Zeitung Heute : Keine Vision – nirgends

Antje Vollmer

TRIALOG

Als ich in den sechziger Jahren zum ersten Mal eine Universität betrat, fühlte ich mich von Anfang an privilegiert. Es waren noble Gebäude, die ich von zu Hause nicht kannte. Es gab Professoren, denen ich wegen ihres großen Rufes von Universitätsstadt zu Universitätsstadt sehnsüchtig nachgereist bin. Es gab Vorlesungen, in denen ich saß und staunte: Ohne selbst etwas dazu zu tun – außer zu hören und zu verstehen – bereitete da jemand die Schätze einer ganzen intellektuellen Welt vor mir aus. Es gab Büchereien, in denen ich jedes Buch innerhalb kürzester Zeit bekommen konnte, auch die aktuellsten. Es dauerte nicht lange, und es gab schon Dozenten und Professoren, die sogar meinen Namen kannten! Ich war Studentin, und allein dadurch war ich privilegiert, so schien es mir damals.

Den Protest der Studentenbewegungen gegen die eigene Elterngeneration habe ich verstanden und geteilt. Ihren Protest gegen die damaligen Universitäten fand ich immer gigantisch übertrieben. Es waren liberale, weltoffene Universitäten mit einem hohen Interesse am Individuum, die da ohne wirklich existentielle Not an den Pranger gestellt wurden. Sie haben sich allerdings auch erstaunlich wenig gewehrt.

Was für ein Unterschied, wenn man heute eine Universität besucht! Alte Gebäude, nicht selten kurz vor einem Zustand von Verwahrlosung. Zusammengestrichene Bibliotheksetats. Massenveranstaltungen und Anonymität. Genervte, überforderte Professoren und ein Mittelbau im frustrierten Wartestand. Und seit einiger Zeit ein an Verzweiflung zunehmender Studentenprotest gegen die Streichungen von ganzen Abteilungen und Studiengängen. Darunter werden sogar in Berlin gerade solche Kostbarkeiten wie Indologie, Sinologie, Musikethnologie, Archäologie entsorgt!

Wie lange hat die aktuelle Debatte über die Notwendigkeit einer grundlegenden Reform unseres Hochschulwesens gedauert? Kaum länger als ein Winterlochthema. Das jedoch ist beunruhigend und verstörend kurzlebig.

Richard Schröder hat einige sehr gute Reform-Vorschläge gemacht: zum Beispiel, dass die Universitäten selbst in Aufnahmegesprächen die hoch motivierten Studenten finden und fördern müssen. Der doppelte Bildungsbegleitbrief, der die Förderungseignung unabhängig von der Finanzlage der Eltern dokumentiert, ist ein guter Vorschlag, ebenso wie die Notwendigkeit intensiver und individueller Begleitung der Studenten. Die Leistungskontrolle von Hochschullehrern, die nicht Beamte auf Lebenszeit sein müssen, ist sinnvoll. Auch in der Frage der Studiengebühren bin ich seiner Meinung: Insbesondere weil es den Wettbewerb unter den Universitäten fördert.

Was sagt das nun alles über die Debatte zum Thema „Eliteuniversitäten"? Eine Gesellschaft, die bei der Frage der Bildung gleich wieder mit den alten Denkblockaden anfängt und nicht eine einzige ernsthafte Vision entwickelt, ist selbst erschreckend dumm. Eine Gesellschaft, die endlich wieder anfängt, über Bildung zu diskutieren, braucht im Bereich dieser Bildungsinstitute eine eigene Motivation, auch durch die Auswahl der besten Studenten, Professoren, Universitäten. Dafür aber muss sie überhaupt erst einmal anfangen, zu definieren, was eine gute Universität ist. Ich fürchte, allein bei dieser Frage beginnt schon die babylonische Verwirrung.

Die Autorin ist Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und Grüne.

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