Zeitung Heute : „Kennen Sie gesunde Menschen?“

Sie ging durch Jerusalem, als eine Bombe explodierte und sie schwer verletzte. Nun lebt Zeruya Shalev mit der Angst – doch hassen kann sie nicht.

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Zeruya Shalev, 45, wurde mit ihrem ersten Roman „Liebesleben“ (BerlinVerlag) ein Star. Dieses „Erotikon“ („Stern“) wurde in 20 Sprachen übersetzt und rund eine Million Mal verkauft. Ihr drittes Buch sollte diesen Herbst fertig sein. Dann wurde die Autorin Opfer eines Selbstmordattentäters. Sie wohnt mit ihrem dritten Ehemann in Jerusalem.

Interview: Pierre Heumann Foto: Isolde Ohlbaum Frau Shalev, Sie hinken ja immer noch!

Ja. Aber mein Knie ist sehr viel besser geworden.

Sie haben sich vom Terroranschlag Anfang des Jahres noch nicht vollständig erholt.

Ich beginne erst jetzt wieder Auto zu fahren, kehre zu einem normalen Leben zurück. Am 29. Januar wurde mein Knie zertrümmert, und die Ärzte mussten während einer dreistündigen Operation alles neu aufbauen. Monatelang war ich ans Bett gebunden, konnte mich nicht bewegen, weil ich das Bein nicht belasten durfte. Es schmerzt immer noch.

In welchem Teil des Busses saßen Sie, als die Bombe explodierte?

Ich saß nicht im Bus. Seit Jahren habe ich keinen Bus bestiegen – aus Angst vor Terror. Das ist ja das Absurde, dass es ausgerechnet mir passiert ist, mir, die stets so vorsichtig ist.

Wie hat es Sie denn erwischt?

Ich hatte mein Kind zur Schule gebracht und ging zu Fuß nach Hause, um an meinem neuen Buch zu schreiben. Und da fuhr der Autobus an mir vorbei und explodierte. Die Druckwelle schleuderte mich durch die Luft, und ich fiel wuchtig aufs Trottoir.

Und seither verfolgen Sie die Bilder der Zerstörung, der Verletzten und der Toten?

Ja. Aber ich möchte eigentlich nicht, dass wir ausschließlich über mich als Terroropfer sprechen.

Machen Sie sich keine Sorgen.

Ich kann natürlich nicht abstreiten, dass es geschehen ist. Aber ich möchte nicht, dass es zum zentralen Element meiner Biografie wird. Ich will nicht die Schriftstellerin sein, die verletzt wurde.

Ihr Roman sollte eigentlich im Herbst erscheinen.

Mein Buch war vor dem Anschlag im Januar bereits in fortgeschrittenem Stadium, und als ich am Boden lag, dachte ich als Erstes daran, dass ich nun zu Untersuchungen ins Krankenhaus müsse, wo ich doch schreiben sollte. Und wie ich auf Krücken aus dem Hospital entlassen wurde, dachte ich, schön, dass ich jetzt wenigstens wieder schreiben kann. Doch auch das dauerte noch mehrere Monate, weil ich unter Konzentrationsschwierigkeiten litt. Die posttraumatischen Effekte führen auch zu Albträumen in der Nacht, zu Schlafstörungen.

Welche Bilder waren es denn, die Sie vom Schreiben abhielten?

Ich sah die Frau, die auf der einen Seite neben mir auf dem Bauch lag, und eines ihrer Beine war abgetrennt. Das fand ich auf der anderen Seite von mir. Ich lag also zwischen der Frau und ihrem Bein. Und dann der ausgebrannte Autobus, der nur wenige Meter von mir entfernt stand. Schließlich auch die enorme, beklemmende Stille nach dem fürchterlichen Riesenknall. Ich schaute auf den Autobus und hörte sekundenlang nichts.

Warum?

Vielleicht erklärt sich die Stille damit, dass die Ohren nach dem fürchterlich lauten Knall nichts mehr hören. Vielleicht ist man seelisch so stark angeschlagen, dass man sich von der Umwelt trennt.

Hat Ihre persönliche Begegnung mit dem Terror Ihr Weltbild verändert?

Nein, ich bin wie bisher, nur etwas mehr.

Wie meinen Sie das?

Immer hatte ich Angst. Nie hatte ich das Gefühl, vor dem Terror sicher zu sein, seit Beginn der zweiten Intifada im September 2000. Die Angst ist nun noch größer, und wenn ich Bilder ausgebrannter Busse sehe, kehrt alles zurück.

Wie gehen Sie im Alltag mit der Angst um?

Ich rate den Kindern, keinen Bus zu benützen, voll besetzte Kaffeehäuser zu meiden, möglichst weit vom Eingang zu sitzen, wo der Terrorist die Bombe zünden könnte. Die Tochter bringe ich mit dem Auto zur Schule, so muss sie keinen Bus nehmen.

Damit laufen Sie Gefahr, die Kinder zu stark zu beschützen und zu bemuttern.

Das habe ich immer getan, aber jetzt halt noch intensiver. Begreifen Sie doch: Wenn meine Kinder einen Autobus sehen, werden sie fast ohnmächtig. Sie haben Angst, dass es mir nochmals passieren könnte, sie machen sich schreckliche Sorgen, wenn ich das Haus verlasse.

Und Sie selbst?

Auch mir fällt es schwer, einen Bus zu sehen. Kürzlich musste ich an einer Kreuzung warten. Vor mir stand ein Bus, ein zweiter hinter mir, auf der linken Seite ein dritter. Ich verlor fast das Bewusstsein, so groß war die Angst.

Die Bilder lassen Sie nicht los.

Niemanden. Vor einiger Zeit erhielt ich eine Einladung zu einem Treffen mit den Terrorgeschädigten, die am selben Tag wie ich unterwegs waren. Ich habe mir erst überlegt, ob ich hingehen soll, denn was haben wir schon gemeinsam außer eben diese Verarbeitung des Terrors. Aber die Begegnung war mir dann doch wichtig, obwohl ich mich damals fast nicht bewegen konnte.

Haben Sie die Begegnung mit den überlebenden Opfern gut verkraftet?

Da gab es eine schöne junge Frau, von der ich zunächst den Eindruck hatte, dass sie überhaupt nicht verletzt worden war, und ich wandte mich an sie, um mit ihr zu sprechen. Da stellte ich fest, dass sie durch den Anschlag ihr Gehör zu 100 Prozent verloren hat. Sie erzählte mir von ihren Plänen, Film zu studieren, daraus wird jetzt leider nichts. Übrigens hat kaum einer den anderen verstanden, die ganze Zeit fragte man: „Was? Was?“ Denn fast jeder der 50 Verletzten, die im Bus saßen, hat jetzt einen Gehörschaden. Eine andere Frau trug ein Kopftuch. Ich dachte erst, sie sei fromm, bis ich begriff, dass ihre Stirn und ihr Kopf durch die Explosion hässlich entstellt wurden. Eine Mutter klagte, sie habe jetzt keine Geduld mehr mit ihren Kindern, sie schreie ohne Unterlass. Statt sich um ihre Kinder zu kümmern, kümmere sie sich um Verletzte im Krankenhaus, das sei ihre Therapie.

In Ihren beiden bisherigen Büchern, in denen Sie bis in die innerste Intimsphäre vordringen, finden sich keine Anzeichen dieser allgegenwärtigen Ängste.

Weil ich sie vor dem Jahr 2000 geschrieben habe. Damals gab es zwar auch Anschläge, aber sie waren nicht dermaßen dominierend.

Ist die Angst vor Terror im neuen Buch ein Thema?

Das Wort „Terror“ kommt auch da nicht vor. Er wird nur im Hintergrund angedeutet, etwa bei der Frage, ob ein bestimmter Platz im Café oder im Bus sicher sei oder nicht.

Sie sagen: Die Angst vor Terror beschäftigt jeden in Israel. Weshalb klammern Sie das im Roman aus?

Das ist mein Versuch, gegen die Realität anzukämpfen.

Versuchen Sie, der Wirklichkeit zu entfliehen?

Die Situation, in der wir leben, habe ich nicht gewählt. Sie wurde uns aufgezwungen. Ich will verhindern, dass sie mir die Freiheit nimmt. Natürlich denke ich über die äußere Lage nach, aber da gibt es nichts, was mich zum Schreiben herausfordern würde. Sie ist gewalttätig, schwierig.

Ihre Bücher handeln auch ohne Terror nicht gerade von fröhlichen Menschen oder Engeln. Jede Ihrer Figuren hat einen Defekt.

Mich interessieren nun einmal die Beziehungen zwischen den Menschen, zwischen Eltern und Kind, zwischen Mann und Frau.

Würden Sie gleich schreiben, wenn Sie irgendwo in Europa lebten?

Das ist schwierig zu beantworten, aber doch: Ja. Vielleicht sind meine Bücher ein wenig pessimistischer wegen der Wirklichkeit hier.

In Ihren Romanen kommen nur Menschen vor, die psychisch angeschlagen sind. Gesunde Leute gibt es da nicht.

Kennen Sie denn gesunde Menschen?

Klar. Fröhliche, optimistische Menschen kennen bestimmt auch Sie. In den Romanen zeigen Sie uns aber nur psychische Krüppel. Und wenn es plötzlich einen Schimmer Hoffnung gibt, ist das Buch zu Ende.

Es ist viel interessanter, über komplexe Menschen mit ihren Problemen und Widersprüchen zu schreiben. Je bewusster die Menschen sind, desto schwieriger haben sie es mit sich und umso spannender ist die Handlung.

Ihre Figuren leiden. Genießen Sie deren Schmerz?

Als Schriftstellerin will ich komplexe Menschen und Situationen beschreiben, nicht unbedingt solche, mit denen ich mein Leben verbringen möchte. Die Herausforderung besteht für mich darin, eine problembeladene Situation zu entwickeln, Menschen in Krisen zu manövrieren und sie dann mit der Entwicklung der Geschichte zur Hoffnung zu begleiten. Gerade in Krisensituationen wissen sich Menschen ja immer wieder zu helfen. Mich wundert, wie sich komplexe Menschen in komplexen Situationen verhalten.

Weshalb ist es da nötig, die Sexszenen so provokativ und detailliert zu beschreiben?

Für mich gibt’s keinen Unterschied zwischen der Beschreibung von erotischen Begegnungen und der Schilderung einer Landschaft oder eines Gesprächs. Immer geht es um Gefühle, und ich bemühe mich, alles genau wiederzugeben und die Wahrheit zu schildern. In allen Prozessen, die Menschen durchlaufen, ist der erotische Teil sehr bedeutungsvoll. Die Erotik ist der Spiegel der Gefühle.

Sie lassen dabei kaum ein Detail aus.

Als ich „Liebesleben“ schrieb, war ich so sehr mit dem Schreiben beschäftigt, dass ich nicht begriff, wie mutig es ist. Ich schrieb es in einer Art von Naivität und Offenheit.

Wie haben denn Ihre Eltern auf die erotischen Darstellungen reagiert?

Erst als ich die Fahnen aus der Druckerei erhielt und sie meinem Vater zu lesen gab, begriff ich, wie gewagt das Buch ist, und erschrak. Ich habe mich ein wenig geniert. Den Eltern gegenüber bleiben wir ja immer irgendwie kleine Kinder. Am nächsten Tag sagte mir meine Mutter dann auch, sie hätte das Buch schnell überflogen und meinem Vater empfohlen, einige Seiten mit den provokantesten Szenen zu übergehen.

Und da blieb noch was übrig?

Hahaha…, doch, sehr viel. Und mein Vater, der Bibelexperte, sagte mir sogar, dass auch die Bibel nicht frei von gewagten Liebesszenen sei.

Und wie haben Ihre ultraorthodoxen, extrem religiösen Landsleute auf „Liebesleben“ reagiert?

Die leben getrennt von uns Säkularen. Die lesen unsere Bücher nicht.

Sie waren in Europa zu mehreren Lesungen. Wurden Sie da als Israelin wegen der umstrittenen Politik Ihres Regierungschefs angegriffen?

Nein. Meine Bücher haben eben wenig mit Politik zu tun. Die israelische Politik deprimiert mich und stößt mich ab.

Was genau?

Alles. Es ist zwar nicht so, dass nur wir verantwortlich sind für die Situation. Sowohl wir als auch die andere Seite sind schuldig. Aber die Lage ist so deprimierend und hoffnungslos. Es gibt keine Führung, an die man glauben und auf die man sich verlassen kann. Alles scheint so traurig, dass ich am liebsten nicht darüber schreibe.

Sie klingen sehr pessimistisch.

Ich bin ein pessimistischer Mensch, der es aber schätzt, positiv überrascht zu werden. Und in meinem Leben wurde ich oft positiv überrascht. Ich würde mich freuen, wenn sich auch im Mittleren Osten eine Wende zum Guten ergäbe.

Wie müsste denn der ideale Zustand Ihrer Meinung nach aussehen?

So banal wie möglich: Frieden und Ruhe. Die besetzten Gebiete würde ich für einen wirklichen Frieden aufgeben.

Auch die Altstadt von Jerusalem, die wir von diesem Kaffeehaus aus sehen?

Ja, das soll von mir aus den Palästinensern gehören. Ich kann das ja als Touristin besuchen, falls die beiden Staaten wirklich friedlich nebeneinander leben. Mit dem palästinensischen Volk habe ich kein Problem, aber ich misstraue seiner Führung. Bis zur Intifada war ich sehr optimistisch. Doch der Einsatz der Gewalt hat mich verunsichert.

Glauben Sie, dass ein Verzicht auf die Gebiete, die seit 1967 besetzt sind, die Lage beruhigen würde?

Ich sehe keinen palästinensischen Politiker, der zu einem Kompromiss bereit wäre. Aber ich würde den Versuch, das Experiment trotzdem wagen, damit wir die Palästinenser auf die Probe stellen. Ich hätte deshalb gerne einen Regierungschef, der mutig genug ist, Gebiete aufzugeben.

Kennen Sie so einen?

Nein.

Immerhin will Scharon 2005 aus Gaza raus.

Ich glaube nicht, dass das ausreicht. Wir müssen etwas anstreben, das auch für die Palästinenser akzeptabel ist. Ein Rückzug aus Gaza ist für sie ja nicht genug, wie also profitieren wir davon? Wir müssen einen anderen Kompromiss finden, um die andere Seite zu testen. Ich weiß aber nicht, ob das Problem bloß die Besatzung ist, ob also der Verzicht auf besetzte Gebiete Frieden bringen würde oder ob es um die Existenz Israels schlechthin geht, die viele Araber ablehnen, weil sie uns nicht im Nahen Osten haben wollen. Die Rückgabe der Westbank und des Gazastreifens würde dann nicht viel bringen. Ich glaube, wir müssen es trotz allem riskieren, falls die andere Seite auf Terror verzichtet.

Wissen Sie eigentlich, wie schwierig das Leben der Palästinenser unter israelischer Besatzung ist?

Ja, und deshalb hoffe ich, dass sie jetzt endlich zu einem Kompromiss bereit sind, weil sie damit ihr Leben verbessern könnten. Bisher haben sie das abgelehnt. Der Konflikt ist eine Tragödie. Auch nach dem, was ich durchgemacht habe, kann ich mich mit ihrer Seite und ihrem Schmerz identifizieren.

Wollen Sie damit sagen, dass Sie den Terroristen verstehen, der zehn Menschenleben auf dem Gewissen hat und für Ihre Verletzung verantwortlich ist?

Ich hege keinen Groll gegen das palästinensische Volk. Terror ist immer ein Ungeheuer, deshalb ist er für mich unfassbar. Der Gedanke, dass ein Mann eines Morgens mit der festen Absicht aus dem Haus geht, möglichst viele unschuldige Menschen umzubringen, ist schlicht unverständlich. Es ist für mich leichter, von einem Unfall zu sprechen.

Sie hegen keinen Hass auf diesen Mann?

Hassgefühle hege ich keine, auch keine Rachegefühle. Ich empfinde nur Bedauern und Schmerz.

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