Zeitung Heute : Kleidung im besten Sinne

Tonja Zeller hat schon viele Preise bekommen. Doch erst jetzt wird sie ihre Mode produzieren

Grit Thönnissen

„Ich brauche professionelle Hilfe!“ Tonja Zeller legt die Stirn in Falten, schaut noch etwas strenger als sie ohnehin schon aussieht – mit straff zurückgebundenem Haar, in einem schwarzen Rollkragenpullover, ein loses schwarzes Jackett darüber. Sie wirkt eigentlich ganz selbstständig, ihr Hamburger Atelier ist aufgeräumt, die Nähmaschinen eingefädelt, das Bügeleisen einsatzbereit.

Es ist Anfang April, und die 37-Jährige arbeitet auch am Sonntag, um ihre Kollektion fertig zu bekommen. Zwei Wochen später wird sie sie in Neuss präsentieren. Wenn ihre Kleider gut genug sind, bekommt sie professionelle Hilfe vom Gesamtverband Textil und Mode. Der hat einen Preis im Wert von 50 000 Euro ausgelobt. Neben Geld wird der Sieger beraten und unterstützt, um sich als Modeunternehmer am Markt zu etablieren.

An diesem Aprilsonntag ist Tonja Zeller noch eine Sammlerin: Sie sammelt Preise, seit 2001 fast jedes Jahr einen. Immer wieder wird sie bei den wichtigsten internationalen Wettbewerben nominiert: dem Gwand Award in der Schweiz, in Tokio beim Onward, beim Triester Ist Two und als Höhepunkt bei einem der wichtigsten Modepreise für Nachwuchsdesigner, dem Festival International de Mode & de Photographie im südfranzösischen Hyères. Fast immer hat sie am Ende eine Trophäe, einen Scheck oder zumindest einen Blumenstrauß in der Hand. In den vergangenen Jahren hat sie vor allem mit Preisgeldern ihren Lebensunterhalt verdient.

Tonja Zellers Erfolg liegt vielleicht darin begründet, dass sie die Jury, die meist schon einiges an Mode gesehen hat, nicht durch billige Tricks zu beeindrucken versucht. Sie fordert ihre modische Sachkenntnis heraus, denn eigentlich wirken die Kleider von Tonja Zeller ganz einfach, sie sagt dazu „klassisch“. Bei ihr ist eine Hose eine Hose, keine Rüsche verfälscht den Eindruck, kein buntes Muster versucht ein Ablenkungsmanöver. Der Designerin geht es vielmehr darum, wie sie eine Ecke so in einen Schnitt einbauen kann, dass etwas Rundes, Harmonisches daraus wird. Denn auch wenn ihre Entwürfe streng und grafisch sind, wirken sie nie markschreierisch konstruiert. Ihre liebste Spielwiese ist Schwarz, all die Falten, Schlitze, glänzenden und stumpfen Stoffe, die in einem Kleidungsstück aufeinandertreffen, werden durch die Nichtfarbe zusammengefügt.

Dass Tonja Zeller eine außerordentlich begabte Modedesignerin ist, haben all die Preise längst belegt – sie macht Kleidung im besten Sinne. Ihre Entwürfe sind tragbar und geschmeidig, und sie lösen bei der Betrachterin den Wunsch aus, sie gleich anprobieren zu wollen.

Ihr Talent, Kleider zu entwerfen, ist so ausgeprägt, dass ihr die andere Seite, das Kaufmännische und die Selbstdarstellung, sehr schwer fällt. Noch nie hat sie ihre Kleider produziert und verkauft. Aber genau das ist das Kunststück: Mode zu entwerfen, die dann auch getragen wird. Nur wie? Tonja Zeller ist ein wenig ratlos. Hamburg ist eine klassische Randlage für Designer, hier gibt es Leute mit Geld, aber keine Netzwerke, keine Firmen, keine Produzenten, keine junge Designerszene wie in Berlin. Die Hauptstadt ist für Tonja Zeller wie ein anderer Planet: „Da passe ich nicht hin, die wollen es wilder.“ Sie unterrichtet an ihrer alten Ausbildungsstätte, der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Die ist bekannt dafür, Studierende künstlerisch zu fördern, aber gleichzeitig damit um das Wolkenkuckucksheim eine hohe Mauer zu ziehen.

Angefangen hat Tonja Zeller, aufgewachsen in Kassel, im Handwerk, mit einer Lehre zur Modistin im feinen Hamburger Stadtteil Eppendorf. Drei Jahre fertigte sie Hüte und Kappen. Ihre Liebe zum Detail entdeckte sie dort, den Wunsch, alles perfekt zu machen. Doch sie wusste auch: „Ich will Mode machen.“ Also lernte sie ein Jahr lang Schnitte zu konstruieren. Erst danach begann sie, Modedesign zu studieren.

Sie weiß, es wird Zeit, etwas aus ihrem viel gelobten Talent zu machen. Deshalb hat sie sich ja für den neu ausgeschriebenen Preis beworben. Aber ganz geheuer scheint ihr kurz vor dem Wettbewerb in Neuss die Aussicht nicht, demnächst nicht nur Kleider zu entwerfen, sondern sie auch verkaufen zu müssen.

Tatsächlich hat sich die Jury des Gesamtverbandes Textil und Mode am 18. April für die Kollektion entschieden, die am meisten ausgefeilt, subtil und erwachsen wirkte: für die von Tonja Zeller. Als die Siegerin den Blumenstrauß, die Trophäe und den Scheck entgegennimmt, ist die Skepsis noch nicht ganz aus ihrem Blick gewichen. Jetzt wartet die Welt da draußen. Im Juli wird sie ihre erste Kollektion auf der Düsseldorfer Modemesse zeigen. Grit Thönnissen

Infos unter www.tonjazeller.de

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