Kinderträume : Villa Kunterbunt

Ein Toast mit Wurst, die Spielkonsole am Bett oder die Wohnung in der Mitte vom Jupiter: Wie sich Kinder ihr Zuhause vorstellen. Von einem Theaterprojekt zum Mitmachen.

Jessica Braun
Ein Kindertraum von einem Haus.
Ein Kindertraum von einem Haus.Illustration: Max und Eylem/Kormoran; Montage: Sascha Lobers

Eine Schulklasse ist im Theaterhaus Hildesheim angekommen. Haufen aus Jacken liegen auf den Sitzgruppen im Vorraum des Backsteinbaus, in dem die freie Szene der Stadt probt und spielt. Heute steht „Haus an Haus“ auf dem Programm – ein Stück des örtlichen Theaterkollektivs Kormoran, das die Vorstellungen von Zuhause aus Kindersicht in Szenen aneinanderreiht.

Nachdem sich die Acht- und Neunjährigen gesetzt haben, bleibt gerade noch Platz für zwei Schauspielerinnen und ihre Requisiten: Sabine Stein und Lisa Schwabe stehen zwischen Klapptisch und -stühlen, fünf Umzugkartons, einem Mikrofon und einer Decke. Noch wird getuschelt. Pssst, zischt die Lehrerin. Schwabe schaltet den Overheadprojektor in der Mitte des Raums an. Jetzt wirkt es erst recht wie im Klassenzimmer.

Zu Beginn des Stücks setzen sich Stein und Schwabe zwischen die Zuschauer. Fragen sie, wo man wohnen kann. In einem Haus, klar. In einem Schloss, einem Iglu. Vielleicht auch in einer Höhle. Die Kinder sind erst skeptisch, schauen dann den jungen Frauen dabei zu, wie diese ihre Zähne putzen, aufräumen. Es werden Pfannkuchen gebacken – die ersten Kinder stehen auf, um einen besseren Blick zu haben. Als die Frauen Luftgitarre spielen, wird in der letzten Reihe verstohlen mitgetrommelt. Ein Mädchen tut so, als hätte es ein Mikrofon.

„Neulich hatten wir eine Klasse, in der die Kinder uns mit Zuhausegeräuschen unterstützt haben“, sagt später Franziska Seeberg, die Regisseurin. Schschsch, rauschte die Dusche. Wrummm, fuhr ein Auto vorbei. Ob eine Vorstellung gut läuft oder schlecht, hängt eben auch von der Tagesform der Zuschauer ab.

Eine Szene aber ergreift immer die Kinder: der Streit. Gerade noch haben Stein und Schwabe „Alle Jahre wieder“ gesungen und Geschenke ausgepackt. Jetzt stehen sie sich wütend gegenüber. „Ich spucke dich aus, ins Klo, spüle dich runter in die Kanalisation und da sind riesige Ratten und die nagen an dir.“ Wurde anfangs noch gekichert, ähnelt die Stimmung jetzt der an einem Boxring. Ein Junge kneift die Augen zu, ein Mädchen duckt sich. Jede neue Beleidigung wird mit einem „Uuuuh!“ kommentiert. Es scheint, hier bringt jeder kleine Zuschauer bereits Erfahrungen mit.

Das Thema „Was und wie ist mein Zuhause?“ bewegt. Das wissen die Künstler aus Fragebögen und Reaktionen. Damit hören aber die Gemeinsamkeiten auf. Die Antworten der Kinder sind verblüffend geradlinig und unterschiedlich. Zuhause, das ist: Ein Toast mit Wurst. Das Geräusch einer elektrischen Zahnbürste oder eines Staubsaugers. Ein Garten mit einem Swimmingpool. Die Nintendo-Spielkonsole im Kinderzimmer. Oder einfach nur ein Bett.

„Kinder denken eben logisch“, sagt Sabine Stein. Die 29-Jährige sitzt nach der Vorstellung auf einem der Sperrmüllsofas, die im Foyer stehen. Neben ihr hat Lisa Schwabe die Füße hochgelegt. Die zwei gehören zur freischaffenden Theatergruppe, die 2005 auf den Namen des Kormoranvogels getauft wurde – und Stücke für Kinder und Jugendliche produziert. „Haus an Haus“ ist die sechste Produktion, entstanden in Kooperation mit der Regisseurin Seeberg.

Die Idee war, herauszufinden, was Kindern die eigenen vier Wände bedeuten. Besonders in einer Zeit, in der Mütter arbeiten gehen, Väter pendeln und eine Familie nicht mehr zwingend unter einem Dach leben muss. Das Stück kommt gut an. Die Gruppe tourt durch Deutschland. Demnächst gastiert sie in Düsseldorf und Flensburg, in Berlin verhandeln sie noch mit Theatern.

„Die Wohnsituation wird von den Eltern definiert: davon, wie diese leben wollen.“ Für Seeberg ist klar: In den ersten Jahren unseres Lebens wachsen Kinder fremdbestimmt auf. Das heißt aber nicht, dass sie keine Meinung zu ihrem Umfeld haben. Rund 90 Kinder wurden für „Haus an Haus“ befragt. Genauso viele in Krakelschrift ausgefüllte Fragebögen und selbst gemalte Bilder haben die Künstlerinnen ausgewertet. Ausgerüstet mit Aufnahmegeräten besuchten sie Schulen, um durch Rollenspiele oder Malübungen Meinungen einzuholen.

So entstand eine – nicht repräsentative, aber doch sehr deutliche – Momentaufnahme dessen, was Kinder unter Zuhause verstehen. Ein Junge sagte zum Beispiel: „Wir sitzen alle am Tisch und dürfen aufstehen, wann wir wollen. Papa ist nie da.“ Ein Mädchen antwortete: „Bei uns zu Hause riecht es nach den Kerzen von meiner Mama. Sie hat ganz schön viele Kerzen.“ Ein anderes Mädchen: „Wenn ich zu Hause bin, höre ich, wie meine Mäuse im Käfig rumkratzen.“

Es gibt konkrete Vorstellungen, was es im eigenen Zimmer geben sollte. Wie von diesem Jungen: „Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann hätte ich gern alle Bakugan-Sammelkarten. Alle Yugioh-Sammelkarten. Einen LCD-Flachbildfernseher, Calzone und Eis. Einen Butler. Eine türkische Kalaschnikow – das ist ein riesiges Maschinengewehr.“

Manche Kinder wollten angeben, ein bisschen klüger oder lustiger sein als ihre Mitschüler: „Ich habe ein Bild von meinem Traumhaus gemalt. Wir wohnen in Dubai. In der Mitte vom Jupiter. Das ist Kurt, die Wunderkatze. Das ist meine Riesenschokolade. Hier sind mein Fernseher, mein Zauberstab, mein Bett. Mit dem Zauberstab kann ich mein Haus größer zaubern, wenn es zu klein ist. Und wenn mein Vater wieder sauer ist und er dauernd mit mir schimpft, kann ich ihn verzaubern, damit er immer ganz lieb ist.“

Einige konnten mit den gestellten Fragen nichts anfangen, andere hatten so viel Fantasie, dass sie nicht mehr aufhörten zu erzählen. Am Ende flossen alle Ergebnisse in Text und Gestaltung der einzelnen Spielszenen ein – ohne eine lineare Handlung zu erzählen. „Haus an Haus“ lässt Raum für eigene Interpretationen.

Was die Theatermacher dabei gelernt haben: „Oft dreht es sich um das gemeinsame Abendessen“, sagt Lisa Schwabe. Für die Kinder ist das der Zeitpunkt, an dem die ganze Familie zusammenkommt. Die Schulaufgaben sind erledigt, die Hausarbeit auch, die gemeinsame Freizeit beginnt. „Die Kinder scheinen diesen Fixpunkt in ihrem Tag zu benötigen“, sagt Schwabe.

Als Babys sind wir darauf angewiesen, dass die Eltern uns regelmäßig mit Essen versorgen. Es ist ein Zeichen der Fürsorge. Später kommt durch das Gespräch am Tisch eine wichtige soziale Komponente hinzu. Selbst wenn die Kinder alt genug sind, um sich selbst ein Brot zu belegen, legen sie Wert darauf, dass sich alle im Esszimmer einfinden. Wenn es dann noch ihr Lieblingsessen gibt und keiner stänkert, ist die Welt in Ordnung.

Auch typisch sind solche Antworten: „Zuhause ist für mich: mein Kater und meine Eltern. Dann mein Aquarium, Pommes, Ketchup, meine Lampe und ein Mikrofon, ein Buch, eine Creme. Eigentlich der Duft der Creme – mein Vater benutzt die immer.“

Neben den Eltern spielen die Haustiere der Kinder eine große Rolle, wenn es um das Wohlfühlen geht. Während die Einrichtung des Zimmers oder Schlafenszeit von den Eltern festgelegt werden, können die kleinen Mädchen oder Jungen die Tierpflege relativ selbstständig organisieren. „Das ist dein Hamster, deswegen machst du den Käfig sauber!“ Es nervt Eltern, wenn sie diesen Satz ständig sagen müssen. Kindern zeigt er jedoch den einzigen Bereich auf, der in ihrer Verantwortung liegt. Jemand ist auf sie angewiesen. Viele Befragte bezeichneten daher den Hund, die Katze oder die Maus als das Wichtigste in ihrem Leben. Ein Junge malte einmal seinen Wellensittich, der gestorben war, und den er sehr vermisste. „Er war so traurig, das hat uns gerührt“, so die Regisseurin. Die Zeichnung ist nun Teil des Plakats, mit dem „Haus an Haus“ beworben wird.

Das Stück nimmt die Lebenswelten der Jüngsten ernst, es versieht sie nicht mit einem Erklärbären oder stülpt ihm eine Moral über. Weil es das tut, regt das Gezeigte die Zuschauer an, den Ist-Zustand bewusst wahrzunehmen. Und ihn dann zu hinterfragen. In einer Klasse schrieb ein Junge auf seinen Zettel: „Wenn Mama und Papa tot sind, wer macht mir dann das Mittagessen?“ Sabine Stein war bewegt. „Er hatte begriffen, dass Zuhause kein stabiler Zustand ist, dass Dinge, die einem wichtig sind, plötzlich wegbrechen können.“

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