefoniert, um sie von ihrem Veto abzubringen. Deshalb wandte sich Yakis Hilfe suchend an seinen griechischen Kollegen Yorgo Papandreou, um sich den Beistand der EU-Ratspräsidentschaft zu sichern.

Das Patriot-Problem ist nicht so sehr ein militärisches. Weil die Nato zögerte, hat die Türkei damit begonnen, auf bilateraler Ebene diskret Fühler nach verschiedenen Partnern auszustrecken und nach Patriots zu fragen. Erste Kontakte waren viel versprechend. Dabei ist unumstritten, dass Patriot-Systeme nur auf begrenztem Raum gegen anfliegende Raketen wirksam sind. Der ganze türkische Südosten, der in Reichweite irakischer Geschosse liegt, kann so nicht verteidigt werden. Doch im Nato-Streit geht es um Psychologie, nicht um Waffen.

In der türkischen Öffentlichkeit besteht kein Zweifel darüber, dass mehr auf dem Spiel steht als nur eine Rangelei um Zeitpunkte. Belgien, Frankreich und Deutschland blockierten sogar die Planungen für den Ernstfall, kritisierte die englischsprachige „Turkish Daily News“ am Montag. „Geht man so mit Freunden um?“, fragte das Blatt. Dass im Mittelpunkt des Streits zwischen den USA auf der einen und Frankreich, Deutschland und Belgien auf der anderen Seite nicht die Türkei, sondern die Irak-Politik steht, ist ein schwacher Trost.

Selbst der um Entwarnung bemühte türkische Außenminister mochte gestern nicht über die Möglichkeit sprechen, dass der türkische Antrag auf Nato-Beistand nach Artikel 4 in Brüssel ebenfalls abgeschmettert werden könnte. Auf die Frage eines Journalisten, was die Türkei dann zu tun gedenke, erwiderte der Minister nur: „Das sehen wir dann.“

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