Zeitung Heute : Kenne deine Gegner!

Als Polizist nahm er Neonazis fest. Als Chef einer Aussteigerinitiative hilft er ihnen, sich von ihrem Milieu abzuwenden. Was Bernd Wagner seit einem Vierteljahrhundert allerdings nicht gelingt: dass Sicherheitsbehörden ihm glauben, wozu diese Szene fähig ist.

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Der Terrorwarner. Bernd Wagner beobachtet seit Jahrzehnten die deutsche Neonazi-Szene. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Der Terrorwarner. Bernd Wagner beobachtet seit Jahrzehnten die deutsche Neonazi-Szene. Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Kurz nachdem der Wagen zum Stehen kommt, ist er Gegenstand einer ersten, begeisterten Feststellung: „Der hat ’ne 88 auf’m Nummernschild!“ Zwei Dutzend junge Männer, fast alle in schwarzer Kleidung, Kameradschaftsuniform, Kapuzenpullover, stehen schweigend bis auf einen einem Auto gegenüber. Sie haben gewartet auf diesen Moment, denn Wagner sitzt in diesem Auto, angekündigtes Erscheinen 20 Uhr, Wagner, Feind ersten Ranges.

„Ey, der hat’n 88-Kennzeichen!“, lauter jetzt, aber immer noch reagiert keiner, kein Echo hängt in der Luft, nur Atemwölkchen und die Gedanken des Rufers. 88 Mensch!, Untergrundcode, Schriftzeichenmathematik, Alphabet, achter Buchstabe, H, 8 gleich H, Doppel-8 gleich Doppel-H, HH, Heil Hitler, bei Wagner auf’m Auto, ausgerechnet.

Die Analyse des Mietwagen-Nummernschilds könnte noch weiter gehen, ein M ist da auch noch drauf, ganz vorn, das steht nach Verkehrsbehördenlogik für München, einstmals „Hauptstadt der Bewegung“, und ein G wie Gustav, und Gustav hieß mal ein Schwedenkönig, der den zweiten Vornamen Adolf trug. Die Welt ist voller Zeichen, und alle Zeichen sind unsere. Die Analyse geht aber nicht weiter, denn es passiert etwas Aufregenderes: Wagner öffnet die Beifahrertür und steigt aus dem Auto.

Das allgemeine Schweigen und der einsam Begeisterte weichen dem zungenfertigen Kameradenanführer, der tritt vor und sagt: „Guten Abend, Herr Wagner, wir haben uns auf eine fruchtbare Diskussion mit Ihnen gefreut, aber man scheut hier die öffentliche Auseinandersetzung.“

Hier ist Hamm, östlicher Ruhrgebietsrand, Stadtzentrum, der Vorplatz der Lutherkirche. Wir, das sind Mitglieder der ortsansässigen Nazi-Kameradschaft nebst Verstärkung aus der Umgebung. Und mit man sind Hamms Runder Tisch gegen Radikalismus und Gewalt und eine Juristen- und Historiker-Initiative mit dem Namen Arnold-Freymuth-Gesellschaft gemeint, die ihr Wirken dem Hinsehen, der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit widmet. Sie haben ein Gespräch in der Kirche einberufen, laut Einladungstext „anlässlich der Aufdeckung rechtsterroristischer Gewaltverbrechen“, ein Gespräch vor Publikum.

Rechtsterroristische Gewaltverbrechen. Genauer gesagt Rechtsterrorismus ostdeutscher Prägung: Bernd Wagner ist der Mann, der das seit einem Vierteljahrhundert vorhergesehen hat. Er ist an diesem Januarabend als Experte eingeladen.

Wagner steht jetzt vor dem Kameradschaftsanführer, ein großer runder Mann schaut einem kleineren ins Gesicht. Sascha Krolzig heißt der, Student der Rechtswissenschaften, in Hamm so bekannt, wie man als lokaler Nazichef in einer Großstadt bekannt sein kann. Die Gastgeber jedenfalls wussten, wen sie vor sich haben, als Krolzig und die anderen Schwarzgekleideten vorhin auf den Kirchenbänken Platz genommen hatten. Sie forderten sie zum Gehen auf. Die Polizei, die ohnehin schon da gewesen war, übernahm schließlich das Geleit nach draußen.

Wagner hört Krolzig ein wenig beim Reden zu, es geht um Meinungsfreiheit, um den Wunsch nach Gleichbehandlung, die Art und Weise, wie die Kirchengastgeber ihr Hausrecht ausgeübt haben und um das Auftreten der Staatsmacht. Ein hoher Ton, der mit den Rufen des 88-Nazis nichts gemeinsam hat, außer vielleicht den Überlegenheit suggerierenden Spott.

Wagner, geboren 1955, Wohnsitz Berlin, hört immer zu. Zuhören ist das Fundament seiner Arbeit, seit er in der DDR mit ihr angefangen hat. Er war dort zehn Jahre lang Kriminalpolizist, nach der Wiedervereinigung Leiter der Abteilung Staatsschutz im gemeinsamen Landeskriminalamt der neuen Bundesländer, er ist Gründer und Chef einer Beratungsgesellschaft für demokratische Belange und der Initiative Exit Deutschland, die abwendungswilligen Nazis beim Verlassen ihres alten Lebens hilft.

Kenne deinen Gegner, bevor du etwas gegen ihn unternimmst. Wagner steht in der Kirche und sagt seinen 50 Zuhörern: „Sie werden vorhin gemerkt haben, dass das keine dummen Menschen sind, sondern Leute, die ihre Ideologie durchdacht vertreten können.“

Ja, haben sie gemerkt. Für viele von ihnen ist diese Erkenntnis auch nicht mehr neu. Sie hatten ja nicht nur Befürchtungen, dass die jungen Männer in der Kirche gewalttätig hätten werden können oder laut und anmaßend, sondern möglicherweise die ganze Veranstaltung rhetorisch an sich reißen würden. Wie, bitte schön, spricht man mit Leuten, die auf einem anderen Planeten leben? Die sagen, die Erde sei eine Scheibe? Oder, tatsächlich und wortwörtlich eine beliebte rhetorische Figur: Auschwitz kann es nicht gegeben haben, weil die Scharniere der Gaskammertüren nicht an der optimalen Stelle angebracht seien.

Wagner versteht das. Er insistiert aber trotzdem. „Mein Appell“, sagt er, „gleich zu Beginn: Gibt es nicht Diskursformen, die es ermöglichen, mit Leuten mit rechtsextremem Hintergrund zu sprechen?“ So redet er. Es ist die Sprache eines Sozialwissenschaftlers, die eine Gesellschaft und ihre Phänomene von weit oben, aus der Draufsicht beschreibt. Wagner hat sich diese Perspektive jahrzehntelang dadurch erarbeitet, dass er immer wieder sehr weit unten sehr genau zugehört hat.

Er schreibt gerade ein Buch über seine Anfänge. Im Manuskript dazu ist von einer Studie die Rede. „In die Auswertung waren 50 Strafverfahren aus dem Zeitraum 1987 bis 1989 einbezogen“, steht da, Verfahren wegen Rowdytums, wegen Äußerungen faschistischen, rassistischen, militaristischen oder revanchistischen Charakters. Es ging um eine „Personengesamtheit von 596 Personen“. Außerdem wurden untersucht: „1238 Niederschriften über Befragungen von Beschuldigten und Zeugen weiterer Verfahren.“

„Als Ergebnis traten markante Entwicklungen hervor, die belegen, dass sich die Entwicklung der neonazistischen Szene in der DDR tatsächlich vollzog“, „nicht mit profanen Instrumenten wie Sozialarbeit und Repression zu beseitigen“.

Dann Wagners Schluss daraus: „Im gegenwärtig vorhandenen Potenzial an Organisationsqualität und Ideologie liegen Keimzellen für terroristische Verbindungen.“

Vereinfacht lässt sich heute sagen, dass dies ein Satz gewesen ist, den damals kaum jemand hören wollte. Weder im Vor-Mauerfall-DDR-Innenministerium noch danach und auch nicht beim Bundeskriminalamt. Er deckte sich nicht mit dem Bild, das die Regierenden in Ost-Berlin von ihrem Land hatten. Er passte nicht in eine Welt, der man die Sorgen vor einer Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten nehmen wollte. Später stand er internationalen Investitionen in Ostdeutschland im Wege. Und er unterlief folgende Worte der direkt zuständigen Sicherheitsbehörden: Wenn das so wäre, dann wüssten wir es.

Diese Worte müssen dröhnen in Wagners Ohren, er sagt, er höre sie bis heute immer wieder.

Besonders laut muss es im Jahr 1991 gewesen sein. Einige von Wagners Polizeikollegen hatten es geschafft, unerkannt in eine Naziversammlung in Hessen zu gelangen. Heraus kamen sie mit der Erkenntnis, dass es bald Brandanschläge auf Ausländerunterkünfte in Deutschland geben könnte. Möglicherweise im sächsischen Hoyerswerda, wie weitere Nachforschungen ergaben. Folgen hatte dies zunächst keine, bis Wagner diese Vermutungen in einem Zeitungsinterview öffentlich machte. Er fing sich, so erzählt er es, eine Vorgesetztenrüge ein. Ein paar Tage später, im September, brannte es in Hoyerswerda. Tagelang.

Draußen vor der Kirche patrouillieren die Nazi-Kameraden. In Zweier-, Dreier-, Vierergruppen laufen sie um die Kirche, lenken ihre Schritte immer wieder auf die Kirchentüren. Die Polizisten sind die ganze Zeit damit beschäftigt, ihnen in den Weg zu treten und miteinander Funkkontakt zu halten, „knack, es kommen wieder zwei in deine Richtung, knack“.

Drinnen sagt Wagner: „Das ist ein Partisanenkrieg gegen uns alle.“ Das müsse endlich verstanden werden. Nazis wähnen sich im Vollbesitz der Rechtschaffenheit, sie glauben aufrichtig, auf der Seite des Guten zu stehen, auf der Seite des Volkes, dem zum Beispiel das drohe, was sie den Volkstod nennen.

Daraus speist sich eine ungeheure Motivation. Eine Motivation, deren Folgen ebenfalls schon vor mehr als zwei Jahrzehnten deutlich sichtbar waren.

Wieder Wagner, andere Studie, diesmal von 1998, aber auch auf Daten aus der DDR gestützt: „Dem Normalbürger fiel es ebenso schwer wie Polizisten, Staatsanwälten und Richtern, einen jungen Mann zu erkennen, der fest in der rechtsextrem-orientierten/Skinheadszene integriert ist. 1987/88 ergaben sich diesbezüglich folgende Kriterien.“ Eines davon: „Wenn bei einem tätlichen Angriff auf eine neutrale Person eine zweite Person dem am Boden Liegenden noch einen Tritt mit dem Stiefel versetzt, handelt es sich beim Angreifer und seinem Begleiter immer um fest integrierte Szenemitglieder; der bezeichnete Vorgang entspricht genau dem Verhaltenskodex; im Normalverhalten ist dieser Ablauf widernatürlich.“

Hat Wagner recht, dann waren es also Nazis, die damit angefangen haben, Brutalität mit Feigheit zu verbinden. Zwei gegen einen, der wehrlos ist. Vernichtungswillen.

Es ist merkwürdig, wie Wagners Zuhörer manchmal reagieren, wenn er die DDR-Wurzeln des ostdeutschen Nazi-Gedeihens erwähnt. Sie glauben, er wolle den Sozialismus schlechtmachen. Er will den Sozialismus aber nicht schlechtmachen, er spricht nur von seinen Erlebnissen und Nachforschungen als Polizist und Helfer ausstiegswilliger Nazis. 400 Menschen hat er mittlerweile dabei betreut, ein unglaublicher Fundus an Wissen muss dabei zusammengekommen sein.

Und trotzdem wird es einige Tage später – in Weimar, wieder eine Diskussionsveranstaltung, im Publikum Mitglieder des Arbeitskreises „60+“ der örtlichen SPD – genau an dieser Stelle laut. Dass Stalin immer noch besser als Hitler gewesen sei, sagt einer, dass „ihr im Westen“ – Wagner wird der Einfachheit halber als Westler einsortiert – „Pol Pot unterstützt habt“.

Wagner könnte jetzt sagen, dass diese Haltung ein Teil der gewaltigen Verdrängungsleistung ist, mit der die Mehrheit der Deutschen sich das Nazitum vom Leibe hält. Er könnte den Zwischenrufer jetzt ein bisschen belehren.

Tut er aber nicht, er sagt stattdessen, das Nazitum spiele mittlerweile auf dem „Feld der Normalität, Klassenziel erreicht“. National befreite Zonen, „heute redet man nicht mehr so viel davon, man schafft sie einfach“. Nazis gründeten oder unterstützten Bürgerbewegungen gegen Braunkohleabbau, leben quasireligiös und wirtschaften ökologisch. Erst neulich sei Wagner bei SPD-Genossen in Berlin gewesen, begleitet von einem Aussteiger, der war barfuß und Veganer. „Antikapitalistische Kritiklandschaften“ bauten sich die Nazis auf, arbeiteten in einer „Kreativwerkstatt des Unheiligen“.

Das sei es, was das Land zu verstehen hat, weil sonst „der ganze ideologische Prozess uns überrollen wird, wenn man nicht geistig in diese Inhalte reinkriecht. Wenn man nicht vor der eigenen Haustür nachschaut.“

Es ist Wagner egal, auf welcher Idee jemand seine Menschenverachtung aufbaut. „Freiheit und Würde“, sagt er, darum geht es. Freiheit und Würde für jeden, wer das nicht akzeptiert, hat ihn gegen sich. Er beschäftigt sich auch mit Islamisten.

Freiheit und Würde sagt Wagner auch in Hamm. Nicht mit der gleichen Vehemenz wie in Weimar, die Veranstaltung ist stiller hier. Möglicherweise deshalb, weil draußen der Gegner auf und ab läuft, weil er sich gezeigt hat und frierend darauf wartet, dass die Kirchentüren sich öffnen und die Leute rauskommen, paar Fotos von ihnen machen, vielleicht. Da ist drinnen wenig Platz für Uneinigkeit.

Am Ende wird es so sein, dass Wagner auf Krolzig, den Kameradenanführer, zugeht. Und ihm seine Telefonnummer diktiert.

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