Zeitung Heute : Kein Mann für schwache Stunden

Immer, wenn er über jemanden etwas Nettes sagt, wirft Donald Rumsfeld eine Münze in eine Schale in seinem Büro. Die Schale ist fast leer. Der US-Verteidigungsminister ist angriffslustig. Und jeden, der Risiken scheut, verachtet er. Jetzt auch Frankreich und Deutschland – das „alte Europa“.

Malte Lehming[Washington]

Von Malte Lehming,

Washington

Er braucht Platz. Sein Büro ist so groß wie ein Tennisplatz. Er ist immer in Bewegung, läuft auf und ab, das Hinsetzen behagt ihm nicht. Deshalb arbeitet er fast immer an einem Stehpult. Das ist nicht selbstverständlich für einen Mann in seinem Alter. 70 Jahre! Eigentlich eine Zeit, kürzer zu treten und den mühsam erworbenen Wohlstand zu genießen. Doch Donald H. Rumsfeld, Amerikas Verteidigungsminister, will sich nicht zurückziehen. Ganz im Gegenteil.

Der Frühaufsteher ist ein Energiebündel. Spätestens um sechs Uhr 30 trifft Rumsfeld morgens im Pentagon ein, frühestens um 20 Uhr verlässt er das Gebäude. In dem berühmtesten Fünfeck der Welt herrscht er über einen riesigen Betrieb. Im Pentagon selbst laufen täglich 23000 Menschen durch knapp 30 Kilometer Korridor. Insgesamt beschäftigt die US-Armee 1,4 Millionen Menschen. Der Etat ist astronomisch hoch. Allein die Steigerung des US-Verteidigungsbudgets für 2003 um 50 Milliarden auf rund 380 Milliarden Dollar ist doppelt so groß wie der deutsche Bundeswehr-Haushalt. Diesen Mammutapparat muss Rumsfeld verwalten. Kein leichter Job. Das Amt des Verteidigungsministers gilt als eher undankbar. Doch der kleine, verschmitzte Mann, den seine Freunde „Rummy“ nennen, blüht darin auf. Was treibt ihn an? Leidenschaft, Ehrgeiz, Verantwortungsgefühl?

Der ehemalige Ringkämpfer

Auf einem Beistelltisch in seinem Büro steht eine Glasschale. Mit dieser Glasschale hat es seine Bewandnis. Auf deren Boden liegen einige Münzen. Manchmal, wenn Rumsfeld gute Laune hat, warnt er seine Besucher. „Immer, wenn ich über jemanden etwas Nettes sage, schmeiße ich am Abend eine Münze in diese Schale“, erzählt er ihnen. „Wie Sie sehen, ist das nicht oft passiert.“ So ist er: ruppig, humorig, kantig. Damit kommt nicht jeder klar. Seine Gegner nennen ihn arrogant, kalt, unnahbar.

Die Suite 800 im „Foreign Press Center“ in Washington platzt an diesem Mittwoch aus allen Nähten. Rumsfeld und Generalstabschef Richard B. Myers geben eine Pressekonferenz vor ausländischen Medien. Einziges Thema: der Irak. Die Fragen sind hart, einige provozierend. Journalisten aus der Türkei, dem Iran und ein Palästinenser aus Jerusalem versuchen, Rumsfeld in Bedrängnis zu bringen. Amerika sei isoliert, ein Irak-Krieg gefährlich, die Nahost-Politik unmoralisch. Rumsfeld, ein ehemaliger Ringkämpfer, nimmt die Herausforderung an. Mit einer Mischung aus Ernst, Ironie und Faktenkunde begegnet er allen Einwänden. Rumsfeld weicht nie aus. Wenn er eine Frage aus Sicherheitsgründen oder Unwissen heraus weder beantworten kann noch will, sagt er auch das.

Im „Foreign Press Center“ zieht Rumsfeld an diesem Nachmittag genüsslich über jene her, die die „so genannten UN-Inspektoren“ zu „Entdeckern oder Aufspürern“ degradieren. „Wir wissen, dass der Irak Massenvernichtungswaffen hat. Es ist nicht die Aufgabe der Inspektoren, diese Waffen zu finden, sondern das Regime von Saddam Hussein muss sie nachweislich vernichten.“ Die Entscheidung über Krieg und Frieden werde daher nicht in Washington oder bei der Uno getroffen, sondern allein in Bagdad. Ein Europäer fragt nach dem deutsch-französischen Schulterschluss gegen einen Krieg. Rumsfeld antwortet, wie gewohnt, schroff. Sicher, im Rahmen des UN-Sicherheitsrates seien Frankreich und Deutschland zwei Problemfälle. Einstimmigkeit wäre schön. Aber eine europäische Front gegen den Krieg könne er nicht entdecken. „Deutschland und Frankreich, das ist das alte Europa. Das Gravitationszentrum hat sich gen Osten verlagert. Viele andere Länder in Europa stehen auf unserer Seite.“

Was folgt, ist ein kleiner Exkurs, der sich ebenfalls als Breitseite gegen Schröder und Chirac verstehen lässt. Rumsfeld redet über Meinungsumfragen. Viele Politiker ließen sich immer stärker von aktuellen Stimmungen leiten. Das sei charakterlos. Ein aufrechter Politiker „führt, anstatt geführt zu werden“. Für amerikanische Ohren sind solche Sätze typisch „Rummy“. So kennt man ihn. Seine kleinen Hiebe werden deshalb, tags darauf, in den Zeitungen kaum besonders erwähnt. Auch inhaltlich stößt sich keiner an dem Begriff „altes Europa“. Längst hat die Bush-Regierung mit Befriedigung registriert, wie sich durch die Ost-Erweiterung von Nato und EU tatsächlich die Gewichte verschoben haben. Wenn George W. Bush nach Europa fährt und ein Bad in der Menge nehmen will, reist er ins Baltikum, nach Rumänien oder Polen. Dort leben die Amerika-Bewunderer. Dort stehen die Massen im strömenden Regen und jubeln ihm zu. Die Proteste gegen ihn finden in Berlin und Paris statt.

Es passt in dieses Bild, dass am Rande der Pressekonferenz eifrig über die Nachfolge von Nato-Generalsekretär George Robertson spekuliert wurde. Natürlich wäre aus amerikanischer Sicht ein Osteuropäer gut, gewissermaßen ein neuer Europäer. Immer wieder fällt der Name Aleksander Kwasniewski.

All das hat Rumsfeld im Kopf, als er Deutschland und Frankreich süffisant in die Bedeutungslosigkeit stürzt. Bestätigt fühlt er sich durch seine letzte Auseinandersetzung mit diesen beiden Ländern. Sie liegt knapp zwei Jahre zurück und drehte sich um eines seiner Lieblingsprojekte, das Raketenabwehrsystem. Der Streit darum war im Frühjahr 2001 das beherrschende transatlantische Sicherheitsthema. Besonders gegen die einseitige Aufkündigung des ABM-Vertrages durch die USA liefen Paris und Berlin Sturm. Ein Rückfall in den Kalten Krieg, eine neue Runde des Wettrüstens wurden befürchtet. Inzwischen ist der ABM-Vertrag gekündigt, die Raketenabwehr wird sukzessive aufgebaut, das war’s. Kein Rückfall, kein Wettrüsten.

Rumsfeld wird ungeduldig, wenn jemand die Gesetze einer neuen Zeit nicht spürt. Er selbst war seiner Zeit immer ein bisschen voraus. Er ist ein Frühstarter, ein erzkonservativer Visionär. Mit 30 Jahren Abgeordneter im Repräsentantenhaus, mit 41 US-Botschafter bei der Nato in Brüssel, mit 43 der jüngste Verteidigungsminister in der amerikanischen Geschichte unter Gerald Ford. Damals waren gerade Watergate und der Vietnamkrieg überstanden. Die Moral der Truppe war am Boden, das Ansehen des Militärs lag bei null. Rumsfeld schaffte es, den Soldaten wieder Halt und eine Orientierung zu geben. Und wenn es darauf ankam, legte er vor Rekruten 25 einhändige Liegestütze hin.

Als am Morgen des 11.Septembers 2001 das World Trade Center in New York zusammenstürzte, der Präsident, leicht panisch, quer durch die USA flog und der Vizepräsident im unterirdischen Bunker des Weißen Hauses saß, verließ Rumsfeld sein Büro, zog das Jackett aus und schloss sich spontan den Rettungsleuten an, die im ebenfalls getroffenen Pentagon nach Überlebenden suchten. Rumsfeld tat, was er von jedem Soldaten erwartet: Standhaft bleiben, auch wenn die Welt um dich herum explodiert.

Schwäche provoziert. Das ist seine Grundüberzeugung. Schon 1993 etwa befürwortete Rumsfeld US-Luftschläge gegen die bosnischen Serben. Das Pentagon war strikt dagegen, Bill Clinton rang sich erst zwei Jahre später dazu durch. Das Projekt eines Raketenabwehrschirmes verfolgt Rumsfeld wiederum seit zwei Jahrzehnten. Auch in der Armee, mitunter gegen den Widerstand starker Kräfte, setzt er ganz auf Hightech. Er lehnt schweres Gerät als veraltet ab, äußerste Mobilität und Effizienz seien die neuen Prinzipien.

Aufreizend pampig

Er sprüht über vor Ideen und hat ein Faible für alles Neue. Unter seinen Mitarbeitern kursiert das Wort von den „snowflakes“, den Schneeflocken, die Rumsfeld ständig fallen lässt. Tagein, tagaus läuft er mit einem Diktiergerät herum, in das er tausende von Fragen, Anmerkungen und Überlegungen spricht. Das muss am Abend abgetippt werden. Besprechungen eröffnet er gerne mit der schnoddrigen Frage „Whose nickel?“ – frei übersetzt: Was sollen wir hier? Brenzlig wird es, wenn er einen Satz mit der Formel beginnt: „Ich habe nur ein Minimum an Hochachtung für…“

Dieselbe aufreizende Pampigkeit legt Rumsfeld in seinen Pressekonferenzen an den Tag. Er eröffnet sie gerne mit dem Satz: „Fragen Sie alles, was Sie wissen wollen, wenn ich die Antwort weiß, sage ich sie Ihnen, wenn nicht, werde ich so klug wie möglich sein.“ Ruhig, niemals aufgeregt, hat Rumsfeld im Afghanistan-Krieg weder die Erfolge überzeichnet noch die Gefahren beschönigt. Bei den Medien und der Bevölkerung kam das an.

Sich den täglichen Polit-Tort anzutun hat Rumsfeld nicht nötig. In der Wirtschaft hat er ein Millionenvermögen verdient. Was ihn treibt, ist der pure politische Ehrgeiz, seine Ideen zu verwirklichen. Er ist ein Überzeugungstäter. Alle populären Einwände gegen das Neue – funktioniert nicht, zu riskant, zu teuer, lässt sich nicht durchsetzen – reizen ihn bis ins Mark. „Es ist falsch, wenn Menschen eine Nulltoleranz gegenüber jedem Risiko haben. Wir hätten keine Flugzeuge, wenn es die Brüder Wright nicht nach jedem Crash neu probiert hätten.“

In dieses Weltbild integriert sich auch die Vorbereitung des Pentagons auf den Irak-Krieg. Die Einwände dagegen reizen Rumsfeld genauso. Er verachtet solches Denken. Wenn es aus Europa kommt, fällt ihm nur ein Adjektiv dazu ein: alt.

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