Zeitung Heute : Keine Aufbruchstimmung

GUNTER BECKER

"Ich glaube an die Konvergenz dieser Medien." Wolfgang Branoner hatte sich zwar vorgenommen, das Glauben am Sonntag zu besorgen, aber vom Bekenntnis zur gemeinsamen Zukunft von Internet und TV wollte sich der Wirtschaftssenator am Montag doch nicht abhalten lassen.Branoner war ins Hotel "Maritim Pro Arte" gekommen, um die Teilnehmer der ersten Berliner Internet-TV-Tage zu grüßen.Vor ihm saß ein handverlesenes Fachpublikum, das sich getroffen hatte, um zu klären, in welchen Erscheinungsformen Fernsehen, Telefon und Internet in Zukunft zusammenwachsen könnten und welche neuen Informations- und Unterhaltungsangebote dabei zu erwarten sind.

Offensichtlich wäre der Senator lieber als Diskutant dageblieben, statt sich zu verabschieden.Zumal sein Vorredner Ulrich Lange - dessen "Institut für Medienarchitektur und Gestaltung" organisierte die beiden Tage mit dem Senat und der Medienanstalt Berlin Brandenburg - Herausforderungen für Medienplaner und Medienpolitiker formuliert hatte, die auch ihn betrafen.

Auf welcher Plattform wird das Internet-TV stattfinden? Ulrich Lange glaubt beim Wettlauf der Endgeräte zahlreiche Belege für die ungebremste Popularität des Fernsehens ausgemacht zu haben.Die Kosten für die Online-Nutzung per PC und Telefonanschluß seien noch zu hoch, die Verweildauer im Netz, trotz zunehmender Tendenz, noch zu kurz, die Bedienung für viele zu kompliziert.Die Internetnutzung bleibe deshalb zumeist auf Bürostunden beschränkt."Das populärste interaktive Medium in Deutschland ist nach wie der Videotext und nicht das Internet" betonte er und mahnte eine konzertierte Marktstrategie nach dem Vorbild der Kabel-TV-Einführung an.

Wie läßt sich Internet-TV in Deutschland realisieren, wie sehen erfolgversprechende Entwürfe aus? Diese Fragen gingen an die Experten aus der Industrie.Hans Hege, Direktor der Medienanstalt Berlin Brandenburg, moderierte eine hochkarätig besetzte Runde mit Vertretern der großen "Player" Bertelsmann, Kirch, Astra, Siemens und ARD.Doch auch hier: wenig Enthusiasmus und viel Skepsis bezüglich der Internet-TV-Zukunft in Deutschland.

Hans Jörg Assenbaum von Bertelsmann New Media plant mit speziell fürs TV aufbereiteten Online-Angeboten ein neues Publikum zu gewinnen und kündigte erneut ein AOL-TV an."Einfach das Internet ins Wohnzimmer zu schaufeln funktioniert dabei nicht", gab er zu bedenken.Gleichzeitig sprach er von einem schwierigen Refinanzierungsmodell mit bestenfalls mittelfristigen Gewinnchancen.

Auch Johannes Schmitz, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit bei der Kirch-Gruppe und solchermaßen bereits digital, vorgeprägt sieht das Internet-TV in Deutschland noch nicht auf dem Vormarsch.Er plädierte für integrierte Lösungen auf Settop-Basis, die TV-Empfang und Netzfähigkeit vereinen."Noch nicht einmal die PC-Hersteller gehen von einer Vollversorgung deutscher Haushalte aus und Geräteparks im Wohnzimmer wird es nicht geben", stellte er fest.Ganz auf den Rechner setzt dagegen Gerhard Wiehler von Siemens.In München sieht man die Verschmelzung der Endgeräte, der Netze und der Konsumgewohnheiten voraus und will darauf mit einer Multimedia-Lösung antworten."Was uns noch fehlt ist ein klares Anforderungsprofil der Nutzer", räumte Wiehler ein.

Ganz entspannt zurückgelehnt dagegen, verfolgte Gernot Busch von der Astra Marketing GmbH die Diskussion.Angesichts der Marktposition der Satellitenbetreiber bei der Programmverteilung werde bei zukünftigen Internet-TV-Anwendungen kaum jemand an Astra vorbeikommen, ist er sich sicher.Auch der Sony-Konzern, vertreten durch Kai Barth aus der Kölner Deutschland-Zentrale, sieht wenig Anlaß zum überhasteten Markteintritt.Barth schilderte, wie fünf große japanische Hersteller in jahrelangem Bemühen lediglich eine schwach fünfstellige Zahl netzfähiger TV-Geräte auf dem japanischen Markt hatten plazieren können."Und das bei einem solch technikverliebten Volk wie den Japanern."

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