Zeitung Heute : Klavierbrisen

ROMAN RHODE

Bodenständigkeit als Attitüde: Cesária Evora im TempodromROMAN RHODEWie immer betritt sie die Bühne ohne Schuhe, und das Publikum liegt ihr begeistert zu Füßen.Auch der winzige Tisch mit Lämpchen und Wasserkaraffe steht wieder da - Relikte der Intimität kapverdischer Piano-Bars, wo Cesária lange Zeit gesungen hatte, bevor sie, als Fünfzigjährige, in Europa entdeckt wurde.Hier, wie inzwischen fast überall auf der Welt, feiert man die Evora als "barfüßige Diva", die mit den Bühnenbrettern ebenso verwachsen scheint wie mit ihren Heimatinseln vor der Westküste Afrikas. Ihre Stimme läßt an eine sanfte Mischung aus Billie Holiday und Amália Rodrigues denken, doch ihr Gesang ist sonores Kriolu, eine sprachliche Kreuzung aus portugiesischer Metropole und einstiger Kolonie.Ähnlich verwoben klingt die Musik dazu: der wogende Rhythmus von Baß, Gitarren und den hellen Cavaquinhos erinnert an ferne Walzer, fröhliche Sambas oder getragene Fados.Tatsächlich sind all diese Stile in die balladenhaften Mornas und beschwingten Coladeras eingeflossen, aus denen Cesárias kreolisches Repertoire überwiegend besteht.Neu allerdings sind die Einsprengsel von Saxophon und Klarinette, die der kapverdischen Brise aus Klavier und gezupften Saiten einen würzigen Hauch von jazziger Improvisation beifügen.Überhaupt wirkt die Musik schwungvoller, baßlastiger, insgesamt auch etwas reichhaltiger als früher. Cesária Evora ist sich dabei selbst treu gelieben.Zwar hat sie das Rauchen stark eingeschränkt - nur ein einziges Mal gönnt sie sich am Bühnentisch eine Zigarette - und auch den Brandy hat sie längst durch Mineralwasser ersetzt, doch an ihrer Expressivität ist nichts verlorengegangen.Die Ausdruckskraft freilich kommt bei ihr nicht in manierierter Gestik zur Geltung, sondern allein in der klaren Stimme - und in den dunklen Augen.Deutlich spiegeln Cesárias Augen, hinter freundlichem Lächeln verborgen, das Wesen der sodade, des melancholischen Lebensgefühls, das all ihre Liebeshymnen und Balladen durchdringt: Es sind gesungene Tränen mit dem Schimmer von Edelsteinen. 

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