Zeitung Heute : Kino der Revolution

Von den Schwierigkeiten, die Ketten der Knechtschaft abzuwerfen Caracas erstickt am Verkehr, der Bürgermeister will Golfplätze enteignen

Ruedi Leuthold

Caracas, ein Samstagabend im November 2006. Die Hauptstadt von Venezuela, sechs Millionen Einwohner, zwei Millionen Autos, einst als Filiale des Himmels gerühmt, schwimmt im Geld und erstickt im Verkehr. 231 862 neue Autos wurden in den ersten neun Monaten im Land verkauft, eine Zunahme von 50 Prozent innerhalb eines Jahres.

Der Ölpreis ist hoch wie nie und bringt Dollar ins Land, doch das Vertrauen in die Nachhaltigkeit des Chávezschen Wirtschaftswunders ist gering; wer kann, setzt sein Geld in Handfestes um, am liebsten mit Achtzylindermotor. Und jetzt kollabiert der Straßenverkehr, die Durchschnittsgeschwindigkeit in Caracas beträgt 15 km/h, zu Stoßzeiten steht man stundenlang im Stau.

Das bedeutet, dass sich der revolutionäre Akt, der auf sieben Uhr im Theater Teresa Carreno angekündigt ist, etwas verzögert, die Einweihung des mobilen Volkskinos durch den Bürgermeister der Stadt. Aber der Bürgermeister dieser Stadt, Juan Barretto, ehemaliger Journalist, ein treuer Anhänger des Präsidenten, hat nicht Busspuren versprochen, sondern eine neue Zivilisation, in der es keine Klassenunterschiede mehr gibt.

Deshalb hat er schon angedroht, die Golfplätze der Stadt zu enteignen. Deshalb wird das Volkskino in einem Hort der bürgerlichen Kultur eingeweiht, im protzigen Theater Teresa Carreno, und nicht in einem der 1952 registrierten Armenviertel auf den Hügeln der Stadt.

Denn im Land von Hugo Chávez, im Land der Ölmilliarden und des karibischen Überschwangs, ist die Revolution zuerst Schauspiel und Spektakel. Und so steht der kleine Bus mit der ausfahrbaren Leinwand im Betonhof des Theaters Teresa Carreno, man habe nun die Möglichkeit, freut sich der Bürgermeister, das Kino unters Volk zu bringen, immer im Hinblick auf seine ethischen und ästhetisch-politischen Werte, was so zu deuten ist, dass im Volkskino keine US-amerikanischen Filme gezeigt werden. Den Anfang macht „Das Wunder von Candelal“ des Spaniers Fernando Trueba, ein musikalischer Dokumentarfilm. Nur, als hätten die Besucher einen weiteren Beweis gebraucht für die Unfähigkeit der Revolution in administrativen Belangen, nur funktioniert der Ton nicht.

Das Volkskino, so hatte der Bürgermeister angekündigt, sei ein weiterer Schritt, um alle Menschen an den Errungenschaften der Demokratie zu beteiligen. Vier Millionen Menschen leben im Armengürtel von Caracas, ihnen soll die fahrbare Leinwand das Quartierkino ersetzen, 250 000 Dollar kostet das Projekt.

Der Operateur versucht es wieder, und plötzlich flimmert, groß und deutlich, die Warnung über den Bildschirm: „Der öffentliche oder kommerzielle Gebrauch dieser DVD ist verboten. Zuwiderhandlung kann mit 50 000 $ Buße oder bis zu vier Jahren Gefängnis bestraft werden.“

Der Bürgermeister rührt sich nicht.

Denn was sind schon Urheberrechte, wenn wieder die Lieder des Aufstandes klingen, wenn wieder die Ketten der Knechtschaft abgeworfen, wenn es wieder um alles geht, Vaterland oder Tod.

Nach mehreren Neuanfängen ist endlich auch der Ton zu vernehmen, der Film ist wirklich schön, ein alter Musiker besucht Bahia in Brasilien, Karneval, der Einfluss Afrikas, das Erbe der Sklaven, doch plötzlich herrscht wieder Mattscheibe, nun gibt es weder Bild noch Ton, und nach einigen weiteren vergeblichen Versuchen verkündet der Veranstalter, es sei nun Zeit, den Musikgruppen Platz zu machen.

Wie der Film ausgeht, müssen sich die Besucher des Theaters Teresa Carreno selber ausdenken.

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