Zeitung Heute : Keine Ausnahme mehr

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Jean-Marie Messier, lange Zeit bedrängter Chef des Medienkonzerns Vivendi Universal, hat vergangene Woche nun endlich das Handtuch geworfen. Es ist ein Zeichen der Zeit und von Messiers eigenem Einfluss auf die französische Unternehmenskultur, dass ein französischer Vorstandsvorsitzender seinen Job verliert, wenn sein Unternehmen 75 Prozent seines Marktwertes einbüßt. Vor nicht allzu langer Zeit wäre das nicht möglich gewesen.

Zu seinem Vermächtnis gehört auch die Klarstellung, dass, wie er es formulierte, „Frankreichs kulturelle Ausnahme tot ist". Tatsächlich hatte Messier mehr Feinde außerhalb des Vorstandes als innerhalb, und sie verachteten ihn aus Gründen, die nichts zu tun hatten mit Aktienkursen, sondern mit Kultur und Politik. Von wenigen Ausnahmen abgesehen hatten die meisten Vorstandsvorsitzenden und andere Führungskräfte vor Messier das Rampenlicht gemieden und gemäß einem geradezu ritterlichen Kodex agiert, der so sehr von Beziehungen abhing, wie er mittelalterlich war. Nicht so der Vivendi-Boss, der professionell lebte (und starb) nach den Gesetzen des Marktes. Die Probleme, die der Markt mit Vivendi hatte, haben vielleicht weniger mit Messier selbst zu tun, als vielmehr mit einem Geschäftsmodell, dem es auch anderswo schlecht ergangen ist, einschließlich AOL-Time Warner. Doch keines der beiden in dem Fall diskutierten Modelle würden die exception culturelle française retten. Dieses edel klingende Konzept verdeckt die hässliche Realität, dass das Überleben des französischen Kinos und der Kunst von Subventionen und Marktprotektionismus abhängig ist. Diese Regelung wird in Zukunft nicht überleben können, wenn der Verbraucher zu Hause aus einem globalen Angebot wählen kann.

So kam es dazu, dass Vivendis Canal Plus die Rolle des größten Zahlmeisters des französischen Systems auferlegt wurde. Teil dessen ist die Verpflichtung, zwölf Prozent der Einkünfte zu den kulturellen Subventionen beizutragen. Als Messier das Offensichtliche feststellte, wurde er von den Künstlern angegriffen. In diesem Punkt werden seine Kritiker jedoch widerlegt. Was auch immer man ihm an Versagen bei Vivendi vorwerfen mag, Messier hatte Recht damit, die kulturelle Ausnahme für tot zu erklären.

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