Zeitung Heute : Keine faden Serenaden

ISABEL HERZFELD

Das Philharmonische Bläserquintett feiert 10jährigen Geburtstag im KMSISABEL HERZFELDBläserquintett, das sind doch diese ewig abgenudelten Divertimenti aus uralten perückenbezopften Zeiten, diese fade plätschernden Serenaden von Dittersdorf und Co.? Denkste! Am ehesten traf das im Konzert des Philharmonischen Bläserquintetts, mit dem es sein zehnjähriges Bestehen - in unveränderter Besetzung! - feierte, noch auf das Quintett D-Dur von Anton Reicha zu, der mit anspruchsvollen satztechnischen Künsten, aber nur "hübscher" musikalischer Substanz als "Vater" des Genres gilt.Was Bläser alles können, zeigten schon Werke von Beethoven und Mozart für Spieluhr oder Orgelwalze in der geschickten Bearbeitung des Flötisten Michael Hasel: Kuckucksrufe und Hühnergackern imitieren etwa, oder in chromatisch aufgeschichteten, fahlen Akkorden eine düster-beschwörende "Requiem"-Stimmung entfalten.Das alles, versteht sich, in lupenreiner beweglicher Technik und präzisester rhythmischer Abstimmung.Doch dann geht es mit amerikanischer Moderne erst richtig los.Mit exzessiven Trillerketten und fetzigen, scharf akzentuierten Jazz-Mixturen peppt Gunther Schuller seine dissonant-komplexe "Suite" auf; im "Blues"-Mittelsatz darf Fergus McWilliam mit schön schlüpfrigen Horn-Glissandi die Aha-Effekte liefern.Die Mischung aus Jazz und "impressionistisch" gefärbter Atonalität findet in Samuel Barbers "Summer Music" ihren elegischen Niederschlag; da zieht zunächst das Fagott (Hennig Trog) mit breitem Pinselstrich hell klagende Linien, denen die Klarinette (Walter Seyfarth) mit scharfkantigen Girlanden antwortet, bevor sich unter einer quasi glimmenden Harmonik leise, träge Seufzer entwickeln.In Elliot Carters "Quintett", seiner Lehrerin Nadia Boulanger zuliebe im neoklassischen Duktus abgefaßt, spielt die Klarinette ihre angestammte Rolle, den Clown."Quinteto en Forma de Choro" von Heitor Villa Lobos bündelt Effekte der brasilianischen Straßenmusik zu verwirrender Fülle; während schrille Klarinettentöne dem Publikum leise Schreckensrufe entlocken, finden sich Hasels diskrete, nur selten scharf auftrumpfende Flöte und die zierliche Oboe Andreas Wittmanns zum todtraurigen Gesang zusammen, den Horn und Fagott wiederum frech zerstören und in den rhythmischen Strudel hineinziehen.Und womit bedankt man sich danach beim völlig begeisterten Publikum nebst Gästen aus Italien, Japan, Kanada und Niederbayern? Mit Tangos natürlich! 

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