Zeitung Heute : Kiewer Kinderballett: Die Armee des Mäusekönigs

Susanna Nieder

Es ist Weihnachten. Der Christbaum glitzert und funkelt. Das Haus ist voller aufgeregter Kinder, die sich über ihre Geschenke hermachen. Klara freut sich besonders, weil sie von ihrem Patenonkel Drosselmeyer einen Nussknacker bekommen hat. Die Kinder spielen mit dem Holzmännchen, aber Klaras Bruder Franz ist ein Grobian. Er macht den Nussknacker kaputt und entschuldigt sich noch nicht mal. Klara weint und weint, und als sie einschläft, träumt sie, dass ihr Nussknacker sich in einen Prinzen verwandelt, der die Spielzeug-soldaten gegen den Mäusekönig und seine Armee ins Feld führt.

An dieser Stelle sind Igor, Jaroslaw und Schenja dran. In schwarzen Uniformen, mit hohen Hüten und grauen Schwänzen ausstaffiert, stürzen sie auf die Bühne. Sie sind Soldaten des Mäusekönigs im Ballett "Der Nussknacker", das der Russe Peter Tschaikowski vor über 100 Jahren komponiert hat. In Russland und seinem Nachbarland, der Ukraine, wird es besonders zur Weihnachtszeit häufig aufgeführt, und oft tanzen nur Kinder mit.

Igor, Jaroslaw und Schenja kommen aus Kiew, der Hauptstadt der Ukraine, und gehören zu den jüngsten Mitgliedern der Kindertanztruppe "Kijanuschka". Igor ist 11, die anderen beiden sind 12 Jahre alt. Tanzen ist für sie das Größte, und wenn man sie fragt, ob sie später mal Tänzer werden wollen, nicken sie heftig mit den Köpfen.

Dabei ist ihr tägliches Programm nicht gerade ein Pappenstiel. Sie gehen auf das "Choreographische Lyzeum", und da wird nach dem Unterricht drei Stunden trainiert. "Das ist richtig harte Arbeit", sagt der 12-jährige Mischa, der später auf die Bühne kommt, wenn das Spielzeug im Weihnachtszimmer zum Leben erwacht.

In ihrer Freizeit machen die Jungs das, was Jungs eben so machen: im Hof mit den Nachbarskindern kicken oder am Computer spielen. In Kiew ist es ganz normal, wenn ein Junge Ballett tanzt. Da kommen keine blöden Bemerkungen, das sei doch nur was für Mädchen. Und sie haben auch nicht die Probleme ihres englischen Altersgenossen Billy aus dem neuen Film "Billy Elliot", dessen Vater will, dass er boxt, anstatt zu tanzen.

Außerdem kriegen Igor und Schenja, Mischa und Jaroslaw was von der Welt zu sehen, wenn "Kijanuschka" auf Tournee ins Ausland geht. Da kann man vor dem Auftritt schon mal Lampenfieber kriegen. Aber wenn die Vorstellung vorbei ist, können die jüngeren Kinder spielen oder schwimmen gehen. Die älteren trainieren. Manche haben schon Preise bei Ballett-Wettbewerben in Frankreich gewonnen. Und um so gut zu werden, muss man viel üben.

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