Zeitung Heute : Kein Wunder in Kaiserslautern

Die deutsche Elf will die Niederlage nicht überbewerten, sondern Hoffnung schöpfen. Etwas anderes bleibt vielleicht auch nicht

Helmut Schümann

Die deutsche Nationalmannschaft unterliegt Ungarn 0:2. Wie konnte das passieren?

Rudi Völler versuchte die Schadensbegrenzung, Oliver Kahn versuchte die Bagatellisierung, der junge Bastian Schweinsteiger suchte das Versteck hinter dem Fußballjargon: „Ja, gut, es ist nie gut zu verlieren.“ Deutschland hatte das Grauen gesehen beim 0:2 der Nationalmannschaft gegen das B-Team Ungarns eine Woche vor Beginn der Europameisterschaft in Portugal – die offizielle Bilanz des Schreckens indes fiel bei Trainer und Spielern gelassen aus: Gar nicht erst überbewerten. Die Härte des Trainingslagers der vergangenen Woche hätte die Beine gelähmt, die Fokussierung auf das wichtigere Turnier die Sinne geschwächt für den freundschaftlichen Kick. Das ist die eine, sozusagen tagesaktuelle Ursachenforschung – in ihr schwingt die Hoffnung auf Besserung mit.

Darunter, gleichwohl, grummelt die deutsche Fußballseele und darbt an der Frage, wie schlecht wir geworden sind, weil es gegen die namhaften Gegner nicht reicht und gegen die ohne Namen auch nicht. Es steht zu fürchten, dass die Antwort auf das Jahr 2000 verweist, in dem unsere kickenden Repräsentanten mit nur einem einzigen erzielten Tor aus der Vorrunde der Europameisterschaft in den Niederlanden und Belgien ausschied. Seinerzeit war viel vom Reformstau auch im Fußball die Rede gewesen, vom Verharren in deutschen Tugenden und in dem selbstverliebten Irrglauben, den besten Fußball der Welt zu spielen. In der Folge musste der damalige Trainer Erich Ribbeck das Feld räumen und Platz machen für Innovationen. Denn damals ging auch ein Ruck durchs Land. Und nach diesem wurde die Aufzucht des Nachwuchses verbessert und öffneten selbst die kraft Amtes patriotischsten Funktionäre die Augen für die multikulturellen Gegebenheiten in der Republik

Seitdem drängen Jungspunde auf den Rasen, sie heißen Lahm, Schweinsteiger, Hinkel. Seitdem bereichern ein paar filigranere Künstler aus zweiter und dritter Generation unserer Eingewanderten die Szene, sie heißen Kuranyi und Freier, Asamoah und Podolski. Die Franzosen, die das Vorbild geliefert haben für die multikulturelle Vielfalt ihres nationalen Fußballs, haben für den Strukturwandel etwa zehn Jahre gebraucht. Wir sind im vierten und entsprechend anfällig.

Man könnte sich damit zufrieden geben, sich in Geduld üben und auf die Ernte 2006 bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land warten. Wäre nicht der 30. Juni 2002 über uns gekommen und an jenem Tag das Weltmeisterschaftsfinale von Yokohama. Nichts hatte die deutsche Mannschaft dort zu suchen, außer ihr Glück. Sie fand es, trotz Niederlage und empfand sich seither weniger als Weltmeisterschaftszweiten, denn als Stellvertreter Brasiliens. Fatalerweise lobten auch Publikum und Teile der Medien den deutschen Fußball wieder über den grünen Klee. Es war ein wenig wie mit dem VW Golf, der im Vorjahr in die fünfte Generation ging und damit immerwährende Kontinuität signalisierte und das trotzige Motiv: „Wir können es ja doch noch!“ Bei den deutschen Qualitätsautos lassen die Rückholaktionen defekter Exemplare der jüngsten Zeit zumindest aufhorchen. Was den deutschen Fußball angeht, haben kürzlich Rumänen mit 5:1 Toren gekontert und am Sonntag eben die Ungarn.

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