Zeitung Heute : Klänge aus der Neuen Welt

Zum Jubiläumskonzert eine Uraufführung

Isabel Herzfeld

„Ich war 29 Jahre alt, als ich zum ersten Mal nach Europa kam, und in der Sekunde, als die Maschine auf der Frankfurter Landebahn aufsetzte, hatte ich plötzlich so ein Gefühl: Jetzt bin ich da!“ Der magische Moment, den Frank Dodge da beschreibt, veränderte nicht nur das Leben des jungen Cellisten aus Boston, sondern vor allem die Berliner Musikszene. Gewissermaßen enthielt er schon eine Art Programm der knapp zehn Jahre später geborenen „Spectrum Concerts Berlin“, die von Anfang an musikalische Brücken zwischen den USA und der deutschen Hauptstadt bauten.

Die Zeiten ändern sich und uns, doch das Spectrum-Konzept ist bis heute unvermindert aktuell. Was am 22. Januar 1988 in der Akademie der Künste mit Werken von Robert Helps, Ludwig van Beethoven und Antonin Dvorak begann, war weit mehr als eine hochqualifizierte Kammermusikreihe. Klänge aus der Neuen Welt, in der ehemaligen „Frontstadt“ trotz viel besungener Freundschaftsbeziehungen so gut wie unbekannt, fanden hier endlich ein Forum der Begegnung mit den einschlägigen europäischen „Meisterwerken“. „American Music Weeks“ – die letzte im Jahr 2000 durchgeführt – und USA-Tourneen mit Musikstudenten führten das wechselseitige Kennenlernen weiter.

Denn Musik ist Kommunikation, „wir sind alle Botschafter“, sagt Dodge dazu. Leichter ist das heutzutage keineswegs geworden. Subventionen vom Senat gab es ohnehin nur in Ausnahmefällen, doch auch private Sponsorengelder fließen heute spärlicher. „Die Zeiten, in denen man eine ganze Saison vorab finanziell sichern konnte, sind vorbei – heute muss man sich von Konzert zu Konzert hangeln". Doch schwerer wiegt, dass heute die steigende Konkurrenz unter Musikern oft den Sinn der künstlerischen Arbeit nicht mehr erkennen lässt. Dass sich das Spectrum-Ensemble nach einigen Krisen auf hohem Niveau und in kollegialer Harmonie erneuert hat, sieht Dodge deshalb als besonders großes Glück an. Die Geigerinnen Janine Jansen und Annette von Hehn etwa, beide vor einer glänzenden Solokarriere stehend, der Bratscher Joël Waterman oder der Cellist Christian Poltéra geben ein neues, erfrischendes Profil und tragen auch aktiv zur Programmgestaltung bei.

Denn die muss immer persönlich sein, ausdrücken, was ein Musiker am besten kann. Während das zehnjährige Bestehen mit einer glänzenden „Geschichte vom Soldaten“ von Strawinsky gefeiert wurde, geprägt durch die damalige Zusammenarbeit mit der Schauspielerin Eva Mattes, besinnt sich das Jubiläumskonzert am 22. Januar im Kammermusiksaal der Philharmonie wieder auf die kammermusikalische Kernarbeit. Eröffnet wird es mit dem „Nocturne“ für Streichquartett von Robert Helps, das 1988 als erste „Spectrum“-Musik überhaupt erklang. Helps, 2002 verstorben, war eine Art „Hauskomponist“ der Reihe und soll in dieser Saison besonders gewürdigt werden. Das Streichsextett von Erich Wolfgang Korngold bezeichnet auf besondere Weise die „Wellenbewegung“ zwischen Alter und Neuer Welt – der Komponist gehörte 1934 zu den zahlreichen, das US-Musikleben bereichernden jüdischen Immigranten. Und für die heute notwendige Auseinandersetzung steht die Uraufführung von „Celestial City“ von Laura Elise Schwenninger: Die in Mexico City geborene, in Chicago lehrende Komponistin widmete ihr Werk den Opfern des 11. September. Über das eigens für sie geschriebene Werk äußerten sich die Spectrum-Musiker auf den Proben begeistert – wir sind sehr gespannt.

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