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Kinder : Hilfe, der Babysitter kommt!

27.01.2013 00:00 UhrVon Felix Denk
Die Lektüre von Babysittern ist nicht immer kindgerecht.Bild vergrößern
Die Lektüre von Babysittern ist nicht immer kindgerecht. - Illustration: Birgit Lang für den Tagesspiegel

Auch junge Eltern wollen mal ins Kino, mit Freunden einen trinken oder nett essen gehen. Dann muss irgendjemand aufs Kind aufpassen. Den Richtigen dafür zu finden, ist ein Abenteuer.

Ein Kind bringt alles in Bewegung. Aus Paaren werden plötzlich Eltern, aus eigenen Eltern Großeltern. Die Familie wächst, nicht nur um den Nachwuchs, sondern auch um einige Wahlverwandte, die man vorher gar nicht auf der Rechnung hatte. Man ahnt nicht, dass sie eines Tages in das Leben treten würden und da mehr als nur eine Statistenrolle ausfüllen. Bis man irgendwann im Morgengrauen betrunken vor ihnen steht.

Eigentlich wollten meine Frau und ich nur in ein neues Restaurant zum Essen gehen, mit Freunden, und um ein Uhr spätestens wieder zu Hause sein. Das war der Plan. Doch dann sind wir noch in eine Bar, einen Club gestolpert, und als wir ins Taxi stiegen, zwitscherten bereits die Vögel.

Ich gab dem Taxifahrer mein letztes Geld.

Da saß sie nun, die Studentin der Theaterwissenschaften. Auf unserem Sofa, eingehüllt in eine Decke, nur das kleine Licht an, vertieft in ein Buch über Piscator. Ich versuchte es mit einem Witz – ob wir bei ihr anschreiben lassen könnten? –, doch sie verstand mein heiseres Gekrächze nicht. Sie sah uns nur müde an. Es kam kein Vorwurf. Nur ein langer Blick, von dem ich nicht weiß, ob der so missbilligend gemeint war, wie ich ihn empfand. Jedenfalls fühlte ich mich, als wäre ich wieder 15 Jahre alt und gerade von meinen Eltern dabei ertappt worden, wie ich heimlich vom Tanzen in einer Disko zurückkam.

Für junge Eltern ist der Babysitter die Nabelschnur zur Außenwelt. Besonders, wenn die Großeltern Hunderte von Kilometern entfernt wohnen. Er macht es möglich, dass man nach der langen Schwangerschaft und den ersten Monaten mit dem Kind wieder als Paar ausgehen kann. Das Leben kommt einem dann unglaublich bunt vor, alles ist aufregend, grell und schillernd. Ein Freiheitserlebnis in Cinemascope, mindestens so groß wie der 18. Geburtstag. Und trotzdem ist einem immer etwas schwer ums Herz. Das eigene Kind, ganz allein, bei einem Fremden. Ach, wenn das mal gut geht!

Entsprechend hoch gehandelt werden zuverlässige Babysitter. Die meisten Eltern würden eher ihre EC-Karte mit Geheimnummer verleihen, als die Telefonnummer des Babysitters herausrücken. Gerade unter Freunden teilt man nicht den Aufpasser. Das ist keine Missgunst, sondern Pragmatismus: Möchte man mit ihnen ausgehen, müsste man sich ja um den Babysitter streiten. Insofern muss jeder für sich suchen und seine bitteren wie bizarren Erfahrungen sammeln.

Natürlich wählt man einen Babysitter sehr genau aus. Das Kind ist schließlich so etwas wie das Kronjuwel der jungen Familie. Als unser Sohn ein halbes Jahr alt war, wurden wir deshalb Premiumkunden bei Betreut.de, einem Onlineportal zur Vermittlung von Betreuungsdienstleistungen rund um sehr junge und sehr alte Menschen. Klar war: Zuverlässigkeit ist das Wichtigste, Erfahrung mit Kindern unabdingbar, und sympathisch sollten die Kandidaten auch sein. Immerhin lässt man sie in die eigenen vier Wände und übergibt ihnen das, was man am meisten liebt.

Gleichzeitig war uns klar: Richtig viel machen müssten unsere Babysitter eigentlich nicht. Die kommen, wenn unser Sohn schläft. Dann haben wir die ganze Arbeit mit ihm, das Füttern, das Windelwechseln, Zubettbringen, bereits erledigt. Aufwachen tut er praktisch nie. Und ein Babyphone brauchen wir zum Glück nicht, weil das Kind so laut schnarcht, dass man es auch bei laufendem Fernseher hört.

Trotzdem haben wir es uns nicht leicht gemacht bei unserem ersten Casting. Wir machten aus: Jeder darf sich einen Kandidaten aussuchen. Wir dachten: Wir nehmen einfach jemanden, den wir selbst gerne treffen möchten. Der irgendwie lustig und interessant ist. Das kann ja nur gut für das Kind sein, wenn er ganz unterschiedliche Menschen kennenlernt.

Ich wählte Grace, eine Austauschstudentin aus Namibia, schrieb sie an – und wartete vergeblich auf eine Antwort. Meine Frau warf ein Auge auf einen schwedischen Schauspieler, der sympathisch-verstrubbelt aussah. Seine Referenzen waren perfekt: Er hatte Kinder, eine Erste-Hilfe-Ausbildung und ging einmal die Woche ins Altersheim, wo er alleinstehenden Damen vorlas.

Wir arrangierten Kekse auf einem Teller, kochten Tee und waren aufgeregt: Die erste Personalentscheidung unseres Lebens stand an! Der Schauspieler kam und sah irgendwie ganz anders aus als auf dem Foto, deutlich mehr verstrubbelt und etwas weniger sympathisch. Als wir uns unterhielten, rutschte er auf dem Sofa hin und her, und wir merkten bald: Nicht er hat Kinder, sondern seine Exfreundin. Das mit dem Vorlesen ist schon lange her, und Schauspieler wäre er gern. Eher unpräzise waren seine Angaben, was er gerade beruflich machte. Von Zeit zu Zeit griffen seine stark behaarten Hände zitternd zum Wasserglas. Er wollte 15 Euro pro Stunde. Wir sagten, wir würden uns melden.

Es folgte eine bunte Truppe weiterer Kandidaten. Da war eine Sozialpädagogin, sie plädierte stark dafür, dass Kinder alle Erfahrungen selber machen müssten. Erst wenn sie mal ins Feuer langten, merkten sie, was heiß ist. Das wollten wir unserem Sohn dann doch ersparen.

Dann war da Leo, ein Naturbursche mit Vollbart, der auch im Winter kurze Hosen trug. Sein Alleinstellungsmerkmal war die Wackelmatratze. Er erklärte sie uns so: Wenn er sich auf den Boden legte, könnte er bis zu sieben Kinder auf seinen Rücken setzen und dann wild herumwackeln. Nur, wozu braucht man diese, wenn der kleine Kerl schon schläft? Interessant klang das trotzdem. Wir verabredeten uns.

Leo trank gern Bier, liebte salzige Lakritze und wollte später mal Kapitän werden. Gerade machte er sein Abitur nach. Wir trafen ihn zum ersten Mal auf einer Wiese im Frühjahr. Wir aßen Hamburger, er nichts – er faste gerade, sagte er. Wir plauderten ein bisschen, es stellte sich heraus, dass er Veganer ist und, statt tagsüber im Supermarkt einzukaufen, nachts die Supermarkttonnen leerte.

Als er das erste Mal zu uns kam, brachte ich vorher den Müll herunter, um zu vertuschen, dass darin auch mal Lebensmittel landeten. Die Flasche Champagner, die wir für eine Geburtstagsfeier gekauft hatten, versteckten wir vorher in einer Plastiktüte. Irgendwie wollten wir vor diesem aufrechten jungen Menschen mit Idealen nicht als dekadente Hedonisten dastehen. Doch das klappte wohl nicht. Leo kam noch einmal, dann antwortete er nicht mehr auf unsere Anrufe.

Manchen, denen man auf Betreut.de begegnet, suchen nicht nur einen Job. Sie suchen, so scheint es uns, selbst eine Familie oder mindestens etwas Halt. Unvergessen war eine, die immer schon ein, zwei Stunden vor der verabredeten Zeit kam, um mit uns Tee zu trinken. Bald kannten wir ihre ganze Familiengeschichte und irgendwann beschwerte sie sich bei uns, dass wir ihr nichts aus dem Urlaub mitgebracht hätten. Diesmal waren wir es, die nicht mehr anriefen.

Gibt es eigentlich schon eine Babysittercam – eine unauffällige Kamera, die man im Regal versteckt, die Bilder aus dem Wohnzimmer aufs Smartphone sendet, während man irgendwo beim Italiener sitzt? Ich bin froh, dass ich das nicht habe. Ich würde ja doch dauernd schauen.

Eine Babysitterin brachte mal ihren Freund mit, einen Hünen mit wirrer Naturkrause, der kurz nach dem „Hallo“ schon barfuß im Schneidersitz auf unserem Sofa herumsaß, nach einem Bier verlangte und den Fernseher laut aufdrehte. Wir überdachten, wie unsere amerikanische Nachbarin immer ihre Babysitter instruierte: „No drugs, no drinks, no company.“

Mir schien diese Aussage in ihrer Absolutheit immer fragwürdig: Darf man Babysitter nach moralischen Standards auswählen, denen man selbst nicht immer gerecht wird? Setzt man sich da nicht ein eigenes Über-Ich aufs Sofa? Es ist schon ein komischer Rollentausch, der da vonstatten geht. Von dem Babysitter erwartet man absolute Zuverlässigkeit, damit man selbst mal alle Verantwortung sausen lassen kann.

Allerdings geben einem längst nicht alle Babysitter das Gefühl, irgendwie moralisch unterlegen zu sein. Letztes Jahr waren wir in Hamburg. Ich war auf eine Veranstaltung eingeladen, meine Frau begleitete mich, weil sie lange auf dem Kiez gewohnt hatte, und unseren Sohn nahmen wir mit, weil Bekannte uns einen Babysitter empfohlen hatten. Mit ihrem Frotteetrainingsanzug und der Bicolorfrisur sah diese aus wie Cindy aus Marzahn, nur dass sie aus Poppenbüttel kam.

Während ich unseren Sohn ins Bett brachte, packte sie schon mal ihr Buch aus, den Sadomasobestseller „50 Shades of Grey“. „Und, gut?“, fragte meine Frau. „Jajaja“, sagte Cindy. Meine Frau blätterte darin herum und fand eine Kussszene. Cindy aus Poppenbüttel war empört. „Das darf die noch gar nicht. Im ersten Band kriegt die immer ordentlich einen mit. Die Mudda von dem Typen war nämlich eine Crackhure!“ Wir waren an dem Abend schnell wieder zu Hause.

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