Zeitung Heute : Kein Schiff wird kommen

Heute sticht sie noch einmal in See – morgen wird die Fähre zwischen Deutschland und England eingestellt

Stefan Krücken

Wie oft sie die Nordsee gequert hat, auf einem Bürostuhl hinter dem Rezeptionstresen an Deck drei, hat sie nie gezählt. Mehr als 2000 Mal bestimmt, immer auf der Route nach Harwich. Winterstürme waren dabei, in denen sich verängstigte Passagiere auf den Teppich vor ihrem Schalter legten. Ein Baby wurde an Bord geboren, Ehen gingen zu Bruch, und einige Passagiere starben auf hoher See. So eine Fähre ist schaukelndes Leben, verteilt auf ein paar Decks und ein paar tausend Bruttoregistertonnen.

„Schreiben Sie, dass ich sehr traurig bin“, sagt sie, „das werde ich wohl noch sagen dürfen. Aber erwähnen Sie nur meinen Vornamen.“

Mari-Christin also, Mitte 50, eine Frau mit der Würde einer englischen Gräfin, die kleine Probleme an Bord der „Duchess of Scandinavia“ managt: Sie lässt Glühbirnen wechseln, Seifenbehälter auffüllen, kümmert sich um Seekranke, was eben an einer Rezeption anfällt. Sie redet über ihre Enttäuschung, ganz vorsichtig, aber immerhin. Viele an Bord schweigen, weil sie fürchten, auch noch ihre Abfindung zu verlieren. Oder weil sie hoffen, doch noch auf einem anderen Schiff der Reederei anheuern zu können.

Denn es ist eine der letzten Reisen des letzten Passagierschiffs, das im Fährdienst von Deutschland nach England fährt. Die Kräne von Cuxhaven sind immer kleiner geworden, jetzt sieht man im Fenster blaue Nordsee und blauen Himmel, Möwenschwärme, die hinter Kuttern her sind, ab und zu einen Frachter. 17 Stunden soll die Überfahrt an die Ostküste Englands dauern, angeblich ist das Tempo zu langsam in einer Zeit, in der man für ein paar Euro ans andere Ende Europas jetten kann.

Mit der Konkurrenz der Billigflieger und dem steigenden Ölpreis jedenfalls hatte DFDS die Einstellung der Verbindung begründet. Die DFDS: ein Reedereiriese, Marktführer in Nordeuropa mit ein paar tausend Mitarbeitern und 59 Frachtschiffen, die vor allem zum Wohle ihrer Aktionäre fahren. Ob eine Fähre in Cuxhaven ablegt oder nicht, scheint aus der Perspektive der Kopenhagener Zentrale wenig interessant. Für die Seeleute und die Mitarbeiter an Land kam die Nachricht indes wie ein Schlag mit dem Anker. 79 verlieren an Bord ihre Arbeit, 20 in den Hamburger Büros, fünf im Hafen. So weit der eine Teil der Statistik.

Der andere Teil der Statistik besagt, dass das Land Niedersachsen 7,8 Millionen Euro in die Renovierung eines historischen Piers namens „Steubenhöft“ investierte, als DFDS die Route von Hamburg nach Cuxhaven verlegte. Im März 2002 war das. Siebenkommaacht Millionen Euro also, am Ende für 41 Monate Fährbetrieb.

Und so dachte man bis vor kurzem, es gebe 7,8 Millionen Gründe für den Erhalt der Route, zumal noch im August Jubelartikel in Cuxhavens Zeitungen erschienen, in denen sich Sprecher der Reederei mit der Auslastung zufrieden zeigten: Etwa 60000 Passagiere und 20000 Autos im Jahr - diese Zahlen waren zuletzt konstant. Noch Ende September hing am schwarzen Brett der Mannschaftsmesse ein Schreiben des Kapitäns, der sinngemäß versicherte: Alles ist gut, wir fahren weiter. Dann aber, am 3.Oktober, teilte DFDS mit, dass man das gecharterte Schiff seinen norwegischen Eignern zurückgeben werde. Sehr kurzfristig, offenbar, um eine Frist im Chartervertrag einzuhalten – ansonsten hätte man das Schiff noch einige Jahre behalten müssen.

„Als sich die Nachricht im Hafen herumsprach, haben einige aus Verzweiflung geweint“, berichtete eine Mitarbeiterin eben am Pier, als die Autos an Bord rollten. Auch sie mochte ihren Namen nicht nennen, kaum jemand will das in einer Stadt, in der jeder Siebte einen Job sucht. DFDS betreibt das Frachtterminal im Hafen; die Furcht, es sich mit dem mächtigen Arbeitgeber zu verderben, ist allgegenwärtig. Und so liegt ein stummer Ärger über allem. „Keiner meckert, weil alle Angst haben“, meinte ein Arbeiter. Und dann: „Schreiben Sie bitte auf keinen Fall, was ich hier genau mache! Die finden mich noch!“

Die „Duchess of Scandinavia“ zieht einen breiten, weißen Streifen in die See, vorbei an Spiekeroog und Frieslands Inseln. Auf dem Sonnendeck genießen Passagiere das Ende eines warmen Herbstnachmittags, Kinder spielen, die Luft riecht frisch unter weitem Blau. Die englischen Passagiere tragen kurzärmelige Hemden, trinken Bier aus großen Gläsern und lesen im „Daily Mirror“, die deutschen Passagiere tragen gefütterte Windjacken, trinken Tee und sehen versonnen aufs Meer.

Einer von ihnen ist Hermann Joost aus Cuxhaven, der noch einmal mit seiner Lebensgefährtin an Bord gegangen ist. Herr Joost, eine elegante Erscheinung mit silbergrauem Schnurrbart und schwarzem Mantel, schipperte in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder mit der Fähre hinüber nach England. 1966 hatte man den Linienverkehr aufgenommen, zunächst von Bremerhaven nach Harwich, bald darauf von Hamburg. Als die Queen zum Staatsbesuch kam, reiste ihr Rolls-Royce per Fähre an.

Herr Joost, ganz feingeistiger Banker, zeigt sich wenig amused, wenn man ihn zur gekappten Verbindung befragt. „Das ist eine Katastrophe für Deutschland“, schimpft er und rechnet vor, wie lange er künftig zu den Fährhäfen von Dänemark oder Amsterdam unterwegs sein wird, wenn er mit dem Auto nach England übersetzen möchte. Joost regt sich auf: die im Hafen versenkten Steuermillionen! Der Imageverlust für seine Stadt! Überhaupt: der bedauerliche Mangel an Stil.

Dass eine Fähre für manchen mehr ist als ein reines Transportmittel, zeigt sich in kleinen Episoden, die Mari-Christin während beinahe jeder Überfahrt erlebt. Eben hat sie ein ergrautes Ehepaar vor ihrem Tresen begrüßt, englische Stammgäste, die regelmäßig an Bord gehen, um ein paar Stunden in Cuxhaven zu verbringen und gleich die nächste Fähre zurück zu nehmen.

„Heute zum letzten Mal auf Reisen, was?“

„Wie meinen sie das?“, fragt James Bowley, ein pensionierter Lastwagenfahrer aus Nottingham, dessen Unterarme lückenlos tätowiert sind. Er sieht ziemlich irritiert aus und schiebt seine Frau sanft außer Hörweite.

„Diese Fährverbindung gibt es nächste Woche nicht mehr.“

„Nein! Das darf doch nicht… Sagen Sie bitte meiner Frau nichts.“ Er erzählt, dass Irene sehr krank sei und sie wegen der Seeluft hin und her fahren, in einer preiswerten Innenkabine. Dass für sie jede Passage, jeder Spaziergang über Deck wie ein kurzer Urlaub sei, eine kleine Flucht nach Deutschland, das sie so sauber und schön finden. Was man vor allem als Kompliment für Cuxhavens Fußgängerzone verstehen kann – mehr haben sie sich nie angesehen. Bowley flucht ausführlich, um seine Position noch mal klar zu machen, er nickt der Rezeptionsdame bedauernd zu. Dann hakt er seine Frau unter, und die beiden schlendern langsam Richtung Pub am Heck des Schiffs.

Am Abend frischt der Wind auf, Mari-Christin verteilt Pillen gegen Seekrankheit. Im voll besetzten „Columbus“, dem Nachtklub an Bord, interpretiert eine Unterhaltungsband Schlager mit Schwerpunkt auf Chris de Burgh. Die Musiker tragen schwarze Hemden mit Flecken in Orange, die Stimmung steigt. Dann kommt Nebel auf, bulgarische Tänzerinnen tanzen los, und einige junge Engländerinnen im Publikum tragen mit Soloeinlagen zur allgemeinen Heiterkeit bei.

Als die Showband den Strom abstellt, die Feiernden in ihren Kabinen weitermachen, weil der Barmann die Spirituosen vergittert hat, hört man nur noch das Donnern, wenn die „Duchess“ durch eine große Welle bricht. Man hockt im Sessel und überlegt noch, wie traurig so eine letzte Reise ist und wie verängstigt die Crew wirkt, als ein Mann mit der Statur eines Bodybuilders und einer tadellos rasierten Glatze erscheint. Er sagt: „Sind Sie von der Zeitung? Ich bin Dominik. Kommen Sie bitte mit.“ Wir folgen ihm durch das schlafende Schiff hinauf auf Deck vier, in einen Konferenzraum. Ein paar Tische, eine Pflanze, Neonlicht. Dominik schließt die Tür. „Wir von der Crew werden betrogen“, sagt er finster, „das sollten Sie wissen.“

Dominik Cybulski wacht nachts über die Sicherheit an Bord, verdient damit den Lebensunterhalt für Frau und zwei kleine Söhne in der Nähe von Danzig. Vier Wochen an Bord, vier Wochen frei: 600 Euro bleiben im Monat. Cybulski ist 30, hat die Magisterprüfung in Politischer Wissenschaft bestanden und studiert derzeit an der Marine-Schule. Cybulski berichtet, dass Crewmitglieder eingeschüchtert wurden, damit sie nicht mit der Presse reden. Dass die Stimmung an Bord sehr gedrückt sei, seit einem, der anderen Kollegen von der Einstellung der Linie berichtet hatte, eine halbe Stunde blieb, seine Sachen zu packen. Dass sich keine Gewerkschaft für sie interessiert.

Und er erzählt von der Nacht des 23. Januar 2005, als die „Duchess of Scandinavia“ in schwere See geriet und die Sicherheitsseile eines Gefahrguttanks rissen. Unter Lebensgefahr gelang es vier Matrosen, einem Offizier und Wachmann Cybulski, den Container im Sturm zu befestigen – sie hätten von einer Welle erfasst oder erschlagen werden können. Obwohl sie während der Aktion Schutzkleidung für Chemieunfälle trugen, atmeten sie das ausgetretene Morpholin – eine hochgiftige Flüssigkeit, die unter anderem Lungenödeme auslöst – und litten hinterher unter starkem Juckreiz.

Kaum waren die Verletzten im Krankenhaus eingetroffen, als sie ein Anruf vom Schiff erreichte, am anderen Ende der Kapitän. „Er sagte uns: Entweder ihr kehrt sofort an Bord zurück oder ihr werdet gefeuert“, erzählt Cybulski. Ein Kollege von ihm habe noch Wochen später fürchterlich gehustet, fast alle litten unter Hautproblemen. Weil sich der Offizier beschwert habe, sei er fortan während des Dienstes ignoriert worden – und habe schließlich entnervt auf einem anderen Schiff angeheuert. „Auch ich habe oft darüber nachgedacht zu kündigen. Aber ich konnte nicht, wegen der Kinder“, sagt Cybulski. „Jetzt ist es vorbei. Und ich bin froh, dass ich das Schiff nie wieder betreten muss.“

Gegen Mittag taucht England im Dunst auf. Möwen kreisen über dem Schiff, das in den Hafen von Harwich einläuft. Die Passagiere sammeln sich auf Deck drei vor dem Rezeptionsschalter. Mari-Christin sieht merkwürdig blass aus. Was ist los? „Ich bin am frühen Morgen auf die Brücke zitiert worden“, sagt sie tonlos. Und warum? Ohne ein weiteres Wort reicht sie zwei Seiten Papier über den Tresen. Es ist ihre Kündigung.

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