Zeitung Heute : Kekse auf der Streckbank

Sie hat die Fachliteratur gelesen, von Foucault bis de Sade – doch über Bücher wollen die Kunden von Arachne nicht reden. Zu Besuch in der Hochburg des Sadomasochismus.

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Von JosefOtto Freudenreich Das Studio ist dort, wo es geduldet wird: im letzten Winkel von Zuffenhausen, verborgen hinter heruntergekommenen Lagerhallen, in deren Schatten sich schwarze Limousinen verstecken können. In dem Ziegelhäuschen ist Arachne zu Hause. „Ich bin die Domina für’s Volk“, sagt die 33-Jährige, kichert und wirbelt die blonden, langen Haare herum, wie früher beim Krippenspiel in der Schule, als sie die Maria gespielt hat. Heute betreibt Arachne das führende SM-Studio in Stuttgart. Neben den Schwaben drängen vor allem Schweizer, Engländer und Holländer die mit einer roten Lichterkette verzierte Treppe hinauf.

Arachne ist griechisch und heißt Spinne. Sie hat den Namen gewählt, weil die Spinne das Männchen frisst. Bürgerlich heißt sie Nicole, aufgewachsen ist sie auf den Fildern, im Süden der Stadt, gearbeitet hat sie als Kindergärtnerin, bis sie gemerkt hat, dass ihre Neigungen auf einem anderen Gebiet liegen. „Blümchenbeziehungen haben mich gelangweilt“, sagt sie. Ihr Leben über dem evangelischen Hort war zu laut, die Kirchengemeinde zu eng, die zwei Jahre als Erzieherin waren zu lang.

Bei Arachne greifen die Klischees nicht, die man hat, wenn von Sadomasochismus die Rede ist. Kein Missbrauch in der Familie, keine Abrechnung mit dem Vater, keine Verachtung der Mutter, stattdessen Lust am Schmerzzufügen, am Machtausüben und die Neugier auf die dunklen Seiten menschlicher Sexualität. Nicole ist eine Frau mit langen Beinen und einer Figur, wie sie die Mannequins in den Modezeitschriften haben.

Vor acht Jahren hat sie das Studio gegründet, das die Neulinge mit schweißnassen Händen betreten. Sie erwarten die Peitsche und werden erst mal ins Besucherzimmer geführt, wo sie Kaffee und Kekse auf der Streckbank serviert bekommen. Arachne spricht mit ihnen über ihre Vorlieben, schaut, welche Gerätschaften sie fixieren (Handschellen, Pranger, Rohrstöcke, Nagelgürtel und Ähnliches) und führt anschließend ihre Mitarbeiterinnen vor. Die Juristen wählen dann meistens die strenge Sylvana aus, die Lehrer wollen Eva mit der schwarzen Brille und die Ärzte die blonde Kim mit der Rubensfigur. Pro Jahr kommen ungefähr 6000 Gäste, verteilt auf 20 Dominas. Sie tun Dienst von morgens 7 Uhr 30 bis nach Mitternacht. Eine halbe Stunde kostet 100 Euro, eine ganze 200, ohne Begrenzung nach oben. Ruhetage gibt es nur an Weihnachten.

Arachne macht inzwischen keine „Sessions“ mehr, wie die Sexarbeiterinnen ihren Service nennen, allenfalls noch privat, wenn ihr danach ist. Sie hat noch einen Laden im Hallschlag, in dem die Männer die Rohrstöcke wie die Auslagen auf dem Obstmarkt prüfen. Für ängstliche Anfänger sind mit Plüsch ummantelte Handschellen im Angebot, Kuschelfreunde können kleine Kamele in schwarzen Lackstiefeln erwerben.

Arachne ist Kopf und Seele des Betriebs: der Kopf, weil sie die einschlägige Literatur von Rousseau über Foucault bis zum Marquis de Sade kennt, die Seele, weil ihr an dem „Kollektiv“ liegt, das ihre Frauen bilden. Wer sie trifft, wird den Eindruck nicht los, dass es sich hier um eine WG mit angeschlossenen Folterstuben handelt. Sie beschließen zusammen, welche Werkzeuge gekauft werden und wer den Putzdienst übernimmt, wenn der Tübinger Student ausbleibt, der seine „Session“-Kosten mit einer Let’s-putz-Aktion abarbeitet. Die anderen angehenden Akademiker bekommen Rabatt, wenn sie eine Immatrikulationsbescheinigung vorlegen. Das sei wegen der Kundenbindung, erklärt Arachne. Aus den Studenten der Medizin werden einmal Ärzte, die den vollen Preis bezahlen. Einen festen Stamm zu haben ist wichtig.

Nach Dienstschluss ist Supervision. Arachne fragt, wie der Tag gelaufen ist, wo’s Probleme gab und wie sich ihre Frauen fühlen. Sylvana stöhnt. Ihr Staatsanwalt war wieder da. Seit das Studio besteht, kommt er, immer mit einem handgeschriebenen Drehbuch in der Hand. Jeder Schritt, jede Handbewegung, jeder Satz ist notiert, jede Abweichung irritiert den „extrem lieben Menschen“. Er will nur eines: eine perfekt inszenierte körperliche Überwältigung, die seine Herrin in Jeanshotpants und schweren Schuhen auszuführen hat. Sie hat ihn zu fesseln, auf ihm zu knien, die Brille zu reichen, damit er sieht, ob sie dominant genug guckt, und dann den immer gleichen Satz zu sagen: „Zum Zeichen des Triumphs musst du meine Füße lecken.“ Die Abwehr von Lust wird ihm zu deren Quelle.

Für Sylvana sind solche Kunden anstrengend. Die bekennende Esoterikerin möchte mit dem Yin und Yang der chinesischen Philosophie spielen, den gegensätzlichen Polen im Menschen. Ihr Staatsanwalt lässt keinen Raum für Improvisation, keinen Platz für einen offenbar erregenden Machtkampf zwischen oben und unten. Den Mann zappeln lassen, mit den Fingern schnippen, vielleicht sogar einen „Switch“, einen Rollenwechsel, erleben, wenn der Knecht zum Herrn wird, das sei besser als ein Orgasmus, behauptet sie. Oder den Pfarrer öffnen, der in die Zwangsjacke des Zölibatskorsetts gepresst ist. Er will in Plastikfolie verpackt werden, sonst nichts. „Das ruckartige Aufreißen der Hülle“, sagt die ehemalige Klosterschülerin, „ist seine Befreiung.“ Mehr muss sie nicht tun.

Stuttgart ist neben München eine Sadomaso-Hochburg in Deutschland. Elf Studios verteilen sich über die Stadt, 180 Etablissements bieten neben der üblichen Prostitution auch Dominadienste an, weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit und von der Polizei in Ruhe gelassen. „Das SM-Milieu ist unscheinbar und weitgehend harmlos“, bilanziert der Polizeisprecher Hermann Karpf, „es gibt hier keine Strafanzeigen.“

Warum es aber gerade im Schwabenland so verbreitet ist, lässt sich nur erahnen. Das Geld ist da, meint Arachne, und dann die (Arbeits-)Moral. Ihre Knechte sind im normalen Leben die Herren, die sich keine Schwäche erlauben dürfen. Weder im Betrieb noch zu Hause, wo sie die Machtstrukturen heillos durcheinander bringen würden, zeigten sie die Seiten, die sie nicht zu zeigen wagen. „Die Härtesten sind die willigsten Subis“, glaubt Arachne. Subis sind die, die sich unterordnen. In Zuffenhausen können sie ihre Triebe ausleben, anonym und vertraglich festgelegt. „Sie würden hier viele bekannte Gesichter sehen“, sagt sie, „aber Diskretion ist oberstes Gebot.“ Wenn es klingelt, wird die Tür zum Treppenhaus geschlossen.

Es könnte der eigene Zahnarzt sein, der sich mit dem Teppichklopfer versohlen lässt, weil er „spüren will, was seine Patienten spüren“. Oder der Manager, der sich im Käfig wie ein Tanzbär drehen lässt, weil er fühlen will, was es heißt, gedemütigt zu werden – auch in der Gewissheit, dass das Kosten-Nutzen-Verhältnis stimmt. (Es ist schon vorgekommen, dass eine Session abgebrochen werden musste, weil ein Gast seine Rede nicht aus dem Kopf verdrängen konnte, die er im Anschluss halten sollte. Das darf einer guten Domina nicht passieren, und deshalb gibt es das Geld zurück.) Es könnte der Banker sein, der pfeifend aus dem Kettenzimmer schreitet und am Ausgang noch ein Bonbon mitnimmt, weil ihn die Herrin hervorragend gefesselt und anschließend so gut verstanden hat. „Hinterher erzählen sie mir von Hund und Katze und vom Urlaub“, berichtet Sylvana, „und könnten die ganze Welt umarmen.“

Das Verbergen hat seinen Grund. Sadomasochismus ist in Deutschland ein Tabu, wenn auch nicht strafbar und von der Sexualwissenschaft nicht mehr als pervers eingestuft. Doch im Gegensatz zum Schwulsein, das allmählich salonfähig geworden ist, würde sich kein auch nur halbwegs Prominenter zu dieser Spielart bekennen. Es wäre sein gesellschaftliches Aus.

Peter Weibel, der Direktor des Zentrums für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe, glaubt zu wissen, warum das so ist. Er hat sich viel mit Masochismus in Kunst und Literatur beschäftigt. In einer Gesellschaft, in der jeder Hammer und nicht Amboss sein wolle, nur der Sieger die Gloriole trage, erläutert er, sei die öffentliche Unterwerfung unerträglich, die Erniedrigung katastrophal, für Führungskräfte zumal. In seinem kulturphilosophischen Standardwerk „Phantom der Lust“ ist vieles davon nachzulesen.

Die Frauen von Arachne sprechen oft über diese heimliche Welt, die nur in Bruchstücken nach draußen dringt. Sie kennen die Filme, in denen mit Lack, Leder und Stiefeln das verruchte Milieu nachgezeichnet und häufig zur Karikatur verzerrt wird; die Mode, die mit diesen Accessoires arbeitet; die nächtlichen Spots im Fernsehen, in denen furchterregende Dominas die Peitsche schwingen und mit tiefer Stimme fordern: Ruf an! Als wäre Sadomasochismus nur Männer hauen. Mit der Wirklichkeit hat das nur sehr wenig gemein, eher mit der Abdrängung eines Phänomens, das es in dieser Gesellschaft in großer Zahl gibt. Wenn sie sich dann wieder die Köpfe heiß geredet haben, sagt Sylvana, die ganze Welt sei ein SM-Studio, und keiner gebe es zu.

Die Mutter zweier Kinder ist die Einzige bei Arachne, die den Widerspruch zwischen Nachfrage und Verstecken für sich gelöst hat. Sie outet sich, lässt sich fotografieren, während die Chefin höchstens im Halbprofil ins Bild will. Es sei, gesteht Nicole alias Arachne, wegen ihrer Eltern, denen sie nicht wünsche, dass die Nachbarn bei ihrem Anblick die Straßenseite wechseln. Auch die anderen halten sich bedeckt. Die meisten haben bürgerliche Berufe, sind Arzthelferinnen, Altenpflegerinnen, Malerinnen oder Kosmetikerinnen, die sich ein „Zubrot“ verdienen. Die ausgebildete Krankenschwester Anna zum Beispiel rückt immer nach Dienstschluss an, um im Kliniksexraum die Katheter fachgerecht zu verlegen. Arachne fördert dieses Doppelleben, drängt ihre Studentinnen zu einem Abschluss. „Die Frauen müssen die Wahl haben“, betont sie, „da mache ich Druck.“ Im Schnitt sind sie drei Jahre bei ihr. Seit kurzem gehen sie gemeinsam ins Boxtraining.

Es ist schwierig, unter diesen Umständen an ein selbstbestimmtes Leben zu glauben, das sie für sich einfordern. Dass sie Freude an ihrem Nebenberuf haben, wie sie versichern, ist für Außenstehende nur an ihren Gesichtern zu bemessen. Und die lachen oft. Wie etwa soll man verstehen, dass Josephine Spaß an ihrem Sklavendasein hat? Die mollige Grafikdesignerin in ihrem braunen Wollpullover könnte auch bei Karstadt an der Kasse sitzen. Sie schreibt Aufsätze über ihren Masochismus („Kein Spiel ohne Einsatz“), bei deren Lektüre einem nur die Haare zu Berge stehen. Heißes Wachs, Klammern, Hundehalsband. Außer Ohrfeigen lässt sie sich alles gefallen, und davon berichtet sie mit einer Fröhlichkeit, als sei sie gerade auf einem Betriebsausflug gewesen.

Extrem ist alles hier, und doch hätten sie’s gerne normal. Das wird deutlich, wenn sie erzählen, wie sich Dominas und Sklaven in ihrem Studio gefunden und geheiratet haben. Es wird sichtbar, wenn Nicole ihr Lederoutfit und die High Heels ablegt, in einen weiten Rock schlüpft, barfuß zwischen Streckbank und Pranger herumhüpft und ihren Mops Mädi streichelt. Selbstverständlich könnte der Fotograf auch Bilder von dem Wäscheständer machen, der vor dem Gynäkologenstuhl steht. Eine Herrin beim Unterhosenaufhängen – warum nicht?

Das Kind von den Fildern würde gerne raus aus seiner Zuffenhausener Schmuddelecke, am liebsten auf die Königstraße, und dort die Herren vorfahren lassen. Ganz offen, ohne Scham. Als neues Gerät würde Arachne dann ein Nudelholz anschaffen.

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