Zeitung Heute : Kein Wort mehr aus dem Blasebalg

THOMAS DE PADOVA

Die Roboterstimme ist unbeliebt / Sprachsynthesesysteme haben den Markt noch nicht erobertVON THOMAS DE PADOVA

Computer, die wie ein Mensch sprechen und gesprochene Sprache verstehen können, sind schon seit Jahrzehnten Gegenstand von Science-Fiction-Filmen und Zukunftsromanen.Doch bis heute haben sich die künstlichen Sprachsysteme nicht durchsetzen können."Wir sind vor 13 Jahren mit der Idee der automatischen Sprachsysteme gestartet", erzählt Helmut Loebner, Geschäftsführer der GSP - Gesellschaft für Sprachtechnologie.Das Berliner Unternehmen hat sich auf Fahrgastinformationen im Öffentlichen Verkehr spezialisiert.Aus den Lautsprechern der automatischen Ansagedienste in Bus oder Bahn sind allerdings auch heute noch menschliche Stimmen zu hören."Die Roboterstimme ist für das Publikum nicht geeignet." Vor allem in Notsituationen könne sie die menschliche Stimme nach wie vor nicht ersetzen.

Dabei haben die Sprechapparate im Laufe der Zeit enorme Fortschritte gemacht.Die Idee, einen solchen zu bauen, ist keinesfalls neueren Datums.Bereits 1779 schrieb die Kaiserliche Akademie von St.Petersburg einen Preis dafür aus.Er sollte demjenigen zukommen, der einen Apparat konstruieren konnte, der die fünf Vokale A, E, I, O und U künstlich hervorbrachte.Den Preis erhielt der deutsche Physiker Christian Kratzenstein.Ein schwingendes Rohrblatt erzeugte die Laute in einem hohlen Körper, der dem menschlichen Vokaltrakt ähnlich geformt war.In späteren Modellen wurde das Rohrblatt über einen Blasebalg mit Luft versorgt.

An die Stelle der mechanischen Sprechapparate, aus denen einzelne Laute nur mit Mühe herausgepreßt werden konnten, sind inzwischen elektronische Systeme getreten.Sie umgehen das Problem der Lauterzeugung allerdings und arbeiten ähnlich wie eine CD: Die von einer Person gesprochenen Sätze, Worte, Silben, Halbsilben oder Buchstaben werden in digitaler Form gespeichert und können dann zu einem späteren Zeitpunkt in beliebiger Reihenfolge abgerufen werden.

Daß der Klang der menschlichen Stimme bei diesem Zusammenschnitt weitgehend erhalten bleibt, darauf wird in den heute handelsüblichen Sprachsystemen besonders viel Wert gelegt.In ihnen sind nur ganze Sätze oder einzelne Worte registriert.Die Anwendungsmöglichkeiten sind dadurch allerdings ebenso begrenzt wie der verfügbare Wortschatz. "Einen unbegrenzten Wortschatz erhält man dann, wenn man die Sprache künstlich aus Lautelementen zusammensetzt", erklärt Klaus Fellbaum, Kommunikationstechniker an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus.Eine mögliche Basis hierfür biete zum Beispiel das Alphabet mit seinen 26 Buchstaben.Besser geeignet hingegen seien die 50 bis 60 Laute der Lautschrift.Doch auch daraus lasse sich eine fließende, kontinuierliche Sprache nur schwerlich bilden."Man hört sofort, daß es eine Maschinensprache ist."

Inzwischen ist man dazu übergegangen Doppellaute, sogenannte Diphone zu verwenden.Dem Sprachsynthesesystem "Hadifix", das am Institut für Kommunikationsforschung und Phonetik (IKP) der Universität Bonn entwickelt wurde, hat die Mitarbeiterin Liobar Faust ihre Stimme geliehen und 2200 solcher Doppellaute auf Band gesprochen.Ein Wort wie "Strolch" beispielsweise wird bei Hadifix aus Str, ro, ol und lch zusammengesetzt.Und je mehr Überlappungen es zwischen den Doppellauten gibt, desto besser wird die Aussprache.Schwierigkeiten gibt es aber nach wie vor mit der Betonung der Worte innerhalb der Sätze. Hadifix habe bereits Käufer gefunden, sagt Thomas Portele vom IKP Bonn.Die Software werde bereits an Blindenarbeitsplätzen eingesetzt.Marktchancen sieht er darüber hinaus in der Telefonauskunft und der Entwicklung von Lernsoftware, wie Fremdsprachen- oder Diktatprogramme.Doch ob die Sprachsynthese auch Teil der Multimediaanwendungen werde, sei zur Zeit nur schwer einzuschätzen."Das kann ganz schnell gehen, es kann eine kurze Modeerscheinung werden oder nie kommen."

Klaus Fellbaum ist skeptisch."Bis die Sprachsynthesesysteme in Deutschland wirklich marktreif sind, wird noch einige Zeit vergehen.Ein solches System ist heute entweder ein Kinderspielzeug oder ein Spezialsystem, dessen Preis in die Zehntausende geht.Dazwischen gibt es praktisch überhaupt nichts auf dem Markt."

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