Zeitung Heute : Kindsköpfe und Herrenmenschen

FRANK DIETSCHREIT

Inszenierungen aus Halle und Krefeld beim Kinder- und Jugendtheatertreffen Eigentlich haben Engel es gut.Sie können in die Freiheit fliegen und wissen, weil sie die Welt von oben betrachten, einfach alles.Helfende Hände brauchen sie höchstens, wenn es zwischen den Flügeln juckt.Vielleicht kann da mal eben ein kratzwilliger Zuschauer helfen? Ah, das tut gut! Wie wäre es zur Belohnung mit einer Geschichte? Sie ist auch ganz kurz oder ganz lang.Alles hängt davon ab, ob der Zauber der Erzählung auch noch anhält, wenn das Bühnenlicht schon längst verloschen ist und die Bilder in den Köpfen weiterleben. So oder so ähnlich funktioniert "Schweres Gras", die Geschichte vom Engel, der zu Lebzeiten Love hieß und einfach nicht verstehen konnte, daß es nicht nur schweres, sondern auch leichtes Gras geben, daß da, wo Dunkelheit herrscht, auch Licht sein muß.Daß man nicht nur weinen, sondern auch lachen kann, daß die Welt gut und böse zugleich ist.Leider versteht Love das erst, als er am Himmel seine Kreise zieht.Aber die Zuschauer der am Thalia-Theater Halle erdachten und zum 4.Kinder- und Jugendtheater-Treffen nach Berlin transferierten Inszenierung verstehen das sofort.Vor allem, wenn ihre Phantasie noch Flügel hat.Dann nimmt sie der Regisseur Lars-Eric Bossner mit ins Niemandsland zwischen Traum und Realität.Dort hausen Love, der von debilen Schüben geschüttelte Eldvin, die mit Wassereimern kämpfende Eloine und die Gefühle mit dem Zollstock ausmessende Isadora.Sie alle sind Außenseiter.Während die Drehbühne rotiert und die auf der Hinterbühne des Hebbel-Theaters plazierten Zuschauer allmählich die Orientierung verlieren, spielen die vier Kindsköpfe sich um Kopf und Kragen.Das allegorische Gewusel ist manchmal an den Haaren herbeigezogen, aber es ist auch von märchenhafter Poesie.
Das kann man von "Kasimir und Karoline" nicht behaupten.Warum die vom Kresch-Theater Krefeld erarbeitete Inszenierung des Horvaáth-Stückes von der Auswahlkommission als "bemerkenswert" erachtet wurde, bleibt ein Rätsel.Die Sophiensäle verwandeln sich in eine Oktoberfest-Wiese.Die Zuschauer sitzen an Biertischen, erleben hautnah, wie Kasimir und Karoline sich streiten, wie der kleine Gauner Franz seine devote Erna mißhandelt und Direktor Rauch und Richter Speer zu geilen Herrenmenschen mutieren.Dazu rumpelt eine Live-Band schrill durch deutsches Liedgut, und alles könnte gut werden.Wird es aber nicht.Denn die Regisseurin Inge Brand hat zwar ein peinigendes Ambiente, aber keine Schauspieler gefunden, um Horváths Ballade von Liebe und Leid zu erzählen.Mit Horváths Kunstsprache aus derbem Dialekt und intellektuellen Verästelungen können sie nichts anfangen.Sie tanzen Polonaise und stemmen Bierkrüge.Glaubwürdig werden sie dadurch nicht.All die das soziale Elend verkleisternden Horváth-Phrasen sind eine zu große Last.Daß der am Text vorbeizielende Versuch den Weg unter die Top-Ten des deutschen Kinder- und Jugendtheaters geschafft hat, stimmt bedenklich.FRANK DIETSCHREIT

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