Zeitung Heute : Keine Revolution in Sicht

Der Tagesspiegel

Von Ulrike Simon

Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte, heißt es. Bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ streiten sich gewöhnlich gleich fünf Herausgeber. So viele sitzen an der Spitze dieser Zeitung. Einen Chefredakteur wie bei anderen Blättern gibt es nicht. Am 1. Juli steht in diesem Gremium ein Wechsel an. Sollte der Aufsichtsrat wie erwartet zustimmen, wird Holger Steltzner Nachfolger des scheidenden Herausgebers Jürgen Jeske. Steltzner, Jahrgang 1962, ist bislang für den Finanzmarkt zuständig. Mitherausgeber Günther Nonnenmacher bezeichnet ihn als „hilfsbereit“ und „durchsetzungsfähig“, als „Systematiker“ und „guten Organisator". Andere sehen Steltzner, dessen Auftreten manche an einen Investment-Banker erinnert, als jemanden, der die Modernisierung des Wirtschaftsteils vorantreiben wird, der „für die Zukunft steht“. Und das liegt nicht nur daran, dass Steltzner schon mal ein Farbfoto drucken lässt – ein bei der „FAZ“ ungewöhnlicher Vorgang. Nonnenmacher sagt, von Steltzner sei zu erwarten, dass er mehr „story telling“ betreiben wird und weniger die klassische, manchmal etwas staubige Bilanzberichterstattung.

Das klingt fast nach einem gemeinsamen Willen zur Modernisierung und Öffnung der Zeitung – und gar nicht nach dem internen Machtkampf der Herausgeber, von dem so oft die Rede ist. Jenem Machtkampf zwischen Berthold Kohler und Günther Nonnenmacher auf der einen Seite (beide kommen aus der Politik und verfolgen schon allein deshalb eigene Interessen), sowie Dieter Eckart, Frank Schirrmacher und dem scheidenden Jeske auf der anderen Seite. Seinen Höhepunkt hatte der Kampf, als Schirrmachers Pläne für den Umzug des Feuilletons nach Berlin rückgängig gemacht wurden.

Während anderswo schnell und flexibel reagiert wird, wird bei den „FAZ“-Herausgebern erst einmal debattiert. Entscheidungen dauern. Das habe, scherzt Eckart, zurzeit Sprecher der Herausgeber, den Vorteil, dass „bei uns keiner allein einen Fehler macht“. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten wie diesen, sagt Nonnenmacher, bedeutet das aber auch, dass es „Meinungsverschiedenheiten gibt, die sich nicht durch Kompromisse erledigen lassen“. Von einem „internen Machtkampf“ will Nonnenmacher trotzdem nichts wissen: „Ich bin kein Machtmensch“, sagt er.

Er gibt aber auch zu, dass „die FAZ mit über 400 Journalisten eine kritische Größe erreicht hat“, die Absprachen und die Kommunikation generell erschwere und „hohe Organisationskosten verursacht“. 60 bis 70 Mann pro Ressort – davon trauen sich andere Redaktionen nicht einmal zu träumen. Eckart behauptet dennoch, dass „kein Ressort überflüssigen Speck auf den Rippen hat“.

Vielleicht eignet sich so ein Fünfergremium besser zum expandieren als zum sparen. All zu lange sah sich die „FAZ“ als unangreifbar an. Während andere Zeitungen nach dem Einbruch des Anzeigenmarktes anfingen, Kosten zu reduzieren, schien die „FAZ“ die Konjunkturdelle zu ignorieren. Mittlerweile hat auch sie Sparmaßnahmen eingeleitet. Teilweise wurden die Honorare der freien Mitarbeiter um bis zu 30 Prozent reduziert, die englischsprachige „FAZ“-Beilage der „International Herald Tribune“ wird wohl eingestellt, das Anzeigenblatt „Sunny“ ist bereits vom Markt, die „Berliner Seiten“ wurden auf vier Seiten reduziert und könnten gar, sollte sich die Lage nicht verbessern, irgendwann als Regionalbuch der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ enden. Es gilt Einstellungsstopp, und jetzt hat Geschäftsführer Jochen Becker angekündigt, dass betriebsbedingte Kündigungen nicht auszuschließen sind. Noch wurde keiner entlassen. Sollte es dazu kommen, befürchtet Eckart, könnte das der Zeitung schaden. Es bestünde die Gefahr, dass gerade junge Talente gehen müssten. Dennoch: Um zehn Prozent müssen die Kosten gesenkt werden. Reagiert die „FAZ“ zu spät? Nonnenmacher verneint das. Vielmehr „haben wir zwischenzeitlich zuviel Geld verdient". Diese Zeiten sind vorbei. Die „FAZ“ macht Defizite.

Um die „FAZ“ zukunftsfähig zu machen, sagen Redakteure, müssten die starren Strukturen aufgelöst werden. Beginnend beim Aufsichtsrat mit seinen Anwälten, Professoren und anderen Honoratioren, bis hin zum Modell der fünf Herausgeber. Doch die Strukturen haben sich seit 50 Jahren bewährt, Änderungsbedarf wird in der Hierarchie eher unten in der Redaktion gesehen. „Ohne Revolution“, sagt Nonnenmacher, sei die Organisationsstruktur der „FAZ“, dem „Blatt des westdeutschen Föderalismus", nicht zu ändern. Eine Änderung der Verfassung würde die Auflösung aller bestehenden Verträge bedeuten und wäre nur mit Zustimmung der Fazit- Stiftung, des Aufsichtsrats und der Herausgeber denkbar – also praktisch undenkbar.

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