Zeitung Heute : Kein ganz normaler Tag

Der 27. Januar erreicht nur die, die sich auch ohne Gedenktag Gedanken machen – hilfreich ist er aber schon

Christian Böhme

Heute – am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz – begehen die Vereinten Nationen zum ersten Mal den „Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus“. In Deutschland hatte Roman Herzog den 27. Januar bereits vor zehn Jahren zu einem Tag des Erinnerns gemacht. Was ist das Für und Wider dieses Gedenktages?


Dieser 27. Januar ist etwas ganz besonderes. Wann wird einem Datum schon die Ehre zuteil, gleichzeitig Premiere und Jubiläum zu sein. Der 27. Januar 2006 hat es geschafft. Zum ersten Mal sind alle Mitglieder der Vereinten Nationen aufgerufen, heute an die Millionen Opfer der Schoa zu erinnern. Zum zehnten Mal wird in Deutschland der „Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus“ begangen. Womöglich werden sich viele Bundesbürger – alte wie junge – wundern. Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus? Nie gehört. Wird denn nicht heute der Holocaust-Opfer gedacht, der Juden, der Befreiung von Auschwitz? Da gibt es doch immer diese Berichte in den Zeitungen, im Radio und im Fernsehen.

Willkommen in der deutschen Gedenkwirklichkeit.

Der 27. Januar: Ein Datum, das es bisher nicht geschafft hat (und es wohl auch in absehbarer Zeit nicht schaffen wird), als besonderer Tag der Erinnerung und des Nachdenkens wahrgenommen zu werden. Der 27. Januar ist schlicht im Bewusstsein der Bevölkerung nicht angekommen, geschweige denn verankert. Wie auch. Das Problem fängt schon beim Namen an. Aus dem sperrigen „Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus“ ist längst der „Holocaust-Gedenktag“ geworden. Eine bezeichnende Verkürzung. Roma, Sinti, Homosexuelle, „Asoziale“, Behinderte und Regimegegner – all die anderen Opfer der NS-Diktatur fallen so gedanklich hinten runter.

Und dann das Gedenken selbst. Reden, Reden, Reden. Auch im Bundestag. Mal wieder einen Zeitzeugen befragen und eine Lichterkette initiieren. Nett gemeinte Gedenkstunden. Doch damit erreicht man sicher nur das Bewusstsein von ein paar wenigen. Die, die sich auch ohne Gedenktage ihre Gedanken machen. Große Aufmerksamkeit schafft das nicht. Und die wäre nötig, um dem 27. Januar eine zumindest klitzekleine Chance zu geben, verinnerlicht zu werden. Mehr Aussicht auf Erfolg könnte da schon eine Idee von Paul Spiegel haben. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland hat vorgeschlagen, dass an diesem Tag das öffentliche Leben für ein paar Minuten still stehen und Sirenen heulen könnten. Wie in Israel am Holocaust-Gedenktag Jom ha-Shoa. Das wäre wenigstens ein weithin hör- und sichtbares Zeichen.

Der 27. Januar. Ein Ritual, immerhin. Was erinnert denn sonst an die NS-Terror- und Mordmaschinerie und an die Menschheitsverbrechen, mal abgesehen von geschichtspolitischen Debatten, Antisemitismusvorwürfen und einem in Beton gegossenen Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlins Mitte?

Da kann ein hervorgehobener Tag des Jahres in Sachen Erinnerung schon hilfreich sein. Nur muss er mit Sinn, ja gewissermaßen mit Leben gefüllt werden. Wie sollte man sonst gerade Schüler und Jugendliche für ein solch grausames, unvorstellbares Geschehen interessieren, das nach ihrem Empfinden allerfernste Vergangenheit ist. Geschichte schafft es aber nur in die Gegenwart und in die Köpfe, wenn sie persönlich wird. Der Kontakt mit Zeitzeugen und das Betroffensein gehören dazu, wenigstens ein Mal im Jahr.

27. Januar, der Tag der Opfer. Noch ein paar Jahre, dann werden alle, die von ihrem Leid berichten können, gestorben sein. Ein Verlust, der die Historisierung der NS-Zeit und der Schoa vorantreiben wird. Natürlich werden die Verbrechen nicht in Vergessenheit geraten. Wie könnten sie. Aber vielleicht – wenn auch unbeabsichtigt – die Opfer. Vor genau einem Jahr wurde in Auschwitz an die Befreiung des deutschen Vernichtungslagers durch die Rote Armee erinnert. Zum 60. Jahrestag waren viele Staats- und Regierungschefs angereist, die im Schneetreiben zahlreiche Reden hielten. Auch Überlebende hatte man eingeladen. Manche von ihnen trugen gestreifte Häftlingskleidung. Ansonsten wären sie als Randerscheinung einer Feier wohl kaum aufgefallen. Und das am 27. Januar. Ein gedenkwürdiger Tag.

Christian Böhme ist Chefredakteur der „Jüdischen Allgemeinen“.

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