Zeitung Heute : Kinder beantragen Stasi-Akten der Eltern

Rund 5500 Erstanträge von Angehörigen im vergangenen Jahr / Noch immer 39 Ex-Stasileute in der Behörde.

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Berlin - Immer mehr jüngere Leute wollen mithilfe von Stasi-Akten Erkenntnisse über das Leben ihrer Eltern oder anderer naher Angehöriger in der DDR gewinnen. Seit vor einem Jahr im Stasiunterlagengesetz die Möglichkeit geschaffen worden ist, die Akten verstorbener Angehöriger einzusehen, entfielen zehn Prozent der Erstanträge auf Akteneinsicht auf diese Fälle, sagte der Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen, Roland Jahn, dem Tagesspiegel. Insgesamt seien im vergangenen Jahr 5581 Anträge von Familienangehörigen, zumeist von Kindern oder Enkelkindern Verstorbener, gestellt worden. Oft stecke reine Neugier hinter solchen Anträgen, „aber bisweilen auch kritisches Hinterfragen“, sagte Jahn. „Wenn etwa eine Frau kommt und sagt, ich will unbedingt die Stasi-Akte meiner verstorbenen Mutter sehen, ich will wissen, warum meine Mutter sich von mir losgesagt hat, nur weil ich einen Ausreiseantrag gestellt habe.“ Dahinter stecke die Frage, wie das System der Angst funktioniert habe.

Der einst aus der DDR ausgewiesene Bürgerrechtler und spätere Fernsehjournalist Jahn, der vor zwei Jahren das Amt des Bundesbeauftragten von Marianne Birthler übernommen hatte, war mit dem Aufsehen erregenden Vorhaben angetreten, die noch in der Behörde tätigen Ex-Stasileute loswerden zu wollen. Das waren damals 47 frühere hauptamtliche und ein inoffizieller Stasi-Mitarbeiter. Zwei Jahre danach sind noch immer 39 in der Behörde tätig. Neun haben das Haus verlassen, fünf davon aus Altersgründen, einer ist verstorben. Nur drei Mitarbeiter konnten bisher auf andere Stellen innerhalb des Bundes umgesetzt werden. Von einem Scheitern seines Anliegens will Jahn dennoch nicht sprechen. Es sei sein Anliegen gewesen, „ein 20 Jahre altes Problem zu lösen“. Das werde konsequent umgesetzt. Wichtig sei aber, „diesen Weg rechtsstaatlich korrekt und menschlich respektvoll zu gehen. Das braucht seine Zeit.“

Jahn hält weiterhin an dem Bemühen fest, auf dem Gelände der ehemaligen Stasi-Zentrale in Lichtenberg einen Campus der Demokratie zu entwickeln. „Wir wollen unsere auf mehrere Standorte verteilte Behörde an diesem authentischen Ort zusammenführen.“ Er habe dazu die nötige Unterstützung von Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU). „Wenn niemand auf der Bremse steht, könnten die Umzüge bis Mitte 2014 abgeschlossen sein.“ Die Kritik, er wolle mit diesem Vorhaben den Fortbestand der Behörde über das Jahr 2019 hinaus sichern, wies Jahn im Interview zurück. „Es geht hier nicht um eine Behörde, sondern um die Aufarbeitung. Das Türschild kann jederzeit ausgewechselt werden.“

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