Zeitung Heute : Kein Schlußstrich

ALBRECHT MEIER

Über ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende beugen sich in diesen Tagen in London Politiker und Historiker über Akten, die noch einmal den Krieg und die unmittelbare Nachkriegszeit wachrufenVON ALBRECHT MEIERDer Gegenstand, der hier verhandelt wird, ist ebenso kompliziert wie fern: Das Nazigold und, eng mit diesem Kapitel des Dritten Reiches verknüpft, die nachrichtenlosen Konten der jüdischen Holocaust-Opfer.Beide Komplexe böten reichlich Stoff für unzählige geschichtliche Symposien.Die Londoner Nazigold-Konferenz ist aber mehr als ein Historiker-Treffen.Hier geht es um viel Geld - und das fordern die jüdischen Organisationen vor allem von der Schweiz. Als sich die West-Alliierten im September 1994 in einer gemeinsamen Feierstunde aus Berlin verabschiedeten, dachte so mancher klammheimlich schon an den berühmten "Schlußstrich".Als die Siegermächte dann ein Jahr später des 50.Jahrestages des Kriegsendes gedachten, wurde erneut der nicht ganz fromme Wunsch laut, mit dem endgültigen Ende des Kalten Krieges möge sich auch langsam der Mantel des Vergessens über der deutschen Vergangenheit ausbreiten.Zunächst aber hat das Ende des Kalten Krieges dazu geführt, daß die Goldgeschäfte des Nazi-Regimes wieder ins Blickfeld geraten sind.Die bislang bei der Wiedergutmachung vergessenen osteuropäischen Holocaust-Opfer haben sich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zu Wort gemeldet.Die Schweiz, der Haupt-Abnehmer bei den Goldgeschäften der Nazis, hat mit der Zeitenwende nach 1989 im Kräfteparallelogramm der Weltmächte an Bedeutung verloren - und sieht sich seit einigen Jahren den teilweise überzogenen Angriffen aus den USA ausgesetzt. Wenn nun Großbritannien, die USA und Frankreich, die immer noch einen Bruchteil des Raubgoldes der Nationalsozialisten in einer Dreier-Kommission treuhänderisch verwalten, nach London eingeladen haben, dann ist das in erster Linie ein Hoffnungsschimmer für die Überlebenden.Es ist auch ein Ausdruck des hohen moralischen Anspruchs der britischen Labour-Regierung, wenn der Londoner Außenminister Robin Cook die internationale Staatengemeinschaft zur Soforthilfe für die vergessenen Holocaust-Opfer auffordert. Aus Sicht der jüdischen Organisationen sind freilich die rund zehn Millionen Mark, die zunächst die USA und Großbritannien in einen Wiedergutmachungsfonds eingezahlt haben, nicht mehr als eine symbolische Geste.Tatsächlich kann die Einrichtung dieses Fonds nicht verschleiern, daß sämtliche Nachkriegs-Vereinbarungen über die Rückzahlung des Nazigoldes - insbesondere das mit der Schweiz geschlossene Washingtoner Abkommen aus dem Jahr 1946 - an einem Fehler leiden: Verhandlungspartner waren stets Staaten und Zentralbanken, aber nie Einzelpersonen.In welchem Ausmaß die Holocaust-Opfer und deren Nachkommen nun ebenfalls einen Ausgleich für das Raubgold erhalten können, wird allerdings so lange ungeklärt bleiben, bis genauere Daten über den Anteil des aus privaten Besitzständen stammenden Goldes an den umgeschmolzenen Goldbarren vorliegen. Dennoch stellt die Londoner Konferenz einen Erfolg dar.Die Schweiz ist noch nicht von dem moralischen Druck befreit, weitere Zahlungen zu leisten; aber die im vergangenen März eingerichteten Hilfsfonds der Eidgenossenschaft sind international gewürdigt worden.Und unter der deutschen Vergangenheit kann kein "Schlußstrich" stehen.Am Ende der Nazi-Herrschaft mußten schäbige Schmuckräuber mithelfen, die Verbrechen Hitlers zu finanzieren.Auch dieses dunkle Kapitel des Dritten Reiches, für das in seiner erschütterndsten Form der Verkauf des Zahngoldes der Opfer aus den Vernichtungslagern steht, hat die Konferenz beleuchtet.

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