Zeitung Heute : Keiner liebt mich

CHRISTIAN SCHRÖDER

Der Soundtrack zur Winterdepression: die englische Popband "Portishead" in der ArenaVON CHRISTIAN SCHRÖDERBlau ist die Farbe der Sehnsucht.Und die Farbe der Melancholie.Die Bühne der Arena ist in dunkelblaues Licht getaucht, aus dem sich sechs schemenhafte Gestalten herausschälen.Ganz vorne: die Sängerin hinter ihrem Standmikrofon.Im Halbkreis dahinter: Bassist, Schlagzeuger, Gitarrist, DJ und Keyboarder.Sie bewegen sich in zeitlupenhafter Langsamkeit, und genauso träge und matt klingt auch die Musik, die sie aus ihren Instrumenten holen.Schleppende Tieffrequenzbässe hallen irrlichternd durch den Saal, aus der Gitarre strömen sparsam einige verzerrte Akkorde, das Schlagzeugbecken klingelt spitz wie ein Triangel, und der DJ scratcht sich seine Finger wund.Über allem liegt die ätherische Stimme der nahezu reglos hinter ihrem Mikrofon verharrenden Sängerin, die wehklagt, als wolle sie alles Leid der Erde ausdrücken.Der perfekte Soundtrack zur Winterdepression.Keine Frage: Schöner als bei einem Auftritt der britischen Klangtüftler von "Portishead" ist Weltschmerz selten zelebriert worden. Für die knapp sechstausend Besucher des ausverkauften Berliner Konzertes beginnt der Abend allerdings mit einem Ärgernis.Weil der Eingang in die Halle eng ist wie ein Nadelöhr, bibbert ein Teil der Fans noch draußen im Schneeregen, während drinnen bereits die ersten Songs gespielt werden.Ein unangenehmer, aber irgendwie auch passender Auftakt zu einem Portishead-Konzert, denn Wärme ist nicht gerade das, was von den komplizierten Soundcollagen der Band ausstrahlt.Aus Versatzstücken von 60er-Jahre-Filmmusiken, Krautrock, Jazz und HipHop-Rhythmen hat sich die im südwestenglischen Bristol beheimatete Gruppe einen ganz eigenen musikalischen Kosmos zusammengezimmert, in dem vor allem eines zu Hause ist: die Schwermut.Die Lieder von Portishead klingen unfaßbar traurig und dennoch mitreißend schön, karg und dennoch vertrackt.Als vor vier Jahren das Debütalbum "Dummy", das sich bislang über 2,5 Millionen mal verkauft hat, erschien, war die Musikpresse so begeistert, daß sie gleich einen neuen Begriff für diese nie gehörte Musik erfand: TripHop.Im letzten Jahr legte die Band dann die langersehnte zweite Platte nach, die schlicht "Portishead" heißt und noch ein Stück düsterer, klaustrophobischer und rauher daherkommt.Und während Portishead bei dem Erstling noch hauptsächlich fremde Stücke elektronisch wiederaufbereiteten, samplen sie nun ausschließlich Material, das sie selber aufgenommen haben. Im Kern bestehen Portishead aus einem Duo.Geoff Barrow, der seine Karriere im Studio von "Massive Attack" begann, entwirft die Kompositionen, und Beth Gibbons, eine vormalige Bluessängerin, steuert die Texte bei, die von enttäuschter Liebe, einsamen Sternen und der Unfähigkeit der Menschen handeln, miteinander zu kommunizieren.Nur für die Tourneen wird das Projekt zur Band aufgerüstet.Live geht Studiomusik oft in die Hose.Doch Portishead, deren Musik zum Großteil aus dem Computer stammt, sind auch im Konzert ein Ereignis.Zu verdanken ist das vor allem Beth Gibbons.Ganz in Schwarz steht sie da, umklammert das Mikrofon mit beiden Händen und wiegt ihren dürren Körper sanft im Slowmotion-Rhythmus der Musik.Ihre Stimme zittert, jault und faucht, als würde die Sängerin die Unbilden, von denen sie singt, gerade in diesem Moment durchleiden.Ansonsten passiert nicht viel.Das Licht wechselt von Blau zu Grün zu Rot.Und bei einigen Songs - "Seven Months" oder "Elysium" - läßt der Gitarrist sein Instrument aufheulen, als wären Portishead eine echte Rockband."Nobody loves me", haucht Gibbons.Stimmt nicht: Nach neunzig Minuten jubelt die ganze Halle.Alle lieben Beth. 

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