Zeitung Heute : Killer und Blondgänger

KATRIN HILLGRUBER

Stimmenlagen der Poesie in der literaturWERKstatt berlinKATRIN HILLGRUBERHelden der Lyrik: Vereinzelt gibt es sie noch.Es muß wohl Albert Ostermaiers "Ausgangswut in einem katholischen Umfeld" gewesen sein, die dem Münchner des Jahrgangs 1967 sein ungebrochenes Selbstbewußtsein verlieh.An seiner jüngsten Gedichtsammlung "fremdkörper hautnah" ist vor allem der beherzte Zugriff auf Metaphern bemerkenswert, die für die einen altbewährt und darum lieb und teuer sind, für die anderen hingegen abgestanden wirken.Oft bemühte Vokabeln wie Traum, Herz oder Himmel sowie ein dezidiertes "Du", die deutliche Hinwendung zum Adressaten, kennzeichnen sein lyrisches Sprechen.Dichter, sagt er diesem Du, müßten wissen, wie man Leute killt.Ob die Geste des Provokateurs nicht verbraucht sei, wollte Peter Geist wissen, vorsichtig, aber hartnäckig.Er moderiert die Reihe "Das unzeitgemäße Tempo des Sprechens", die an vier Abenden in der literaturWERKstatt berlin versucht, "Stimmenlagen deutschsprachiger Poesie" zu erkunden.Ostermaiers Antwort überraschte nicht: Nach einer ersten kryptischen Phase habe er jetzt wieder zu einem Gegenüber gefunden.Scheinbar abgedroschene Redewendungen benutze er bewußt, überhaupt sei alles legitim, solange man die Inhalte nicht verrate.Als seinen wahren Resonanzraum hat der Auftragsdramatiker Ostermaier (Stücke zu Toller und Brecht) ohnehin das Theater entdeckt, wo er unter anderem auch Gedichte zur E-Gitarre vorträgt: "Man muß jede Chance nutzen, Leute mit Lyrik zu konfrontieren", so sein Credo. Auf angenehme Weise privatistisch wirkt dagegen Kathrin Schmidt.Die 1958 in Gotha geborene Diplompsychologin, Trägerin des Leonce-und-Lena-Preises von 1993, hat ihren ebenso sarkastischen wie surrealen Bilderstrom bislang in zwei Gedichtbände kanalisiert: "Ein Engel fliegt durch die Tapetenfabrik" (1988) und "Flußbild mit Engel", vor drei Jahren erschienen.Eigentlich hätte ihr Erstling schlicht "Tapetenfabrik" heißen sollen, erzählt sie, doch dieser Titel wurde von der Verkaufsabteilung des Verlags eilfertig geändert, denn Tapetenmetaphern erschienen in der instabilen Endphase der DDR bekanntlich subversiv.Während Albert Ostermaier auf das Theaterpublikum und dessen Aufgeschlossenheit setzt, wartet Kathrin Schmidt gelassen ab, was für eine Zuhörerschaft ihr der Verteiler der Wohnungsbaugesellschaft Hellersdorf in die Lesungen spült: Dort amtiert sie zur Zeit als Bezirksschreiberin.Die "Zufallsdichterin" führt es auf angebliche Naivität zurück, daß sich politische Themen so mühelos in ihre Assoziationen einfügen, etwa in "subverse": "wie blondgänger schließen wir anderland aus, /.../ sterntalers kinder gehen in springerstiefeln ums haus, sehen uns nicht." An den anderen Abenden hatten Barbara Kähler und Marcel Beyer sowie Adolf Endler und Wilhelm Bartsch gelesen und über "Gebrauchs- und Marktwert" neuer deutscher Poesie beraten.In Pankow will man der oft voreilig betrauerten Gattung Lyrik in Zukunft mehr Gehör verschaffen.Die spezifische Diskussionskultur, die in diesem Haus gepflegt wird, verspricht Vitalisierendes. Heute (13.2.), 20 Uhr, lesen und diskutieren zum Abschluß der Reihe in der literaturWERKstatt berlin, Majakowskiring 46-48, Gerhard Falkner und Peter Waterhouse.

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