Kenia : Die wahllose Gewalt

Lange galt Kenia als Vorbild für die Demokratisierung afrikanischer Staaten. Doch seit einigen Tagen ist Stammeszugehörigkeit wieder wichtiger als die politische Einstellung. Sie entscheidet über Leben und Tod.

Kenia
Verwundete Demokratie. Ein Unterstützer der Opposition wurde mit einer Machete übel zugerichtet. -Foto: dpa

Nicht einmal eine Woche ist vergangen seit dem Tag, auf dem so viele Erwartungen lagen, so viel hatte sich ändern sollen, und das hat es dann auch, sehr schnell. Lydia Munyala sagt: „Ich habe Angst, erschossen zu werden.“

Nie waren die Erwartungen an eine Präsidentschaftswahl in Kenia so hoch wie an jene vom letzten Donnerstag, nie war die Bevölkerung so politisiert, und nun ist nicht nur die 43 Jahre alte Lydia Munyala – Ehefrau eines Mannes, Mutter von fünf Kindern – eine Gefangene in ihrer eigenen Stadt.

Der Blick aus dem kleinen Fenster ihres Zimmers geht hinaus auf die sandigen Gassen von Mathare, dem zweitgrößten Slum Nairobis. Sie sind nahezu leer, nur eine Handvoll Menschen ist unterwegs. Der Tag bricht an, die ersten Sonnenstrahlen, einige wenige Händler öffnen ihre Geschäfte. Lebensmittel sind rar, die Preise haben sich in den letzten Tagen mehr als verdoppelt. Tagelang gab es keinen Strom. Jugendliche kontrollieren die Eingänge der Siedlung. Wer sich nicht ausweisen kann oder in der Stammessprache antwortet, dem drohen zumindest Schläge. Stammeszugehörigkeiten sind wieder wichtig in Kenia, in diesen Tagen entscheiden sie über Leben und Tod.

Dabei galt das Land lange als Musterbeispiel für die afrikanische Demokratisierung, wo sich Konflikte an politischen Einstellungen entzünden, aber nicht mehr an ethnischen Unterschieden.

Seit 2002 allerdings, dem Jahr des Amtsantritts von Mwai Kibaki, dem dritten Präsidenten der Republik, hat sich das geändert. Er war angetreten gegen Korruption und für die weitere Zerschlagung der Clanstrukturen, doch dann ernannte er etliche Männer zu Ministern, die dies schon in der Vorgängerregierung von Daniel arap Moi waren. Kein Stamm profitierte dabei so stark wie die Gikuyu. Auch auf anderen Gebieten dominieren sie. Sie kontrollieren die fruchtbarsten Flächen des Landes, besetzen Schlüsselpositionen in der Verwaltung und führen große Unternehmen. Im Wahlkampf dann polarisierte der Oppositionskandidat Raila Odinga, er forderte Demokratie und geißelte die Herrschaft der alten Männer. Er fand Anhänger unter all jenen, die unter der Übermacht der Gikuyu zu leiden schienen.

Lydia Munyala ist vom Stamm der Luo, eine kleine, stämmige Frau, das Kleid mit den spitzen Schulterpolstern lässt sie noch breiter wirken. Wenn sie durch Mathare ging, wurde sie von allen Seiten begrüßt. Lydia Munyala hat hier einst eine Schule gegründet. Ihre Ersparnisse hat sie für ein Stück Land ausgegeben, damit zum nächsten Schuljahr neue Kinder aufgenommen werden können. Das Fundament ist bereits gelegt.

Lernen in Kenia. Kaum jemand scheint das tun zu wollen derzeit.

Im Land brennen Geschäfte, Tankstellen und Kirchen. Dutzende Menschen verbrannten am Sonntag bei lebendigem Leib in Eldoret, im Westen, sie hatten Unterschlupf gesucht in einem Gotteshaus, das ein wütender Mob in Flammen setzte. Bis zu 50 Menschen sollen in Eldoret verbrannt sein. Einige hundert sind angeblich in der Kirche gewesen, die meisten von ihnen Mitglieder von Präsident Kibakis Gikuyu-Stamm.

„Es war einer der schlimmsten Momente meines Lebens“, sagte ein Mitarbeiter des kenianischen Roten Kreuzes der Nachrichtenagentur AFP. „Frauen und Kinder zu sehen, die Zuflucht suchten und getötet wurden, auf die schlimmste Art und Weise.“

Ein Überlebender, der zehn Menschen aus den Flammen retten konnte, sagte: „Mein elfjähriger Neffe, er schrie ,Onkel, Onkel’, er starb …“

Die BBC berichtete von einer Zeugin, die es geschafft hatte, zu entkommen, folgendes: Die Angreifer schleppten zwei mit Petroleum getränkte Matratzen in die Kirche und zündeten sie an. Dann schlossen sie die Türen. Die Zeugin sprang mit ihrer dreijährigen Tochter auf dem Arm aus dem letzten offen gebliebenen Fenster. Draußen standen die Angreifer, entrissen der Frau das Kind und warfen es in die Kirche zurück. Die meisten Opfer in der Kirche sind Kinder. Es sei unklar, wie viele Leichen dort tatsächlich liegen.

Über den Anlass für das Massaker hört man: Eldoret wird vor allem von Gikuyu und von Nandis bewohnt. Die Nandis hatten überwiegend für die Opposition gestimmt, und sie halten sich zugute, ein Stamm von Kriegern zu sein. Selbst zu friedlicheren Zeiten gibt es in der Region rund um Eldoret manchmal Stammeskonflikte. Die Morde vom Sonntag nun scheinen auch durch eine von der Kibaki-Regierung verhängte Nachrichtensperre ausgelöst worden zu sein. Gesicherte Informationen gibt es im ganzen Land nicht. Fernseh- und Radiostationen wurden in den ersten Tagen nach der Wahl abgeschaltet, Zeitungen erschienen nicht. Die letzte Informationsquelle war das Mobiltelefon. Offenbar kursierten in Eldoret SMS, dass der Oppositions-Abgeordnete William Ruto in Nairobi erschossen worden sei. Ruto genießt in der Region eine große Popularität. Die Information war falsch, scheint aber gereicht zu haben, dass Nandi-Männer loszogen und die Kirche in Brand setzten.

Schon am Samstag brannten die ersten Barrikaden im Land, wurden Läden geplündert, standen sich Mitglieder der verfeindeten Stämme mit Macheten bewaffnet gegenüber. In einem Fall, in Mathare, jenem 450 000-Einwohner-Slum, in dem Lydia Munyala lebt, genügte ebenfalls ein Gerücht. Präsident Kibaki sei nach Uganda geflohen, war zu hören, Odinga zum Staatschef ernannt. Jubel brach aus, Menschen rannten durch die Straßen. In kürzester Zeit bezahlten zehn Gikuyus die Fehlinformation mit dem Leben. Zwei Nächte später rächten sich die Gikuyus. Fünf Luos starben, eine Schule wurde niedergebrannt. Gikuyus drohen nun, den von Luos bewohnten nördlichen Teil Mathares zu zerstören, sollten diese zu der Protestkundgebung aufbrechen, die die Opposition für den heutigen Donnerstag angekündigt hat.

Zu Demonstrationen aufgerufen hat Odingas Orange Democratic Movement (ODM) in allen größeren Städten Kenias: Mombasa, Kisumu, Eldoret, Kakamega, Nakuru. Allein in Nairobi werden eine Million Menschen erwartet. Die Regierung verbot die Aufmärsche und droht mit massivem Militäreinsatz.

Am Sonntag, als in Eldoret die Menschen in der Kirche verbrannten, hatte Präsident Kibaki sich in einer Blitzaktion erneut vereidigen lassen. Es wirkte wie der Staatsstreich einer taumelnden Regierung. Odingas Oppositionsbewegung warf dem Regierungschef und der Wahlkommission massiven Betrug vor. Und in der Tat erinnerte die vorhergehende Auszählung der Stimmen an eine große Theaterinszenierung. Die Hauptrollen spielten Wahlleiter Samuel Kivuitu, der die Ergebnisse – Kibakis Sieg also – verlas und somit offiziell machte, und die Mitglieder der Oppositionspartei, die mit zunehmender Verzögerung Manipulationsvorwürfe erhoben. Gründe für die Länge des Prozesses gab es offenbar viele. Wahlzettel waren verschwunden, Wahlhelfer nicht auffindbar oder zu müde zum Weiterzählen, die Wahlbeteiligung lag bei sensationellen 70 Prozent.

Berichte von Unstimmigkeiten und Korruption verbreiteten sich rasch im ganzen Land. Indizien dafür gab es etliche, so war zum Beispiel der Vorsprung Odingas von knapp einer Million Stimmen über Nacht auf 250 000 geschrumpft. Je mehr Zeit verging, desto größer wurden die Befürchtungen, die Regierung halte Ergebnisse zurück, um die Stimmen zu manipulieren. Und gestern, am Mittwoch schließlich, sagte Wahlkommissionschef Kivuitu der kenianischen Zeitung „The Standard“: „Ich weiß nicht, ob Kibaki die Wahl gewonnen hat.“

Auch Alexander Graf Lambsdorff spricht von Unregelmäßigkeiten im Auszählungsverfahren und von Glaubwürdigkeitsproblemen. Im Auftrag der Europäischen Union beobachtete der deutsche Europaabgeordnete die Wahlen in Kenia. Seit Mitte November kontrollierten 50 Beobachter die Vorbereitungen. Kurz vor dem Wahltag wurde das Team um 100 weitere Kontrolleure verstärkt. Sie reisten durch das Land, besuchten Wahllokale, nahmen an Auszählungen teil. Lambsdorff präsentiert Belege für Unstimmigkeiten und Wahlfälschung. In einzelnen Wahlkreisen wurden die Zahlen um bis zu 25 000 Stimmen für Präsident Kibaki nachträglich nach oben korrigiert, Wahlbeobachter wurden vom Auszählungsprozess ausgeschlossen, wichtige Dokumente sind verschwunden, in einigen Regionen soll die Wahlbeteiligung schließlich verdächtig hoch gewesen sein, bei über 90 Prozent. Lambsdorff appelliert an alle Parteien, fordert Transparenz und Frieden. „Die Zukunft des Landes liegt in der Hand der Kenianer“, sagt er. „Mehr als helfen können wir nicht.“

Das Stadtzentrum Nairobis wird von Eliteeinheiten der Polizei abgeriegelt. Überall patrouillieren Polizisten auf Pferden, bewachen Soldaten mit Schäferhunden die Gebäude der Regierung. Im Westen Kenias, wo die Luos 95 Prozent der Bevölkerung ausmachen, geht die Polizei massiv gegen die Unruhen vor, in Kisumu wurde eine Ausgangssperre verhängt. Die Bilanz: Kenias Zeitungen sprechen von bis zu 300 Toten in drei Tagen. 75 000 Menschen befinden sich auf der Flucht im eigenen Land, und – auch dies gehört zu den Nachrichten dieses Tages – deutsche Sportler sagen Trainingsaufenthalte in Kenia ab, Reiseunternehmen ermahnen Urlauber zu erhöhter Wachsamkeit oder verweisen auf die Warnung des Auswärtigen Amtes, Menschenansammlungen und Städte wie Eldoret oder Slums wie Mathare zu meiden und von Individualtouren ganz abzusehen.

Dort, in Mathare, ist die Anspannung bei den Menschen groß, man befürchtet das Schlimmste. Lydia Munyala sagt: „Wir sind nirgends sicher. Weder zu Hause noch draußen.“ Zusammen mit ihrem Mann und ihren Kindern wird sie am Donnerstag im Haus bleiben, auf Frieden hoffen und zu Gott beten.

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