Zeitung Heute : "Kindertransport. In eine fremde Welt": 10 000 Abschiede

08.11.2000 00:00 UhrVon Kerstin Decker

Sie hatte Geburtstag. Sie wurde acht Jahre alt. Der Kuchen stand auf dem Tisch. Die Kerzen waren angezündet. Acht Stück. Ursula Rosenfeld wartete auf Annemarie und die anderen. Annemarie war ihre beste Freundin. Dann hat Ursula Rosenfeld die Kerzen wieder ausgemacht. Niemand kam zu ihrem achten Geburtstag. Auch nicht Annemarie. Es war der 20. Februar 1933 in Quakenbrück bei Oldenburg.

67 Jahre später. Wieder ein Geburtstag. Ursula Rosenfeld fährt von Manchester nach Berlin zu ihrer Schwester. Und die Leute von Warner Brothers in Amerika wissen das. Seit wann interessieren sich große amerikanische Filmgesellschaften für Ost-Berliner Geburtstage und die dazugehörigen Gäste?

Die Amerikaner haben einen Film gemacht über Ursula Rosenfeld aus Manchester, ihre Schwester aus Ost-Berlin und fast 10 000 andere wie sie.

Wie sie? Ihre Leben könnten verschiedener nicht sein. Sie wohnen über die Welt verstreut, aber eins haben sie gemeinsam: eine Reise. Eine Reise, die sie sehr früh machten, ohne ihre Eltern, und die nur ein Ziel hatte: sie sollten nicht zurückkommen. Seltsames Ziel für eine Kinderreise. "Into the arms of strangers" heißt der Film. "Kindertransport. In eine fremde Welt" ist der deutsche Titel. Heute hat er in England Premiere, am 23. November in Deutschland.

Die Eltern erklärten Ursula Rosenfeld, warum niemand zu ihrem Geburtstag kam. Hitler ist schuld, sagten sie. Eigentlich glaubte Ursula Rosenfeld das nicht. Denn Hitler wohnte gar nicht in Quakenbrück. Sie hatte schon viel über böse Könige gelesen. Aber keiner von ihnen hatte je die Geburtstagsgäste achtjähriger Mädchen ausgeladen.

"Into the arms of strangers" beginnt mit einem Koffer. In dem Koffer sind Pullover, Fotos, Briefmarkensammlungen, Hosenträger und Teddybären. Auch Ursula Rosenfelds Badeanzug und ihr Bademantel. Der Badeanzug einer Vierzehnjährigen, den sie in Quakenbrück nie tragen durfte. "Baden gehen für Juden verboten." Sie fuhr also im Sommer? "Ja", sagt Ursula Rosenfeld, "im Juli 1939". Ein paar Wochen, bevor der Krieg begann. Bevor der letzte "Kindertransport" nach England ging.

Es gibt Orte mit so eigentümlichen Namen, dass man meint, man müsste sie ihren Einwohnern ansehen. Quakenbrück. Ursula Rosenfeld sieht nicht aus wie eine Quakenbrückerin. Quakenbrück klingt breit. Aber alles an Ursula Rosenfeld ist schmal. Ihre Nase, ihre Gesicht, ihr Mund. Ganz schmal werden. Unsichtbar. Vielleicht hat sie sich das gewünscht, damals vor der Klassentür, wo sie immer warten musste, wenn die anderen drinnen "Rassenkunde" hatten. Auch Annemarie, die nicht mehr ihre Freundin war.

Nein, Manchester passt viel besser zu Ursula Rosenfeld. Es klingt auch schmaI. Sie spricht leise. Und wenn es an den Nebentischen des Restaurants lauter wird, spricht sie eben noch leiser. So etwas tun nur Engländerinnen. Im Sommer 1939 wurde Ursula Rosenfeld Engländerin. Wissen ihre Nachbarn in Manchester, dass sie in Wirklichkeit Quakenbrückerin ist? "Nein", sagt Ursula Rosenfeld, "nur manche". Und wenn, sie könnten es ja doch nicht aussprechen. Vielleicht nicht mal ihre Kinder. Ursula Rosenfeld hat vier Kinder. Sie sprechen nicht deutsch. Sie wissen nichts von der Jugend ihrer Mutter. Ursula Rosenfeld hat nie davon erzählt. Ursula Rosenfeld hat ein wenig Angst vor der Filmpremiere heute Abend in London.

Am 9. November brannten in Deutschland 1000 Synagogen. 7500 jüdische Geschäfte wurden zerstört, 30 000 jüdische Männer in Konzentrationslager deportiert. Am 15. November 1938 empfing der britische Premierminister Neville Chamberlain britische Juden. Sie erbaten die zeitweilige Aufnahme von Kindern und Jugendlichen aus Deutschland. Nach einer "Umerziehung" könnten sie in Drittländer auswandern. Das Kabinett entschied, dass Kinder unter 17 Jahren ohne Begleitung nach Großbritannien kommen dürfen. Am 25. November rief die BBC britische Familien auf, Pflegekinder aufzunehmen. Am 1. Dezember 1938 verließ der erste Zug Berlin. Der erste "Kindertransport". Die Engländer übernahmen das deutsche Wort.

Ursula Rosenfeld war in einem der letzten Züge, Werner Blumenthal in einem der ersten. Frau Rosenfeld und Herr Blumenthal sind zusammen in das Berliner Restaurant gekommen. Denn es ist schwer, plötzlich mit Fremden über etwas zu sprechen, das man fast sechzig Jahre lang vor sich selbst verbarg.

Ursula Rosenfeld und Herr Blumenthal haben sich in England nie gesehen. Trotzdem war es eine Wiederbegegnung, als sie sich vor zwei Jahren zum ersten Mal trafen. Weil die Kinder vom Kindertransport zusammengehören, auch wenn sie nichts voneinander wissen. Sie haben ja dieselben Erinnerungen. "Nur einen kleinen Koffer durften wir mitnehmen. Keine Wertsachen, keine Musikinstrumente", sagt Frau Rosenfeld. "Zehn Kilo", ergänzt nüchtern Herr Blumenthal. Frau Rosenfeld schaut ihn mit leiser Bewunderung an. Diese Sachlichkeit der Männer! "Wie du das alles weißt!", sagt Frau Rosenfeld. Es ist gut, zu zweit zu sein. Es verteilt den Schmerz.

Drei Zahlen für ein neues Leben

Rettungen sind das Gegenteil von Schmerz. Mit dieser Rettung war es anders, denn sie war ein Abschied von der Kindheit, von den Eltern, von zu Hause, von der Sprache. Es war ein Abschied in nur vier Tagen. So lange hatten die meisten Zeit, ihre Koffer zu packen, wenn sie auf "der Liste" waren. Wie kam man auf die Liste? Keiner weiß es wirklich. Sie bekamen eine Nummer. Die banden sie um den Hals und an ihren Zehn-Kilo-Koffer. Es waren drei Zahlen für ein neues Leben. Monate später gab es für die Zurückgebliebenen nur noch Zahlen zum Sterben.

Frau Rosenfeld aus Quakenbrück bei Oldenburg und Herr Blumenthal aus dem Ruhrgebiet hätten beinahe nicht erfahren, wie ähnlich ihre Kindheit verlief in den kleinen deutschen Städten. Mit deutschen Freunden. Mit Eltern, die fast vergessen hatten, dass sie Juden waren. Die nur an jüdischen Feiertagen noch in die Synagoge gingen. Aus Tradition, sagen Frau Rosenfeld und Herr Blumenthal im selben Augenblick. Beider Väter wurden am 9. November 1938 verhaftet. Ursula Rosenfelds Vater kam nach Buchenwald, Werner Blumenthals Vater nach Sachsenhausen. "Dabei war er noch viel deutscher als die Deutschen", sagt Frau Rosenfeld. Werner Blumenthal nickt wie alle Menschen, die irgendwann beschlossen haben, "die Geschichte" und "den Irrsinn" für völlig gleichwertige Begriffe zu halten.

Zwei sehr resolute Mütter

"Mein Vater war im Chor, er war im Schützenverein. Er war ein ganz normaler Quakenbrücker. Und er war Unteroffizier im Ersten Weltkrieg." Ursula Rosenfeld spricht plötzlich lauter, mit einem Anflug von Aufruhr in der Stimme. Werner Blumenthal nickt immer noch. Er ergänzt die Attribute des Quakenbrückers um die beiden Eisernen Kreuze seines Ruhrgebiets-Vaters. Der Vater sei sehr stolz darauf gewesen. Werner Blumenthal sieht Ursula Rosenfeld jetzt nicht an. Denn es gab doch einen Unterschied zwischen den Vätern. Der Träger der Eisernen Kreuze kam wieder frei. Der Offizier und Buchenwald-Häftling Rosenfeld aber ertrug den SS-Ton in Buchenwald nicht. Wie sie mit den Alten sprachen! Er wies die SS zurecht, vor aller Augen. Sie erschlugen ihn, vor aller Augen.

Die Quakenbrücker Synagoge stand genau gegenüber der Schule. Es war gar keine richtige Synagoge, sagt Frau Rosenfeld, nur ein Betsaal, nicht mal ein Schild war daran. Dann brannte die Synagoge. Ursula Rosenfeld und ihre Schwester durften nicht mehr zur Schule. Nicht in Quakenbrück. Ursula Rosenfelds Sätze sind voller kleiner englischer Pausen. Sie geben ihr Zeit und dem anderen auch. Die Mutter schickte sie nach Hamburg, ins "Paulinenstift". Das war ein jüdisches Mädchenheim. Ihr müsst doch weiter lernen, sagte sie. Sie begruben die Urne, die das Konzentrationslager schickte. "Todesursache: Herzschlag", stand dabei.

"Ihr müsst weiterlernen!", sagte die Mutter wieder, als aus Hamburg England werden sollte. Und war einverstanden. Sie nähte Namensschilder in die Mädchensachen. "Meine Mutter war eine sehr resolute Frau." Auch Werner Blumenthals Mutter war sehr resolut. Mütter zeigten damals nicht, was sie fühlten. Es war nicht üblich. Koffer packen für einen unendlichen Sommerurlaub?

Kinder von ihren Eltern zu trennen ist gegen die Gebote Gottes, hatten die Amerikaner gesagt. Die Einwanderungslobby verhinderte ein "englisches Gesetz" in Amerika. Vielleicht hatten die Amerikaner ja Recht. War es nicht unmöglich? Ohne das Versprechen, die Eltern kommen gleich nach, ist kein Kind gefahren. Auch Ursula Rosenfeld nicht. Auch nicht Werner Blumenthal.

Mrs. Sheperd wohnte bei Brighton. Sie wollte zwei kleine Kinder als Gäste für die Sommerferien. Die sollten in ein Bett passen, sagt Werner Blumenthal. Denn Mrs. Sheperd hatte nur ein Extra-Bett. Und dann standen Ursula und Hella vor der Tür! Geschichten von britischen Witwen sind so schön, weil britische Witwen sich nichts anmerken lassen dürfen. Erst recht keine Überraschungen. Ursula Rosenfeld und ihre Schwester verstanden das sofort. Sie schliefen zusammen in Mrs. Sheperds Extra-Bett. Wie die erwarteteten kleinen Mädchen. Nur dass sie immer noch blieben, als die Ferien schon vorbei waren.

Fast 10 000 Abschiede. Fast 10 000 Ankünfte. Die amerikanische Produzentin Deborah Oppenheimer hätte alle diese Geschichten hören wollen. Denn es ist 10 000 Mal die Geschichte ihrer eigenen Mutter, die ihr selbst so wenig über den "Kindertransport" sagte wie Ursula Rosenfeld ihren Kindern. 10 000 Mal der Augenblick der Trennung, die Zugfahrt durch Deutschland und die Holländerinnen, die mit Kakao an der Grenze standen. 10 000 Mal dieses ganz und gar unkindliche Gefühl des Entronnenseins.

Sie waren bei Pflegeeltern untergebracht oder in Heimen, wo sonntags der "Viehmarkt" stattfand, wenn englische Familien kamen, um sich Kinder auszusuchen. Für Werner Blumenthal begann bald die nächste Reise. Er fuhr nach Kanada. Denn ab September 1939 waren die Deutschen in England feindliche Ausländer. Nein, korrigiert Werner Blumenthal, wir waren "friendly enemy aliens", freundlich-feindliche Ausländer.

Werner Blumenthals Eltern entkamen im letzten Augenblick nach Amerika. Dort blieben sie. Werner Blumenthal hat sie noch einmal getroffen. Dann durfte er nicht mehr einreisen. Er war schon wieder ein "enemy alien". Diesmal für Amerika. "Ich war links organisiert", sagt er und zitiert statt einer Erklärung Martin Niemöller, den Theologen und U-Boot-Kommandanten: "Als sie die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen, denn ich war ja keiner ..." Es werden fünf Strophen. Die letzte hört auf: "Als sie mich holten, war keiner mehr da, der schreien konnte." Ursula Rosenfeld erschrickt immer ein bisschen vor dieser Grundsätzlichkeit. Sie ist nicht so. Sie ist viel weicher. Ja, Werner Blumenthal, der Jude, ging zurück ins Ruhrgebiet nach dem Krieg. Weil der Antifaschismus Antifaschisten braucht, sagt er. Auch Ursula Rosenfelds Schwester Hella kam zurück nach Deutschland. Weil der Antifaschismus Antifaschisten brauchte, sagte ihr Mann. Sie gingen in die DDR.

Ursula Rosenfeld und Werner Blumenthal stehen zusammen auf einem Berliner Bahnhof. Aus Berlin ist Werner Blumenthal losgefahren. Achtzehn Monate später fuhren die Züge in die andere Richtung. In Hitlers Lager.

Ursula Rosenfeld erinnert sich an einen zweiten Geburtstagskuchen ihrer Mutter. Der kam während des Krieges über Holland. Es war kein Kuchen mehr. Nur noch trockene Krümel. Es war der schönste Geburtstagskuchen ihres Lebens. Ursula Rosenfeld hat ihre Mutter nicht wiedergesehen.

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