Zeitung Heute : Kind auf dem Eis

STEFANIE DÖRRE

Zeitreise: "Songs und mehr" von Ulla Meinecke im Berliner EnsembleSTEFANIE DÖRREAuf Joy Division oder Fehlfarben konnte man Mitte der achtziger Jahre stehen, und dennoch zumindest einen Song von Ulla Meinecke in den persönlichen Olymp seiner Lieblingskassette aufnehmen.Ohne als rührseliger Schnulzenadept abgetan zu werden, obwohl sie von Liebe, Freundschaft und Beziehungsklippen sang.Schließlich hatte Meinecke zusammen mit Udo Lindenberg angefangen, dann kam Spliff-Schlagzeuger Herwig Mitteregger als Komponist, später Rio Reiser, Anette Humpe.Ihre Lieder klangen melancholisch, aber rauh.Sie stand mitten im Leben, war authentisch.Zeilen wie "Wir fliegen beide durch die Nacht" und "Du bist die Tänzerin im Sturm" drückten in ihrer Vieldeutigkeit das eigene Lebensgefühl aus, die Sehnsucht nach Freiheit, Emotionalität. Ohne Band, nur begleitet von ihrem Pianisten Reinmar Henschke, trat Ulla Meinecke im Berliner Ensemble auf die Bühne.Dieser Orts- und Arrangementwechsel legte nahe, daß sie sich nun endgültig von ihrem Image als Rocksängerin verabschiedet, um endlich auch durch das Staatstheater geadelte Kunst zu präsentieren.Doch sie trägt den edlen Hosenanzug, als wäre er vom Flohmarkt.Beim ersten Stück steigt Ulla Meinecke aus den Pumps.Barfuß führt sie ihr Publikum auf die Reise in die gemeinsame Vergangenheit.Ein paar Akkorde angespielt, schon signalisiert Beifall Wiedererkennen.Vom "Feuer unterm Eis" singt sie und dem "Stolz italienischer Frauen", die Bruce-Springsteen-Ballade "Ein Schritt vor und zwei zurück".Ganz wie früher, ausdrucksstark und sensibel, obwohl ihre Stimme tiefer, rauchiger klingt.Weiterhin wenig gelungen sind dagegen die kabarettistischen Überleitungen.Meinecke ist keine Schauspielerin, entwirft sich nicht als Kunstfigur, kann die eigene Anspannung nicht verbergen.Trotz des warmen Zuspruchs von den Rängen selbst bei den Zugaben kein Aufatmen, fast ängstlich sagt sie "Danke"."Ich bin das Kind auf dem Eis." Ihr nimmt man die Worte ab, auch wenn sie die Sprache einer anderen Dekade sprechen. Noch einmal heute, Berliner Ensemble, 20 Uhr 

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben