Zeitung Heute : Klappe: Nessi die erste ...

NORBERT TEFELSKI

Musikalisches Kabarett mit Nessi TausendschönNORBERT TEFELSKIDie Filmdiva Hysteria Glockenhell ist 101jährig gestorben.Das Programm zu ihrem Gedenken gestaltet eine zumindest nach Lebensjahren deutlich jüngere Alleinunterhalterin, die sich Nessi Tausendschön nennt.Um allerdings ihre Auffassung von Humor teilen zu können, sollte man wenigstens das letzte Jahrzehnt im Koma oder auf der berühmten Witzinsel zugebracht haben.Dabei zeigt die schmale Dame im Abendkleid einige tadellose Fachfertigkeiten.Sie kann gut singen, passabel schauspielern und gekonnt übers Instrument ihrer Pianistin Antje Gerstmeyer rutschen.Daß selbige neunzig Jahre lang als Begleiterin der Dahingeschiedenen musiziert habe, ist nur eine von Nessis tausend gar nicht schönen Wiederholungen.Schreiend ungeschickte Textkonstruktionen, altersschwache Phrasen und vorhersehbare Pseudo-Pointen kriechen zähflüssig von Ehrengast (mäßig: Inge Meysel) zu Ehrengast (saumäßig: Heinz Rühmann).Die beabsichtigte Parodie hohlen Gedenk-Blahblahs bleibt selbst Blahblah.Soviel zum avisierten "Kabarett"-Faktor; leider belegt auch der musikalische Teil, daß es mit Singen-und-springen-können allein nicht getan ist. Auf den Spuren des Divenklischees schmettert sich Frau T.stimmgewaltig, aber blutleer durchs deutsch-amerikanische Entertainment.Ausgeleierte Standards wie "I get a kick out of you" oder "Wenn ich mir was wünschen dürfte" von (Achtung: Gag!) "Friedrich Hollunder" bleiben epigonal, von keinem Funken Phantasie behelligt.Die wenigen zaghaften Versuche ironischer Brechungen erfüllen platteste Erwartungshaltungen, wie etwa beim Bilderbuch-Dummchen Marilyn Monroe.Nessi-Kessis Umgang mit dem Publikum hat Kindergarten-Appeal.Daß sie am Abend ihrer Berlin-Premiere wenigstens eine der peinlichen Mitmach-Nummern abbrach, verdanken wir sicher auch dem unverschämt ungeheizten Tränenpalast: Mit kalten Füßen und Triefnase verspürt selbst der Wohlwollendste wenig Neigung, in rhythmisches Lustgestöhn auszubrechen. Tränenpalast, 18.10., 22.-26.10., 20 Uhr.

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