Zeitung Heute : Klassiker von Goethe bis Brecht auf Silberscheiben

HELMUT MERSCHMANN

"Und du gute Seele, die du eben den Drang fühlst wie er, schöpfe Trost aus seinem Leiden, und laß das Büchlein deinen Freund seyn." So hatte Johann Wolfgang von Goethe seinerzeit den geneigten Leser auf seinen "Werther"-Roman eingestimmt.Das frühe Meisterwerk des Dichters und Denkers, unter Jugendlichen auch heute noch überaus beliebt, löste seinerzeit eine Selbstmordwelle aus, die Goethe kaum vorhergesehen haben wird.

Ebensowenig konnte er sich ausmalen, seinen Roman einmal auf einer kleinen Silberscheibe vorzufinden."LiteraMedia" nennt sich eine CD-ROM-Reihe aus dem Hause "terzio", die sechs Standardwerke des Deutschunterrichts als interaktive Lernsoftware umfaßt.In Zusammenarbeit mit dem Suhrkamp Verlag und dem auf Audiobücher spezialisierten Münchner Hör Verlag sind bislang Bert Brechts "Das Leben des Galilei", Max Frischs "Homo Faber", Hermann Hesses "Siddhartha" und ein weiteres Werk des deutschen Sturm und Drang, Georg Büchners "Lenz", erschienen.Ferner gibt es für den Literaturfreund die gesammelten Märchen der Gebrüder Grimm.

Mag der zeitgenössische Leser von "Die Leiden des jungen Werther" im Park an einem Baum gelehnt haben, ist er heute an seinen Computerplatz gefesselt.Nur am Bildschirm lassen sich der Originaltext sowie die umfangreichen historischen und biographischen Hintergrundinformationen verfolgen.Das hat Vorteile: Problemlos kann via Hyperlink in den Kommentarteil gesprungen werden, wo Interpretationsvorschläge und ein Glossar untergebracht sind.

Für den Fall, daß Begriffe wie "wissenschaftlicher Gärtner" oder "dogmatische Drahtpuppe" nicht mehr geläufig sind, braucht es nur einen Klick.Schon erfährt man, daß in dem einen Fall die damals beliebte französische, streng geometrische Gartenarchitektur gemeint ist.Und der zweite Begriff bezeichnet "jemand, der sich wie eine Marionette durch gesellschaftliche Vorurteile führen lässt." Wem die Augen schließlich ermüden, kann sich einzelne Passagen aus dem Roman oder den Sekundärtexten vorlesen lassen.Über dreieinhalb Stunden Audiomaterial ist auf der CD-ROM untergebracht.

Beim Suhrkamp Verlag verspricht man sich eine höhere Akzeptanz der modernen Klassiker im Schulunterricht.Eine Einschätzung, der Günther Madsack, Studiendirektor am Josef-Hofmiller-Gymnasium in Freising, nicht folgen kann.Ihn habe bislang noch kein Schüler freiwillig angesprochen, eine Literatur-CD-ROM übers Wochenende mit nach Hause zu nehmen, erklärt er."Mit Literaturverfilmungen auf Video sieht das ganz anders aus."

Der mit Multimedia erfahrene Lehrer will zu Beginn des neuen Jahres die "Homo Faber"-CD-ROM im Unterricht einführen."Begleitend", wie er betont, denn auf die Buchausgabe könne nicht gänzlich verzichtet werden.Literatur-CD-ROMs sind ihm im allgemeinen nicht multimedial genug.Ihr Manko sei, daß sie kein Bildmaterial einbinden und keine Filmsequenzen enthalten, dafür ziemlich textlastig sind.Doch "eine reine Textsammlung bringt wenig".

Immerhin wird jedoch das "lehrerzentrierte Lernen" durch das neue Medium aufgebrochen.Madsacks Schüler bekommen Aufgaben gestellt, für die sie eigenständig nach Informationen suchen müssen.Dafür können traditionelle Mittel wie die Schulbibliothek benutzt oder das Internet bzw.die CD-ROM hinzugezogen werden.Regelrechte Wettbewerbe lassen sich veranstalten, bei denen es darum geht, möglichst effiziente Suchstrategien zu entwickeln.Genau darin, in der Recherche und der Informationsbeschaffung, sieht der Lehrer den größten Vorteil der neuen Medien: Die Suche wird zum eigentlichen Ziel.

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