Klassik im öffentlichen Raum : Ohren zu!

Christine Lemke-Matwey

Eine kleine Liste der hässlichsten, ohrenbetäubendsten, sofortige Allergien und Fluchtreflexe auslösenden klassischen Musiken dieser Welt? Kein Problem! Kein Mangel!

Alte Musik aus Frankreich beispielsweise von Rameau oder Couperin mit ihren gespreizten Hüsteleien raubt einem rasch den letzten Nerv. Das schafft spielend auch die Speerspitze der Avantgarde, etwa in Gestalt der Herren Feldman oder Stockhausen: mit endlosem Gemurmel der eine, mit kosmischem Allmachtswabern der andere. Wer Johann Sebastian Bachs „Musikalisches Opfer“ am Stück hören kann, sollte sich vorsichtig nach einer Selbsthilfegruppe umsehen; Händels Geigen-Sonaten und Concerti grossi muffeln mächtig nach eingeschlafenen Adelsfüßen; Joseph Haydns 104 (!) Sinfonien sprechen für sich, auch Mozart hat natürlich für die Speisekammer komponiert („Das Vei- ei-eilchen“), Wagner rührt mit „Ehrt Eure teutschen Meister“ schwer in schwärenden Wunden, das will man ja auch nicht, außerdem war Bruckner Österreicher, und Frauen können eh nicht komponieren.

Alles sehr subjektiv, gewiss. Weil Musik nun einmal (auch) Empfindungssache ist. Und weil es eine unauslöschliche Rolle spielt, wie ein Ohr sozialisiert wird. Was behagt ihm später, was eher nicht, vor allem: welche Stilrichtung, welches Repertoire, welches Genre verknüpft es fortan mit welcher Welt?

Musikpsychologische Studien wie diese machen sich die Städte Hamburg und München seit geraumer Zeit zunutze – im Kampf gegen Nichtsesshafte verschiedentlicher Couleur, die erstens den Gesichtskreis ihrer sesshaften Mitbürger stören und zweitens den öffentlichen Raum handgreiflich verschandeln. Wer nun die Nordseite des Hamburger Hauptbahnhofs betritt oder den Münchner U-Bahnhof Goethestraße, wird dort keine Penner oder Fixer mehr finden. Das Projekt war ein durchschlagender Erfolg. Wer freilich seine Ohren aufsperrt, staunt: Nichts grässlich Neutönerisches quäkt da aus den Lautsprechern und auch nichts hibbelig machendes Französisches, sondern ausnahmslos Sanftes, Friedliches, Harmonisches. Ein bisschen Vivaldi und Mozart natürlich, Melodisches von Verdi und Johann Strauß, hier ein kleiner Mendelssohn, da ein leichter Beethoven.

Das Leben ist schön, suggeriert diese Auswahl, das Leben ist in Ordnung, solange die klassische Musik uns ihre Formen, ihre Ordnung in Endlosschleife suggeriert. Wer an dieser Ordnung ohnehin teilhat, hetzt in München und Hamburg achselzuckend weiter. Dem gesellschaftlich Ausgestoßenen aber dürfte der schöne allzu schöne Schein unerträglich sein. Er lernt, dass er hier nichts zu suchen hat und ergreift die Flucht. Ohren kann man nicht schließen.Christine Lemke-Matwey

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