Zeitung Heute : Keine Angst vor Schalke 05

Tina Angerer

Jetzt ist sie ein Promi. Anne Will moderiert am 28. November die "ARD-Sportschau". Damit ist die 33jährige Journalistin plötzlich im Mittelpunkt - weil sie eine Frau ist. "Ich halte die ganze Aufregung für übertrieben. Es gibt inzwischen viele Frauen in hochkarätigen Sportsendungen." Trotzdem hatte sie die letzten Tage vor allem damit zu tun, die Erwartungen der Aufgeregten zu bedienen. "Anfangs dachte ich, oh Gott, was passiert jetzt? Aber inzwischen weiß ich, dass auch das zu schaffen ist." Nach dem ersten Reflex, "Totstellen", geht Anne Will mit der neuen Situation so um, wie mit den meisten anderen in ihrem Berufsleben. Professionell. Die Erwartungen sind hoch an eine Moderatorin, die das Image der alt gewordenen "Sportschau" nicht zulezt durch ihr Geschlecht aufmöbeln soll. Noch nie hat eine Frau im "Sportschau"-Studio vor der Kamera gestanden. "Es geht jetzt erst mal darum, ruhig und kompetent rüberzukommen." Klingt ganz einfach.

Die Kompetenz im Sportjournalismus hat die gebürtige Rheinländerin beim "Sportpalast" des SFB-Fernsehens schon seit Jahren beweisen dürfen. Für sie persönlich eine ganz unspektakuläre Entwicklung. "Schon als Kind bin ich meinen Bruder auf die Nerven gegangen, weil ich den ganzen Tag Sport geguckt habe." Ernst Huberty und Harry Valerien waren die Helden ihrer Kindheit. Während des Studiums der Geschichte, Politikwissenschaft und Anglistik in Köln war der Traumberuf dann zunächst Zeitungsjournalistin. Sie schrieb für die "Kölnische Rundschau" und träumte von der Seite Drei der "Süddeutschen Zeitung".

Als sie nach Berlin zog und beim SFB volontierte, hörte sie zu träumen auf und begann die Fernsehkarriere. Sie moderierte live, Sport und Politik. In der Talkshow "Mal ehrlich" nimmt sie zusammen mit Andreas Schneider Politiker in die Zange. Das soll auch in Zukunft so bleiben. "Ich habe immer gesagt, ich will das weitermachen." Für die "Sportschau" wird sie im Schnitt alle sechs Wochen in Köln sein, ansonsten bleibt sie Berlin erhalten. Sie fährt zweigleisig, will sich aber auf keinen Fall verfransen. Schon vor zwei Jahren hatte der WDR-Sportchef Heribert Faßbender angefragt, ob sie Interesse hätte. Doch damals moderierte sie auch noch die WDR-Medienshow "Parlazzo". Bevor sie etwas schlecht macht, macht sie es lieber gar nicht. Nach der Einstellung von "Parlazzo" wurde neu verhandelt. Seit Oktober moderierte sie das "Sportschau-Telegramm". Jetzt, auf Vorschlag des SFB-Sportchefs Jochen Sprentzel, klappte es mit der "Sportschau". "Ich habe sofort zugesagt. Ich bin stolz, dass ich das machen kann."

Wenn die Männeraugen der Republik am 28. November auf sie gerichtet sind, wird sie ihre Arbeit so machen wie immer. Pingelig vorbereiten, möglichst perfekt sein. "Als Moderator kannst du alles kaputt machen, was viele Leute vorher erarbeitet haben." Wie ein Merksatz klingt das, arbeiten für das Team. Für Eitelkeiten scheint sie keine Zeit zu haben, auch nicht für Gedanken an ihre zukünftige Karriere. "Ich bin zufrieden, mit dem, was ich mache. Alles andere wird man sehen." Und sie vertraut auf ihre Routine. "Ich habe keine Angst, Schalke 05 zu sagen." Die größte Schwierigkeit sieht Anne Will woanders. "Ich verlaufe mich jedesmal beim WDR."

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