Zeitung Heute : Kein Strohhalm für Ertrinkende

MALTE LEHMING

Opfer der Nazis und der europäischen Teilung - die Holocaust-Überlebenden in den Staaten des ehemaligen Warschauer Paktes haben bis heute von der Bundesrepublik keine individuelle Entschädigung erhalten.VON MALTE LEHMINGWie lange sollen wir denn noch zur Kasse gebeten werden? Haben die Deutschen nicht schon genug gebüßt, genug gezahlt für das vor mehr als einem halben Jahrhundert begangene Unrecht? So denkt es, man darf sich nicht täuschen, in vielen Bundesbürgern.Themen wie Holocaust-Mahnmal, Jüdisches Museum, Goldhagen-Kontroverse oder, das jüngste Beispiel, die Entschädigung für osteuropäische NS-Opfer rufen bei ihnen tiefsitzende Abwehrreflexe wach.Und ihr dringendes Bedürfnis, endlich in Ruhe gelassen zu werden, verführt sie dazu, die Ursache für die permanente Unruhe nicht bei sich selbst und in der eigenen Geschichte zu suchen, sondern sie bei den ehemals Verfolgten zu orten.Historisch ist der psychologische Mechanismus, der diese gefährliche Verdrehung bewirkt, vielfältig belegt: Trotz möglicher Reue haßt der Täter sein Opfer, weil es ihn immer wieder an die eigene Schlechtigkeit erinnert.Nur wenige machen sich die Mühe, genauer hinzusehen und ein Empfinden für Gerechtigkeit zu entwickeln, das das Seelenheil des Anderen, des Gequälten, zum Maßstab nimmt. Tausende von Holocaust-Überlebenden in den Staaten des ehemaligen Warschauer Paktes haben bis heute von der Bundesrepublik keine individuelle Entschädigung erhalten.Die meisten von ihnen sind alt und gebrechlich.Sie sind Opfer im doppelten Sinne - zum einen der Nazis, zum anderen der Teilung Europas.Denn im Gegensatz zu jenen, die das Schicksal in Westeuropa leben ließ oder die nach Israel, Südamerika oder in die USA emigriert waren, konnten sie sich, bis die Mauer fiel, an niemanden wenden."Unsere Situation gleicht der eines Ertrinkenden", sagt ein ehemaliger KZ-Häftling, "wir brauchen Hilfe - heute, sogleich, augenblicklich.Morgen und übermorgen ist es dafür zu spät." Doch nun soll morgen, übermorgen und in den nächsten drei Monaten zunächst einmal eine Kommission tagen, um "Vorschläge für eine Lösung" des Problems zu erarbeiten, wie es am Mittwoch im Bundeskanzleramt hieß.Das ist ein mageres, geradezu beschämendes Ergebnis der Gespräche mit der "Jewish Claims Conference".Der Ertrinkende bittet um einen Strohhalm - und die, die am Ufer stehen, ziehen sich zur Beratung zurück. Verstärkt wird die Bitterkeit durch das stumme Hohngelächter, das aus den Gräbern der einstigen Täter hallt.Die Witwen von Reinhard Heydrich, Leiter des SS-Reichssicherheitshauptamtes, von Roland Freisler, Präsident des Volksgerichtshofes, von Julius Streicher, dem Aufhetzer des "Stürmers" - sie alle erhielten eine monatliche "Kriegsopfer-Rente".Und das ist nur der Gipfel der grotesk-verqueren Situation.Sicher, die Bundesregierung hat seit 1993 mehr als eine Milliarde Mark an Stiftungen in Polen, Rußland, Weißrußland und der Ukraine überwiesen.An andere Länder wurde "humanitäre Hilfe in Form von zukunftsorientierten Sachleistungen" gezahlt.Doch diese Praxis hat sich nicht bewährt.Vielerorts versandete das Geld in undurchsichtigen Kanälen, und die geplanten Altersheime werden, wenn sie fertig sind, den Opfern selbst nicht mehr zugute kommen.Bonn jedoch stellt seit Jahren auf Durchzug, wenn individuelle Rentenzahlungen angemahnt werden.Deshalb kann es nicht verwundern, daß die Überlebenden-Organisationen das Vertrauen in die Überzeugungskraft der stillen Diplomatie verloren und den öffentlichen Druck erhöht haben. Die Teilung Deutschlands, so hat ein bekannter deutscher Schriftsteller gemeint, sei die Strafe für Auschwitz gewesen.Das ist natürlich Unfug.Aber ebenso bigott ist es, etwa vor dem Hintergrund der Staatsverschuldung, der hohen Arbeitslosigkeit und dem Zwang, die Maastricht-Kriterien zu erfüllen, ausgerechnet beim Thema Wiedergutmachung die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen.Nur zum Vergleich: Jedes Jahr wird mehr Geld in den Aufbau Ost gesteckt als jemals an Entschädigung für die Verbrechen der Nationalsozialisten gezahlt wurde."Der frisch ungetrübte Blick ins Zukommende fällt mir um genau soviel zu schwer, wie die Verfolger von gestern ihn sich zu leicht machen", hat Jean Amery, auch er ein KZ-Opfer, geschrieben.Die in ihrer Ruhe Gestörten zürnten ihm dafür.Kurze Zeit später brachte Jean Amery sich um.Seine Hoffnung, daß es genügend Menschen gibt, die im Schweigen der Welt den Finger aufrecht halten, hatte sich nicht erfüllt.

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