Zeitung Heute : Klare Linien einer Freundschaft

ELISABETH BINDER

Die Beziehungen zwischen den USA und Deutschland sollten sich an gemeinsamen Werten wie Freiheit, Menschenrechten und sozialer Gerechtigkeit orientieren.Die Bekämpfung von Kriminalität, Drogenhandel und Armut sowie Umweltverschmutzung könnten gemeinsame Themen sein.VON ELISABETH BINDERBeziehungen zwischen Ländern sind denen zwischen Menschen nicht unähnlich.Wenn sie zu selbstverständlich werden, breitet sich leicht Gleichgültigkeit aus, je nach Temperament auch ein Gefühl, entweder zu wenig Aufmerksamkeit zu bekommen oder zuviel davon zu verlangen.Der Besuch des Bundespräsidenten in den Vereinigten Staaten hat deutlich gemacht, daß manche vermutete Irritation der jüngeren Vergangenheit eher ins vage Reich der Befindlichkeiten gehört, als daß sie die Realität widerspiegelt.Die Vorstellung, man habe sich aus Mangel an Gemeinsamkeiten nichts mehr zu sagen, ist jedenfalls falsch.Nicht nur Roman Herzogs intensives Gespräch mit Bill Clinton lieferte den Beweis dafür. Daß eine neue Agenda ins Blickfeld gerückt wurde, war allerdings an der Zeit.Viel zu lange hat man in untätiger Wehmut zurückgeschaut auf die Zeiten des Kalten Krieges, da ein gemeinsamer Feind die Partner automatisch zusammenschmiedete.So gefährlich jene Zeiten waren - mit ihren klaren Strukturen haben sie auch eine verführerische Bequemlichkeit geschaffen.Mancher deutsche Politiker, der sich in jüngerer Zeit zum Capitol Hill aufmachte und sich dort nicht mit der gewohnten Aufmerksamkeit empfangen fühlte, hätte bei einigem Nachdenken selber auf diese neuen Koordinaten kommen können.Auch sehr gute Freundschaften funktionieren eben besser, wenn man sie nicht als Selbstzweck betrachtet, sondern gemeinsame Interessen pflegt und an gemeinsamen Zielen arbeitet. So etwas fällt einem freilich nicht in den Schoß.Insofern ist Roman Herzog, der ja als Bundespräsident tagespolitisch gar nicht ernsthaft arbeiten, sondern nur Akzente setzen darf, mit gutem Beispiel vorangegangen.Zwar nicht unbedingt offiziell, aber unterschwellig wiesen gerade Amerikaner in den letzten Jahren immer wieder auf die Unterschiede in der politischen und gesellschaftlichen Kultur zwischen beiden Ländern hin, die man in der Ära des Eisernen Vorhangs nur ausgeblendet habe.So taten sich die Amerikaner äußerst schwer damit, das rasche Abflauen der Euphorie über die Wiedervereinigung zu verstehen, aber auch die schier endlosen Zögerlichkeiten beim Umzug der Regierung und die Zurückhaltung der Deutschen, wenn es darum ging, eine neue, stärkere Rolle mit Entschlossenheit auszufüllen.Immer häufiger tauchte die Frage nach dem Kitt auf, der künftig die Bindungen festigt. Dabei ist dieser Kitt reichlich vorhanden.Es sind die gemeinsamen Werte, denen beide Länder gleichermaßen verpflichtet sind: Freiheit, Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit.Herausforderungen, denen sich die zwei Nationen auf jeweils eigene Weise und, effizienter noch, in ständigen Austausch untereinander stellen müssen, gibt es in Hülle und Fülle.Die Bekämpfung von Kriminalität und Drogenhandel, Atomschmuggel, Fundamentalismus und Armut sowie die Auseinandersetzung mit der Klimaveränderung kann im Zeichen der Globalisierung heute kein Land mehr alleine leisten. Um so besser, wenn man dabei auf einer bewährten Partnerschaft aufbauen kann.Der Kulturoptimismus Roman Herzogs kommt in den USA gut an.Damit pflegt er schließlich geradezu amerikanische Tugenden.Der Pragmatismus, die Bereitschaft, dem Denken unmittelbar auch das Handeln folgen zu lassen, hat jenes Land schließlich groß gemacht.Davon ein bißchen abzukupfern, kann uns in der jetzigen Situation nur gut tun, gerade, weil die amerikanische Gesellschaft in den vergangenen Jahren offenbar den Ruck erlebt hat, den Roman Herzog hier noch einfordert. Das unbefriedigende Gefühl, auf dieser Seite des Atlantiks hinterherzuhinken, und eine gewisse amerikanische Ungeduld über einen Mangel an zupackendem Schwung in Deutschland haben das ungewohnte gegenseitige Fremdeln lange genug verstärkt.Aber wie wir nicht nur aus der Pädagogik wissen, legt sich dieses Unbehagen allem Neuen gegenüber mit wachsendem Selbstvertrauen.Wie das in Praxis aussehen kann, hat der Bundespräsident in seiner bodenständigen Art und klaren Diktion deutlich gemacht.Daß die "Washington Post" dem Besuch eine ganze Seite widmete, ist nur ein Indiz: Eine klare Linie, über die Tagesbefindlichkeiten hinweg, wird von den Amerikanern nicht nur akzeptiert, sondern sehr geschätzt.

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