Zeitung Heute : Kein Paar, aber ein Traumteam

SUSANNA NIEDER

Amos Kollek schaut schuldbewußt.Irgendwie ist die Frage, warum er Filme über gesellschaftliche Randfiguren wie "Sue" und "Fiona" dreht, zur Frage mutiert, wie er eigentlich mit solchen Filmen seine Familie ernährt.Naja, mehr schlecht als recht halt.Seine Frau kommt, an den Tisch, um die größere der beiden Töchter samt Bilderbuch abzusetzen.Das Kind ist fidel, der Vater eigentlich auch.Die Wahrheit ist: Prostituierte, Junkies und Menschen, die mitten in der Stadt vor Einsamkeit krepieren, sind eben das, was ihn interessiert.Deshalb wird er weiter Filme über sie drehen.Und zwar mit Anna Thomson, der Hauptdarstellerin aus den beiden letzten.Die erzählt und gestikuliert, obwohl sie todmüde ist nach dem vorhergehenden Abend.In "Sue" sah sie aus wie eine zerdrückte Orchidee mit ihrer zerbrechlichen Schönheit.In Natura wirkt sie handfester, mitteilsam.Sie zückt einen Stapel Fotos ihrer sechseinhalbjährigen Zwillinge Willie und Hugo.Vom Strand, vom Fasching.Mit ihrem verstorbenen Mann.

Amos Kollek und Anna Thomson finden, sie sind ein Team, wie es sich selten fügt.Miteinander reden sie schnell und frozzelnd; wenn man ihre gemeinsamen Filme nicht kennen würde, wäre man versucht, auf Komödien zu tippen.Neulich ist ihnen zu Ohren gekommen, man hänge ihnen eine Affäre an.Das finden sie so absurd, daß Amos ganz betreten schaut.Anna lacht.Für sie ist Amos der Regisseur, mit dem sie besser arbeitet als mit jedem anderen."Ich will nicht sagen, wir sind ein perfektes Paar, aber ein sehr gutes.Alles greift ineinander, ich weiß immer, was er will." Wie erträgt sie es, solche Rollen zu spielen, Einsamkeit oder ein Leben in einer halblegalen Grauzone? "Das ist leicht! Wenn ich mich beim Drehen wohlfühle, geht das ganz von selbst." Die Rolle der Sue hat Amos ihr auf den Leib geschrieben.Irgendwann im Gespräch fällt der Name Fassbinder, nicht ganz abwegig bei den Sujets, den Laiendarstellern, der engen Zusammenarbeit zwischen Regisseur und Hauptdarstellerin.

Für Amos (Sohn des ehemaligen Bürgermeisters von Jerusalem, Teddy Kollek, dessen Namen er unerwähnt läßt) ist die Beschäftigung mit Menschen, die jenseits von Karriere, Vaterland und Lohnsteuerjahresausgleich leben, ein Akt der Befreiung."Ich komme aus einer Familie, in der man ein guter Israeli, Soldat und Patriot sein mußte.Ich habe meine Eltern nie etwas leichtnehmen sehen.Leute, die sich nicht mit diesen Pflichten belasten, finde ich ungeheuer faszinierend." Und ebenso die Stadt, die er fast wie ein Ensemblemitglied in seine Filme einbezieht: "Ich liebe New York." Wo sonst kann man so vollständig seine Wege gehen?

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