Zeitung Heute : Klein Dummsdorf, Berlin und die Kokosinseln

E-Mails schreiben im Internet kostet nichts. Noch nichts. Der Hauptstadt-Anbieter Berlin.de will jedoch für seine Postbox Gebühren einführen

Markus Ehrenberg

Mal ehrlich: Wann haben Sie zuletzt einen Brief geschrieben? So richtig mit der Hand geschrieben, Umschlag, Porto drauf und rausgehen zum Briefkasten? Zu Weihnachten? Zum Muttertag? An die Freundin? Wenn Briefe geschrieben werden, dann geschieht das heutzutage per E-Mail, wenn das dann überhaupt noch ein Brief ist. Ob privat oder geschäftlich – rund 30 Millionen Deutsche ziehen die schnelle Kommunikation per Computer dem guten, alten Brief vor. Neben der Zeitersparnis sprechen auch finanzielle Gründe dafür, eine E-Mail zu schreiben. Virtuelle Postfächer kosten nichts, außer Telefonkosten und Providergebühren, die man ohnehin bezahlen muss. Sie kosten noch nichts, muss man sagen, denn als einer der ersten großen Anbieter geht Berlin.de nun daran, für seinen E-Mail-Service Geld zu verlangen.

Damit dürfte sich der offizielle Internetauftritt des Landes Berlin keine Freunde machen. Hundertfach gingen dort in den vergangenen Tagen empörte E-Mails ein, nachdem der Betreiber seine Kunden kurz vor Weihnachten per Rundmail auf den bald kostenpflichtigen Service aufmerksam machte. Eine schöne Bescherung. Die Reaktion der Nutzer war eindeutig: „ Ich geh’ woanders hin, ich kündige, so eine Abzocke!“ 1 Euro 50 im Monat – so viel soll E-Mailen bei Berlin.de kosten, zwölf Monate im Voraus bezahlbar.

Ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt . Sprit, Zigaretten, Rentenbeiträge – alles wird mit dem neuen Jahr teurer. Jetzt auch noch die E-Mail, eine der wenigen virtuellen Dienstleistungen, die bis in alle Ewigkeit gratis zu sein schien. Und nun kommen Rechnungen vom offiziellen Hauptstadtauftritt – die müssten den Bürgern und BürgerInnen doch den virtuellen Briefkasten schenken, so wie das Telefonbuch oder das Straßenschild vor meinem Haus. „Warum ist eine kostenlose E-Mail-Adresse keine öffentliche Aufgabe? Auf Briefen schreibe ich ausnehmend gern ,Berlin’ in den Absender statt ,Klein Dummsdorf’“, beschwert sich ein „Uwe“ im Internet-Forum von heise.de, stolz auf die besondere Beziehung zu Stadt und Region, die sich in der Wahl seiner E-Mail-Adresse ausdrücke. Wie wäre es da mit ein bisschen Gegenliebe?

Irrtum. Ganz großer Irrtum. Klaus Wowereit hat andere Sorgen. Wir bedauern diese Preiserhöhung, können dagegen aber nichts machen, heißt es in der Senatskanzlei. Also woanders hin mit der Wut. „Bei uns ist der E-Mail-Service nach den Personalkosten der größte Kostenfaktor. Wir sind gezwungen dagegenzusteuern“, sagt Olf Dziadek, Geschäftsführer vom Betreiber Berlin.de. Zur Erinnerung: 1998 wurde mit dem Land Berlin eine Übereinkunft geschlossen. Das Land gibt den Namen – eben Berlin.de – und bietet Informationen zu Politik und Verwaltung, Tourismus und Kultur und Bürgerservice, der Betreiber, die BerlinOnline Stadtportal GmbH & Co. KG, sorgt für die Vermarktung. Auflagen seien damit nicht verbunden gewesen, heißt es jetzt, aber von anstehenden Gebühren für den Internet-Nutzer und für E-Mails war nicht die Rede, als sich die Leute scharenweise auf die schicke, neue E-Mail-Adresse stürzten. MeinName@berlin.de! Bürger dieser Stadt! Wer dachte zu Zeiten des Internetbooms schon an Werbeeinbußen, Rezession und rote Zahlen? Erschwerend kam noch die Pleite der Berliner Bankgesellschaft dazu, neben der Berliner Volksbank und Gruner+ Jahr Mitgesellschafter bei Berlin.de.

Das erklärt die Kosten. Trotzdem: Wird die Zwangssituation der 115 000 Berlin.de- Kunden, alle mit renommierter, eingeführter E-Mail-Adresse, jetzt nicht dazu ausgenutzt, daraus Kapital zu schlagen? Nach dem Motto: erst mit einer tollen Adresse ködern und dann plötzlich abkassieren?

„Das mag vielleicht so aussehen, trifft aber nicht zu“, sagt Olf Dziadek. In den vergangenen fünf Jahren seien Berlin.de Verluste im zweistelligen Millionenbereich entstanden. „Die kriegen wir mit den E-Mail-Gebühren auch nicht mehr refinanziert.“ Die 1 Euro 50 monatlich würden gerade mal die zukünftigen Kosten des E-Mail-Betriebs bei Berlin.de abdecken und garantieren, dass die nach dem Zusammenschluss mit Berlin Online auf 14 Mitarbeiter minimierte Mannschaft weiterbeschäftigt werden kann. Zeitgleich zum kostenpflichtigen E-Mail-Service werde es auch einen neuen Berlin.de-Club geben. Für einen Euro im Monat bietet der unter anderem einen Zugang zu den Archiven der „Berliner Zeitung“ und einen Newsletter an, E-Mail exklusive.

Vielen Berlin.de-Nutzern dürfte das egal sein, auch wenn nach den ersten Protesten über Vergünstigungen, wie zum Beispiel Familienrabatte, nachgedacht wird. Einige haben schon gekündigt, andere könnten Mitte Februar folgen, wenn der E-Mail-Service bei denjenigen automatisch abgeschaltet wird, die sich bis dahin noch nicht für den kostenpflichtigen Service entschieden haben (der außer der Postbox noch 25 Mbyte Speicherplatz vorsieht). Doch wer braucht 25 Mbyte, wenn er nur zwei, drei E-Mails schreiben will?

Das kann man ja auch woanders tun. Die Konkurrenz freut sich schon. „Ich bin mir sicher, dass Tausende von Berlin.de weglaufen werden“, sagt Andreas Horst, Sprecher des Internet-Dienstes web.de, neben gmx.de mit zwölf Millionen registrierten virtuellen Postfächern einer der größten webbasierten Anbieter in Deutschland. Das Angebot läuft hier kostenlos, Freemail, und das soll erst mal noch so bleiben. „Wie das 2004 aussieht, können wir natürlich nicht sagen. Wir betrachten den E–Mail-Basisdienst aber als Kundenbindung. Erst für Premiumdienste wie Filesharing, erhöhte Speicherkapazitäten und günstige SMS verlangen wir Geld. “

Das klingt auch nicht gerade wie eine ewige Garantie: alle E-Mails umsonst. 4 Euro 95 kostet web.de im Monat mit seinen Extra-Diensten. Damit kann man fast zehn herkömmliche Briefe frankieren. Eins scheint sicher, über kurz oder lang dürften E-Mails kosten, sprich: teurer werden. Vielleicht sollte man schon mal seine Handschrift überprüfen und Briefpapier auswählen. Oder auf die Kokosinseln gehen. Eine Grazer Firma bietet dort eine kostenlose Mailbox an. Inbox.cc ist eine der Internet-Adressen, die mit der Landeskennung der zu Australien gehörenden Inseln im Indischen Ozean auftreten. Die Kokosinseln bieten ein bequem zu nutzendes Web-Mail-System mit der Möglichkeit, schon bestehende Mail-Accounts einzubinden, einen Terminkalender mit SMS-Benachrichtigung sowie eine Datei-Ablage mit einem Umfang von zwei MB. Dafür aber ohne Berlin-Anschrift.

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