Zeitung Heute : Kleider machen Leute fertig

FREDERIK HANSSEN

Die Neuköllner Oper haucht der DDR-Operette "Messeschlager Gisela" von 1960 neues Leben einVON FREDERIK HANSSENDen Sozialismus in seinem Lauf hielten vor allem Versorgungsengpässe auf: Bei VEB Berliner Schick wartet man verzweifelt auf die Knopflieferung der Kollegen aus Dresden.Statt dessen treffen nur kistenweise Remittenden aus den Konsumläden der Republik ein.Eine bittere Erfahrung für die frisch diplomierte Modegestalterin Gisela.Den Einstieg in die Produktion hatte sie sich anders vorgestellt: Während sie Damen-Obertrikotagen nachbessert, jettet der Chef nach Paris, um sich für seine Kollektion für die Leipziger Messe 1961 inspirieren zu lassen.Heraus kommt dabei der neue Trend zum Melonen-Rock, während Giselas Entwurf für ein ebenso vielseitig einsetzbares wie knopffrei herzustellendes Kleid für die moderne sozialistische Frau in der Schublade bleiben soll.Doch hat der Chef die Rechnung ohne die Brigade gemacht ... Als der "Messeschlager Gisela" im Oktober 1960 erstmals im Metropol-Theater herauskam, überschlug sich die Ost-Berliner Presse vor Begeisterung, und der Tagesspiegel murmelte etwas von der "Bewußtseinsbildung durch volkseigene Soubretten".74 ausverkaufte Vorstellungen lang ging die Operette über die Bühne - bis den Parteioberen auffiel, daß sich das Publikum weniger am Sieg des DDR-Schick über die dekadenten Auswüchse der imperialistischen Mode als an der Demontage des autoritären, fortschrittsfeindlichen Bonzen ergötzte.Also verschwand Gisela in der Versenkung. Das Schicksal des Werkes weckt unwillkürlich Erinnerungen an Billy Wilders fast zeitgleich entstandenen Film "Eins, Zwei, Drei", dessen Start damals durch den Mauerbau verhindert wurde - und an die verspätete Entdeckung der Kino-Kömödie, die vor ein paar Jahren ebenso für eine Überraschung sorgte wie jetzt die Wiedererweckung des "Messeschlagers" an der Neuköllner Oper.Eine "todschicke Revueoperette" ist im neunten Nachwendejahr aus der Operette geworden: Wenn Regisseur und Textbearbeiter Peter Lund die Meta-Ebenen gegeneinander ausspielt, sprühen nur so die Funken; nie kann man sich wirklich sicher sein, ob es sich bei einer Spitze gegen die Parteilinie, bei einem Seitenhieb auf die Verhältnisse nun um Originalsatire des Kabarettisten Jo Schulz von 1960 handelt oder um Nachgedichtetes von heute.Sprüche und Kostüme, Requisiten und Choreographie - alles fügt sich organisch zu einem trashigen Zonical mit mindestens doppeltem Boden.Antje Rietz lächelt als Titelheldin ihr "Vorwärts für Frieden und Fortschritt"-Lächeln umwerfend authentisch, als sei sie eben von einem 1.-Mai-Transparent heruntergestiegen, Silvia Bitschkowski hält als Brigadeleiterin Puhlmann mit der Standhaftigkeit ihrer festgesprayten Hochfrisur zu ihrer Gisela, als "Kollege Gütekontrolleur" leistet Urs-Werner Jaeggi in puncto Penetranz vorbildliche Planübererfüllung. Frank Schwemmer, der auch den fiesen Kombinats-Chef mimt, hat Gerd Natschinskis Partitur für die (etwas dünn klingende) Hans-Peter-Kirchberg-Combo reduziert und sich für die Arrangements der Gesangsnummern vom Stil der Comedian Harmonists inspirieren lassen: So sorgt vielfach ein Background-Chor für ironische Brechungen, läßt die Sänger auf liebevolle Distanz zu ihren sentimentalen Texten gehen - kein Reim auf Schmerz, der nicht mit einem "schnief, buhu" kommentiert würde. Damit niemals Häme oder Ostalgie aufkommen können, führt Lund zudem eine zweite, um 35 Jahre gealterte Gisela (Imke Barnstedt) ein, die 1998 in ihren inzwischen abgewickelten Betrieb zurückkehrt und durch eine virtuos gehandhabte szenische Überblendungstechnik immer wieder die Gedanken der Titelheldin mit dem Wissen um das Nachspiel der Geschichte relativiert. Auch zum Happy-End knipst Lund die revolutionsrosa leuchtenden Scheinwerfer aus, die weiland 1960 den Sieg des Kollektivs in verklärtes Licht tauchten.Ein real existierender Schluß muß her: Gisela wird in die Provinz abgeschoben, der Kombinats-Leiter erklärt das Erfolgs-Modell zu seiner Idee.Zum Schluß singen die Protagonisten noch einmal den bittersüßen Natschinski-Hit, der den Abend eingeleitet hatte: "Vergiß nie die Zeit".In der Neuköllner Oper fällt das nicht schwer. Neuköllner Oper, bis 4.April.

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