Zeitung Heute : Kein Raum für Stille

ALBRECHT DÜMLING

Die Philharmoniker, Barenboim und der Oboist Hansjörg SchellenbergerALBRECHT DÜMLINGSeit Wolfgang Rihm ist die Musik Anton Bruckners für zeitgenössische Komponisten kein Fremdkörper mehr.Rihm entdeckte für sich die Traditionslinie Beethoven, Bruckner, Mahler und Hartmann.Es kam damit zur Wiederkehr der Aura.Bei Rihms Musik für Oboe und Orchester (1993-95) soll am Ende "die Physiognomie des Stückes aus der Aura heraus aufleuchten".Ein hektischer Taumel, eine Tanzbewegung, die sich von virtuoser Eleganz über Wildheit ins Maschinenhafte steigert, bricht hier ab und kehrt nach Momenten der Stille zum Stückanfang zurück.Die Stille bewirkte ein Zäsur.Schuf sie auch Aura? Merkwürdigerweise hatte sich an diesem Schluß das mit krachender Intensität gespielte Wild-Triviale so ausgebreitet, daß für wirkliche Stille kein Raum blieb.Besser ausgehört waren die Anschlüsse nach den vorangegangenen Generalpausen, die einmal zart vom Tomtom und den leuchtenden Bratschen, dann von geheimnisvoll tiefen Streichern beantwortet wurden.Die Oboe Hansjörg Schellenbergers drang schon deswegen gut durch, weil im Orchester hohe Bläser und Streicher fehlten.Die akzentuierten Einzeltöne des Soloinstruments wurden aufgegriffen und verlängert oder spannen sich in Gegenrhythmen fort.Die attraktivste Stelle der Komposition blieb aber jener hektische Ausbruch vor Schluß, bei dem sich die von Wolfram Christ angeführten Bratschen durch besondere Wucht auszeichneten. Daniel Barenboim hat eine Vorliebe nicht nur für auratische Feierlichkeit, sondern auch für Lärm.Bei Felix Mendelssohn Bartholdys "Ruy Blas"-Ouvertüre gab er seinem Drang zu mächtiger Klangentfaltung großzügig nach.Selbst wenn der Komponist die Ouvertüre nur widerwillig vollendete, weil er den Dramenstoff Victor Hugos für abscheulich hielt, sollte man sie doch nicht so grob und grell ausmusizieren. Viel glücklicher gelang die Interpretation der selten gehörten 2.Symphonie Anton Bruckners.Dieses weitdimensionierte Werk erhielt durch seine vielen Zäsuren zwischen den Themenblöcken den Beinamen "Pausen-Symphonie".Zu ihrer Magie gehört die Dialektik von Bewegung und Statik, was Barenboim durch abrupte Wechsel der Schlaghöhe oder durch das Nebeneinander von Espressivospiel und flächigen Ostinati unterstrich.Langsam, fast unmerklich zog da ein Koloß oder eine Landschaft vorüber.Am Gelingen waren die kompakt aufgestellten Blechbläser ebenso beteiligt wie die Kontrabässe, die ganz allein oder zusammen mit der Pauke die Pausen markierten, oder die Flöte Emanuel Pahuds, die zusammen mit der Solovioline Toru Yasunagas in vollendeter Synchronität das Andante aussang.Das auf langen Orgelpunkten aufgebaute Finale brachte dann in der Abfolge von Lärm und geheimnisvoller Stille, auch in der Verbindung von Trompetensignalen und Choralton jene auratische Wirkung, wie Rihm sie vorgeschwebt haben mochte.

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