Zeitung Heute : Klangentfaltung in Perfektion

BERND MATTHIES

Klangentfaltung in PerfektionDie Digital Versatile Disc (DVD) stellt für die Hifi-Technik die neueste Umwälzung darVON BERND MATTHIES

Zweifellos: Das ist die perfekte Akustik des kleinen Sendesaals in der Masurenallee.Der Klang des Steinway verbreitet pure Magie, Chopins Premiére Ballade op.23 füllt den Raum bis in die letzte Ecke - man beugt sich nach vorn und packt ergriffen die nächste Sessellehne - da aber ist keine Sessellehne, sondern nur eine höchstrangige Stereoanlage.Entscheidend für die Illusion allerdings ist in diesem Fall die CD, die das Musikmaterial liefert, die erste in Europa aufgenommene Disc nach dem neuen Weltstandard, der nach den entscheidenden technischen Schlüsselzahlen kurz 24/96 heißt.Wolfgang Meletzky, der Chef der edlen Berliner HiFi-Schmiede MBL, hat den Anstoß für diese Aufnahme gegeben: "Wir wollten mal zeigen, daß wir in Deutschland nicht nur auf technische Revolutionen warten, sondern sie auch selbst anstoßen können". Meletzky hat mit der CD "Berlin Affair", die zur Funkausstellung in einer limitierten Auflage von 2000 Stück produziert wurde, bewußt ein unfertiges Produkt vorgelegt.Denn eigentlich kann das neue Datenformat in vollem Umfang erst auf der DVD, der "Digital Versatile Disc", wiedergegeben werden, aber die gibt es für reine Audiowiedergabe noch nicht, auch die passenden Abspielgeräte fehlen noch; erst gegen Ende des Jahres werden sich die maßgeblichen Hersteller auf einen einheitlichen Stand einigen.Dann, sagt Meletzky, werde die DVD von "Berlin Affair" selbstredend nachgeschoben. Die HiFi-Technik scheint wieder einmal vor einer Umwälzung zu stehen.Die CD ist 15 Jahre alt, und Experten halten deren technische Möglichkeiten für weitgehend ausgereizt.Nach dem Abflauen der ersten Euphorie hat sich herausgestellt, daß die digitale Umsetzung der natürlichen, also analogen Klänge nach CD-Standard zu grob ist, um den Originalklang hinsichtlich Feinauflösung und Raumortung adäquat in den Hörraum zu transportieren - es bleibt der Eindruck einer forcierten Härte, die Musik klingt nach Konserve und bleibt im Lautsprecher hängen.Die DVD, die für Videoanwendung entwickelt wurde und als Bildplatte mit Fünfkanal-Surroundton inzwischen marktreif ist, bietet nun endlich die nötige Speicherkapazität.24/96 steht für 24 bit / 96 Kilohertz, rein rechnerisch das 500fach feinere Abbild des Originalklangs gegenüber der konventionellen CD (16/44,1).Ist es möglich, den Markterfolg der CD damit zu wiederholen, hat es Sinn, das gesamte Musikrepertoire von der Gregorianik bis zu avancierten Techno-Experimenten auf DVD neu zu veröffentlichen? Niemand weiß es genau, aber es scheint geboten, rechtzeitig dabei zu sein. Meletzky hat für sein Experiment deshalb reichlich Unterstützer gefunden.Der SFB, dessen Großer Sendesaal immerhin Schauplatz der ersten Stereoaufnahme der Welt war, stellte den akustisch idealen Kleinen Saal zur Verfügung, Bandmaschine und der DCS-Digital-Analog-Wandler kamen als Prototypen von der Firma Nagra, Steinway schickte aus Hamburg den besten greifbaren Flügel sowie den dazu passenden Techniker, die Redaktionen der Fachzeitschriften "Audio" und "Stereoplay" trommelten im Hintergrund, die Arbeitsgemeinschaft High End, in der führende deutsche Hersteller zusammenarbeiten, lieferte ebenfalls Unterstützung. Zu hören ist auf der Platte vor allem die japanische, in Berlin lebende Pianistin Chie Ishii, mit Chopin und eigenen Werken für Klavier, Cello, Perkussion und ein Sängerquartett, ferner der Schlagzeuger Wolfgang Thierfeldt mit einer Improvisation - und schließlich der Techniker Serge Poulain beim Stimmen des Flügels.Nur eine CD, aber schon beim Hören dieses technischen Kompromisses wird der Qualitätssprung durch die neue Technik mehr als deutlich, nicht nur auf den extrem teuren MBL-Geräten, sondern auch auf jeder einigermaßen guten Normal-Anlage: Der Klang entfaltet sich ohne jede Schärfe, die frappierende Räumlichkeit erinnert an die Vorzüge der nahezu vergessenen, an anderen technischen Klippen gescheiterten Kunstkopftechnik - beinahe möchte man dem Schlagzeuger auf die Schulter klopfen. Es liegt nahe, daß MBL diese maßstabsetzende Produktion nutzt, um auf der Funkausstellung auch den eigenen Gerätepark ins beste Licht zu rücken.Gelegenheit dazu ist einerseits auf dem Gemeinschaftsstand der deutschen High-End-Hersteller in Halle 10, vor allem aber in einer separaten Vorführung, die MBL vom 2.September an täglich um 17 Uhr im Saal 10 des ICC veranstaltet.Kostenlose Eintrittskarten dafür sind am MBL-Stand zu haben, ebenso die "Berlin Affair"-CD, die 44 Mark kostet. Die Berliner Firma, die im Frühjahr mit einer Titelgeschichte im US-Magazin "Stereophile" die höheren Weihen der Branche erhalten hat, ist noch bei einem weiteren Höhepunkt der Messe dabei: Die millionenteure Superanlage, mit der die Fachredakteure von Stereoplay den Stand des Machbaren demonstrieren wollen, arbeitet mit einem Digital-Analog-Wandler von MBL.Meletzky: "Das ist das billigste Gerät in der ganzen Anlage". Berlin hat in dieser Anlage noch ein zweites Spitzenprodukt untergebracht: Das riemengetriebene CD-Laufwerk von Dieter Burmester liefert die Ausgangssignale.Ein weiteres Zeichen dafür, daß die hiesigen Ingenieure international an der Spitze liegen, wenn sie auch im Preiskampf mit den Großproduzenten aus Fernost keine Chance haben.

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