Zeitung Heute : Kindersekt und Babyselters Worüber Käufer sich wundern: der erste Tag der Pfand-Dose

Thomas Loy

André und Achim müssen heute noch in den Süden – per Truck. Folie ausliefern. Für so einen Auftrag eignet sich Faxe, das dänische Bier in den dicken Ein-Liter-Dosen, am besten, sagen sie. Also zwei Mal Faxe in den Einkaufswagen und ab an die Kasse. Unterwegs passiert jedoch ein schweres Unglück. André und Achim halten die Nasen ein paar Zentimeter höher als sonst, und schon prallen vier Augen auf diese komischen Schilder, die von der Ladendecke herabhängen. „Einwegzwangspfand! Betroffen sind Bier, Mineralwasser und kohlensäurehaltige Süßgetränke in Einwegverpackungen.“

Das klingt wie eine Salmonellenwarnung – Zwangspfand gefährdet ihre Gesundheit! André und Achim diskutieren und schieben und sind plötzlich am Weinregal. Ganz unten stehen die Tetrapacks mit Tafelwein, gut und günstig. Die Sache mit dem Pfand hat sich damit erledigt. Achim schleppt die Faxe-Büchsen zurück an ihren Standort, während André den Tafelwein bunkert und mit leiser Genugtuung anmerkt: „Mit dem Zwangspfand werden die noch mächtig auf die Schnauze fallen.“

Tag eins im neuen Pfandzeitalter – auch für Torsten Fuhrig, den Chef des ReweMarkts an der Holzhauser Straße in Berlin-Reinickendorf. Alles ist vorbereitet, nichts wird dem Zufall überlassen. „Chaos und Verwirrung“ hatte der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels noch am Morgen im Radio vorhergesagt. Fuhrig kann das nicht nachvollziehen. Seit zwei Wochen schult er seine Mitarbeiter. Getränkeabteilungsleiter Rainer Jagodzinski kennt die Liste der Ausnahmeregelungen und Grenzfälle inzwischen auswendig. Klar, auf babytaugliches Mineralwasser wird kein Pfand erhoben, weil Babys nichts für die Umweltverschmutzung können. Auch die kleinen Wegwerfflaschen für Fruchtsäfte Marke „Copilot“ dürfen weiterhin ohne materiellen Verlust in den Mülleimer. Kindersekt dagegen ist pfandpflichtig. Weil Kohlensäure drin ist.

Dass das unsinnig ist, weiß auch Fuhrig. Das Zwangspfand hält er im Gegensatz zu seinem Lizenzgeber Rewe und den Einzelhandelsverbänden trotzdem für eine gute Sache – wegen der Umwelt. „Die Leute werden auf Mehrweg umsteigen – so kommt der Müll von der Straße.“ Die Kosten für den zusätzlichen Platzbedarf und den Rücktransport der Flaschen ins Rewe-Zentrallager könne er verkraften.

Seine Kunden versuchen derweil den Boykott. Helmut Tschenschner – früher Maurer, jetzt Rentner – kauft keine Plastik-Flaschen mit Brause mehr, sondern Kirschsirup. Damit mixt er seine Brause zu Hause selbst. „Alles, was Zwang ist, schätze ich nicht.“ Kraftfahrer Detlev steht vor den Pilsator-Dosenbier-Paletten und kämpft mit sich. „Absoluter Quatsch mit diesem Pfand. Bei Famila und Aldi gibt es schon gar keine Dosen mehr.“ Dabei schmeckt Dosenbier klar besser. Detlev läuft wie ein unruhiger Tiger am Getränkeregal auf und ab, flucht und stöhnt. Dann greift er sich eine Palette mit 24 Dosen und eilt auf dem kürzesten Weg zur Kasse. 14 Euro 40 Cent muss er zahlen, sechs Euro davon sind Pfand. „Wahnsinn. Wie wollen Sie die Dosen zurückhaben?“ Egal, sagt Fuhrig. Hauptsache, der Bon ist noch lesbar. Detlev ist jetzt etwas erleichtert.

Bei Plus am Leopoldplatz im Wedding bekommen Dosenbier-Fans unverhofft kleine Plastik-Silberlinge in die Hand. „Wofür sind die?“, fragt Diplom-Ingenieur Rabia Gaber. „Pfand“, faucht die Kassiererin. Rabia Gaber entscheidet sich dafür, keine weiteren Fragen zu riskieren. Obwohl er noch nichts verstanden hat. Zum Glück liegt eine schriftliche Mitteilung aus – „So einfach geht’s“: erstens Pfandmünze nehmen, zweitens Dosen und Flaschen in die Gelbe Tonne werfen oder in die Filiale zurückbringen. Drittens: das Pfandgeld gegen Vorlage der Pfandmünze entgegennehmen. Anders ausgedrückt: Wirf die Flasche, wohin du willst. Das Pfand bekommst du sowieso. Rabia Gaber, der Ingenieur, ist spontan erheitert. „Beim Zwangspfand handelt es sich wohl um eine akademische Fehlleistung.“

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