Zeitung Heute : Kein Spiel mit diesem Jugoslawien

CHRISTOPH V.MARSCHALL

In 13 Tagen, am 21.Juni, wird Deutschlands Nationalteam im französischen Lens gegen Jugoslawiens Mannschaft antreten.Millionen werden an den Bildschirmen sitzen - und wenn sie bis zu den Nachrichten dranbleiben, werden wohl, wie schon die Abende zuvor, unerträgliche Bilder aus der jugoslawischen Provinz Kosovo folgen: brennende Dörfer, Zehntausende weinend auf der Flucht, ethnische Säuberungen.Hatten europäische und amerikanische Politiker nicht seit Monaten bekräftigt, die bosnische Tragödie dürfe sich nicht wiederholen, man habe aus Fehlern gelernt? Gewiß, der Ausschluß Jugoslawiens von der WM wird den Krieg in Kosovo kaum stoppen, wie ja auch der von der Europameisterschaft 1992 Bosnien nicht gerettet hat.Doch er wäre allemal ein stärkeres Signal, als die hilflosen Embargo-Beschlüsse der EU-Außenminister gestern.

Mit zusätzlichen Wirtschaftssanktionen ist schon lange kein Eindruck mehr zu machen.Der Handel mit Serbien und die Investitionen dort wurden im Bosnien-Krieg unterbunden; sie sind auch danach nicht wieder in Gang gekommen.Was soll also ein mit großer Geste verkündeter Investitions-Stopp? Das ist reine Symbolpolitik fürs heimische Publikum nach dem Motto "Wir tun was!" Aus dieser Erkenntnis wurde der gegenteilige Ansatz geboren: Die Peitsche bewirkt nichts mehr, also versuchen wir es mit Zuckerbrot, bieten Milosevic an, Sanktionen aufzuheben in dem Maße, in dem er eine Autonomie der Albaner in Kosovo zuläßt.Mit dieser Strategie konnte in Bosnien die Verweigerungsfront der dortigen Serben aufgebrochen werden.Sie führte auch in Montenegro, der kleineren Teilrepublik Restjugoslawiens, zum Erfolg.Dort hat der Reformer Djukanovic den Machtkampf gewonnen und ist nun zu Milosevics gefährlichstem Gegenspieler in der gemeinsamen Republik Jugoslawien geworden.Doch gegenüber Serbien konnte sich der Westen nicht auf diesen Ansatz einigen - vor allem die Amerikaner wollten an strikter Sanktionspolitik festhalten.

Die Halbherzigkeit ist der größte Fehler westlicher Balkanpolitik: Weder wagen es die EU und die USA, konsequent von Peitsche auf Zuckerbrot umzustellen, noch nutzen sie die Embargo-Politik überzeugend.Wenn man schon auf Sanktionen setzen will, dann bitte nicht nur auf wirtschaftliche, die sich ohnehin kaum wirksam steigern lassen, sondern auch auf jene, die der Seele weh tun.Schmerzen würde der WM-Ausschluß gewiß.Natürlich würde er das serbische Volk zunächst in der Haltung "Der Rest der Welt gegen uns" bestärken und enger an Milosevic binden.Aber langfristig könnte dieses Signal, daß Serbien sich durch seine Kosovo-Politik zum Paria macht, ein Umdenken bewirken.Der serbischen Oberschicht wäre es auch sicher nicht gleichgültig, wenn alle Flugverbindungen nach Belgrad gekappt würden und kein regimetreuer Serbe mehr ein Einreisevisum im übrigen Europa bekäme.Doch da stellt sich Deutschland quer, weil es die wachsende Zahl krimineller Kosovo-Albaner per Flugzeug nach Belgrad abschiebt.

Die Hauptlehre aus Bosnien aber ist: Am Ende läßt sich Milosevic nur durch eine militärische Intervention beeindrucken.Vor der jedoch schrecken viele zurück.Sie ist zudem völkerrechtlich schwierig, weil Kosovo nur eine Provinz innerhalb Jugoslawiens ist und Jugoslawien ein souveränes UN-Mitglied.Aber darüber würde sich die NATO wohl zu Recht hinwegsetzen, wenn sich nur noch so vermeiden ließe, daß Albanien und Mazedonien in den Krieg gezogen werden.Das Haupthindernis sind, wie schon in Bosnien, die Militärs, die ihre Soldaten keinem Risiko aussetzen wollen, die fragen, wann und wie sie wieder herauskommen, und die deshalb einen militärischen Aufwand fordern, den die Politiker nur schwer vor den Steuerzahlern verantworten können.Hinzu kommt die Furcht, ein falsches Signal zu setzen: Den Kampf der Kosovo-Albaner um Eigenstaatlichkeit will die NATO nicht unterstützen.Doch warum schickt die Allianz nicht nennenswerte Einheiten nach Mazedonien und Albanien? Das würde Milosevic so gut verstehen wie seinerzeit die wenigen Bombardements in Bosnien: Hände weg von diesen Grenzen! Und: Hier stehen wir, um notfalls auch in Kosovo selbst einzugreifen! Der Ausschluß Jugoslawiens von der WM würde diese Entschlossenheit unterstreichen.

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