Zeitung Heute : Kein klassisches Museum

Im Nobel Friedenszentrum in Oslo stehen die Preisträger im Mittelpunkt

Rolf Brockschmidt

Eine Teilnahme an der Verleihung des Friedensnobelpreises in Oslo ist nur wenigen Auserwählten vorbehalten. Doch seit Juni 2005, im 100. Jahr der Selbstständigkeit Norwegens, gibt es für alle, die sich umfassend über die Friedensnobelpreisträger, über ihre Ideen, ihre Arbeit, ihre Kämpfe und ihre Erfolge informieren möchte, ein Ausstellungs- und Aktionszentrum: das Nobel Friedenszentrum (Nobels Fredssenter). Im aufwändig renovierten Bahnhof der ehemaligen Westeisenbahn an der Akersbrygge gegenüber dem Rathaus in Oslo hat es ein geeignetes Domizil gefunden, einen Ort himmlischer Ruhe – denn das gesamte Areal ist autofrei.

Der ehemalige Bahnhof strahlt von außen den Charme des 19. Jahrhunderts aus. Doch innen erwartet den Besucher ein modernes, anspruchsvolles, künstlerisches Ambiente, entworfen von David Adjaye, dem Shootingstar der Londoner Architektur-Szene. Schon das feuerrot gehaltene Foyer – hier ist wirklich alles rot – lässt ahnen, dass dies kein gewöhnliches Museum ist.

Als erstes betritt man die „Ehrenpassage“, einen lang gestreckten, total verspiegelten Kubus. An der Stirnwand ist auf einem Flachbildschirm der aktuelle Preisträger, Mohamad el-Baradei, immer wieder in kurzen Szenen zu sehen. In einer Vitrine liegt die Original-Medaille des norwegischen Friedensnobelpreisträgers Christian L. Lange, der 1921 ausgezeichnet wurde.

Der „Tryptichon der Hoffnung“ der Künstlergruppe Talking pieces führt den Besucher in drei runde Projektionsräume. Eine Sammlung mit traurig-berühmten Zitaten zu Menschenrechtsverletzungen, Chauvinismus und Nationalismus werden im Wechsel gezeigt. Im nächsten Raum werden Länderberichte, visualisierte Statistiken zur Apartheid, zur Unterdrückung in Burma, aber auch zur friedlichen Trennung Norwegens von Schweden im Jahr 1905 präsentiert. Jedes Thema endet mit einem Knall und einem Artikel aus der Charta der Menschenrechte. Im dritten Raum flattern aus Flaggen von Ländern Schmetterlinge zu weltberühmten Friedenszitaten.

Im ersten Stock befindet sich neben einer Galerie für Ausstellungen und einem kleinen Kino das Herz des Friedenszentrums – das „Nobel Field“: Es ist ein in bläulichem Licht schimmernder Raum mit einem Meer von Glasfaserstäben, die sich wie Schilfgras im Wind wiegen. An vielen der leuchtenden Glasfiberstäben ist ein kleiner Bildschirm angebracht, der bei Annäherung Informationen zum Leben und Werk eines bestimmten Nobelpreisträgers preisgibt. Beim Schlendern durch den digitalen Garten entdeckt man dem kollektiven Gedächtnis längst entschwundene Persönlichkeiten wieder und findet natürlich auch vertraute Namen. Untermalt wird die friedliche, meditative Stimmung von Sphärenklängen.

Eine ganz besondere Installation findet sich im so genannten Nobel-Zimmer. Auf den ersten Blick sieht sie aus wie ein ganz gewöhnliches Buch. Doch es lässt sich elektronisch umblättern. Auf den Seiten erscheinen Kapitel aus Nobels Leben. Wenn man eine bestimmte Stelle berührt, wird genau diese Information ergänzt. Musik und Geräusche, etwa eine kleine virtuelle Dynamit-Explosion, lockern den teilweise schwer verdaulichen Stoff auf.

Im „globalen Raum“ gibt es auf sechs Bildschirmen, die sich wiederum aus einzelnen zusammensetzen, Beiträge über die Preisträger. Diese Form der Präsentation dürfte auch jüngere Besucher schon wegen der Technik faszinieren.

Wer dann ermattet von den Eindrücken durch eine als Quadrat dargestellte grenzenlose, nur mit Städten versehene „Erde“, schreitet, findet im Café de la Paix nicht nur seine Ruhe und seinen Frieden, sondern auch Leckereien mit viel Schokolade.

Weiteres im Internet:

www.nobelpeacecenter.org

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