Zeitung Heute : Kein Spaß mehr

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Wie waren die Waffen verteilt?

Möllemann hatte die Führung der Bundes-FDP gegen sich. Dem „er oder ich“ gegen Westerwelle konnte der NRW-Chef nur entgehen, indem er daraus ein auf Karsli bezogenes „er oder ich“ machte. Zunächst rettet das Bauernopfer Möllemanns Überleben. Andernfalls, daran hatte die Spitze keinen Zweifel gelassen, wäre Möllemann nötigenfalls per Sonder-Parteitag geschasst worden.

Was bleibt von Möllemann?

„Zwei Drittel der Deutschen teilen die Möllemann-Position“, meint Klaus-Peter Schöppner von Emnid. 80 Prozent sähen die FDP in der politischen Mitte, ein höherer Wert als der der SPD. Protest und Mitte könnten strukturell also doch vereinbar sein, wie Möllemann es sieht. Für NRW wertet die Abgeordnete Gudrun Kopp: „Das war ein Akt der Vernunft, der in allerletzter Minute kam.“ Zur Deeskalation gehöre, jetzt nicht von einer Niederlage zu sprechen. Dennoch: „Diese Partei drohte auseinander zu brechen.“ Kerstin Müller, Grünen-Fraktionschefin, glaubt von Möllemann: „Ich bin gespannt, wann der nächste Tabubruch kommt, denn darauf scheint das Konzept Protestpartei ja zu setzen."

Wo sonst gibt es Möllemannianer?

Am umstrittensten sind junge Nationalliberale in Ulm, die Karsli nicht als Antisemiten betrachten und ehemals deutsche Gebiete in Osteuropa kaufen möchten. Landeschef Döring hatte am Samstag mit dem Nachwuchs sprechen wollen, der ein Treffen mit Rechts- und Linksradikalen plante. Westerwelle sagte am Donnerstag in Berlin, Döring habe dieses Problem bereits gelöst.

Was bleibt vom Projekt 18?

Kopp klagt: „Das Projekt 18 ist völlig in den Hintergrund gerückt, und das frustriert.“ Fraktionschef Gerhardt sagt, jetzt müsse Vertrauen zurückgewonnen werden. Natürlich wolle die FDP keine 18 Prozent, wenn der Preis die Aufgabe von Prinzipien sei.

Ist Westerwelle beschädigt?

Gerhardt: „Westerwelle hat Führungskraft bewiesen.“ Kopp sieht ihn „gestärkt". Generalsekretärin Pieper ist froh, dass nun ein Schlussstrich möglich sei. Möllemann: „Es geht darum, dass wir in der Formation, die wir haben, mit Guido Westerwelle und Jürgen Möllemann, die 18 Prozent erkämpfen." Ist die FDP koalitionsfähig? „Das muss man abwarten“, meint der SPD-Abgeordnete Schmidt, die FDP stehe „unter Beobachtung".

Wie reagiert der Zentralrat?

Möllemann hat sich bei den Juden entschuldigt – jedoch Zentralrats-Vize Michel Friedman ausdrücklich ausgenommen. Wieder ein Affront, findet Präsident Paul Spiegel. Ein Gespräch mit der FDPFührung wird es zwar am Dienstag geben, aber ohne Möllemann.

Was sagen Junge zu Auschwitz?

Mit dem Gestus des Tabubruchs, mit dem Begriff der „bürgerlichen Protestpartei“ und dem Spott über die 68er hat Westerwelle ein Vokabular entwickelt. Doch es fehlt noch die Übersetzung: Was heißt das für die Themen symbolischer Politik, für die Vergangenheit, für das Verständnis von Auschwitz, aber auch für Begriffe wie Volk, Nation, Patriotismus. Das ist nicht nur eine Frage an Westerwelle, das ist eine Frage an seine ganze Generation. rvr

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