Zeitung Heute : Kino von der Festplatte
18.04.2005 00:00 UhrSchluss mit Zelluloid, das digitale Kino hält Einzug: Dank moderner Präsentationstechnik wenden sich immer mehr Lichtspieltheater von der guten alten Filmrolle ab. Spezielle Mikrochips, die auf die Verarbeitung von elektronischen Bildern im Videostandard Mpeg-2 spezialisiert sind, gehören zum Herzstück der Technik.
Diese Bilder brillieren durch eine sehr hohe Qualität und Auflösung. „Wir haben dafür einen leistungsfähigen Chip entwickelt, der die enorme Datenmenge der hochaufgelösten Bilder schnell umsetzen kann“, sagt Holger Krahn, Gründer und Geschäftsführer der Berliner Mikrom GmbH, die am Spreebogen in Charlottenburg sitzt.
Nach dem Studium der Technischen Informatik an der TU Berlin ging er 1995 zunächst ans Heinrich-Hertz-Institut für Nachrichtentechnik, um dort an solchen Spezialchips für die elektronische Bildverarbeitung zu forschen. „Keine drei Jahre später hatten wir einen Prototypen, der sehr klein und kompakt war“, berichtet er. „Um daraus ein Produkt für die Serienfertigung zu machen, gründeten zwei meiner Kollegen vom Institut und ich die Firma Mikrom. Anfang 2000 lag schließlich ein serienreifes Produkt auf dem Tisch.“
Kurz nach der Jahrtausendwende war es mit normalen Prozessoren noch nicht möglich, die in Mpeg-2 komprimierten Bilder hochaufgelöst zu dekodieren, also störungsfrei abzuspielen. Zu viele Daten mussten in kürzester Zeit angenommen, berechnet und ausgegeben werden. Der neue Chip von Mikrom schaffte den Durchbruch. Er vereint 3,5 Millionen Transistoren auf kleinstem Raum. Bei über 100 Megahertz Arbeitstakt kann er die enorme Datenmenge für hochaufgelöstes Mpeg-2 ohne Verzerrungen oder Stockungen schlucken. „Wir haben nun verschiedene Produktlinien um diesen Chip herum entwickelt, um den Kinobetreibern modernste Präsentationsgeräte zu bieten.“
Schon produziert Hollywood eine Vielzahl seiner Streifen ausschließlich am Computer, der Film liegt als Datensatz auf Festplatten oder in anderen Speichern vor. Das „analoge“ Zelluloid hat zunehmend ausgedient – die „digitale“ Welt macht auch vor dem traditionsreichen Kino nicht Halt. „Dadurch lassen sich erhebliche Kopierkosten sparen, die bei einer normalen Filmproduktion rund ein Achtel des gesamten Produktionsbudgets ausmachen“, rechnet Holger Krahn vor. „Jede einzelne Filmkopie schlägt mit 2000 Dollar zu Buche. Nach vier Wochen muss die Kopie erneuert werden, weil der Abrieb im Filmapparat das Zelluloid überstrapaziert und die Bildqualität darunter leidet.“
Zudem eröffnet digitales Kino den Kinobetreibern neue Geschäftsfelder, die den Kinobesuch in Zukunft noch mehr zum Ereignis werden lassen und den gefürchteten Besucherflauten vorbeugen. „Mit Hilfe der digitalen Technik kann man im Kino auch Business-TV anbieten, beispielsweise von einer Aktionärsversammlung. Oder man zeigt Fußball“, erläutert Krahn. „Digitale Bildwerfer können viele Formate verarbeiten. Auch die Kinowerbung wird flexibilisiert.“ So könnte man Werbeinhalte speziell an so unterschiedliche Zielgruppen wie Kinder und Rentner anpassen, wobei auch der Besucher der Spätvorstellung „seinen“ Werbeclip sieht. „Dafür sind bisher mehrere teure Zelluloidrollen notwendig. Mit digitaler Technik müsste man nur eine andere Datei wählen oder vom Steuercomputer einspielen.“ Der Knackpunkt: Die Kinos müssen zunächst einmal in die neue Technik investieren, denn noch macht Zelluloid das Rennen. In diese Nische drängen die Mikrom und ihre Partner mit Geräten von höchster Abspielqualität, auf denen die Daten durch Verschlüsselung gegen Raubkopierer geschützt sind.
Ein weiterer Schub hin zur digitalen Bilderwelt kommt aus dem Fernsehen. Auch beim neuen Fernsehformat HDTV, mit dem der TV-Sender Premiere ab Herbst 2005 auf Sendung gehen will, können Geräte mit dem Mikrom-Chip ihre Stärken beweisen. HDTV hat fast sechsmal mehr Bildpunkte als herkömmliches Fernsehen im Pal-Standard, da muss der elektronische Winzling seine Muskeln ordentlich spielen lassen. Mikrom bietet spezielle Video-Karten für Computer (PCI) an, die Mpeg-2 und HDTV für professionelle Anwender verarbeiten. „Wir haben einen Broadcast-Dekoder entwickelt, der die komprimierten Videosignale in Bilder umsetzt“, sagt Holger Krahn. Das flache Gerät von der Größe eines Atlanten wird in Sende- und Übertragungsstudios für HDTV eingesetzt. So wird die Fußball-Weltmeisterschaft im kommenden Jahr bereits komplett mit digitaler HDTV-Sendetechnik produziert. In den USA und Japan ist das System bereits seit einiger Zeit am Markt. „Wir bieten darüber hinaus auch Abspielgeräte, die sich in Themenparks, in Museen oder auf Messen einsetzen lassen. Auch vor ihnen wird die digitale Bilderwelt nicht Halt machen, sondern neue Chancen und Ideen eröffnen“, nennt Krahn Beispiele.
Noch befindet sich die neue Technik am Anfang, doch ihr Siegeszug ist nicht aufzuhalten. Der Geschäftsführer von Mikrom hat eine klare Strategie im Kopf: „Unser Unternehmen sitzt an der Schnittstelle zwischen Forschung und Anwendung“, sagt er. „Wir zielen dabei vor allem auf kommerzielle und professionelle Nutzer.“ Den Massenmarkt für Hobbyfilmer, Amateure und Heimkinos hat die Charlottenburger Firma nicht im Blick. Inzwischen ist Mikrom auf zwanzig Mitarbeiter gewachsen. Holger Krahn meint: „Eigentlich kann man unsere Arbeit ganz einfach beschreiben: Wir betreten permanent Neuland.“
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