Zeitung Heute : Kleine Freuden

Junge Eltern brauchen Vorbilder, junge Frauen Mut – die „Allianz für die Familie“ soll helfen

Tissy Bruns

Ziel von Bundesfamilienministerin Renate Schmidt (SPD) ist es, Deutschland kinderfreundlich zu machen. Am besten sollte es das familienfreundlichste Land Europas werden. Nur, was ist denn eigentlich „kinderfreundlich“?

Ein Kinderspiel, der besten Freundin zu erzählen, wie schwierig es ist mit einem Kind. Schlaflose Nächte, verständnislose Kollegen, teure Krippe, die Plackerei mit dem Kinderwagen auf der U-Bahn- Treppe. Aber wie erzählt man vom Glück? Deutschland ist ein kinderentwöhntes Land, sagt Familienministerin Renate Schmidt (SPD), kein kinderfeindliches. Dass diese „Entwöhnung“ ganz handfeste Folgen dafür hat, wie junge Leute mit ihrem Wumsch, Kinder zu bekommen umgehen, haben die neuen Familienstudien zu Tage gefördert. Sie stellten eine wachsende Kluft fest: Wer Kinder hat, fühlt sich trotz aller Hindernisse mit der Familie glücklich. Wer keine hat, schreckt vor der (vermeintlich) kinderfeindlichen Gesellschaft zurück – mit der Folge, dass in Deutschland die Geburtenrate mit 1,3 Kindern pro Frau besonders niedrig ist, dass mittlerweile ein Drittel der Frauen keine Kinder bekommt. Es ist also ein ambitioniertes Ziel, das Bundespräsident Horst Köhler und die Ministerin formuliert haben: Deutschland soll das kinderfreundlichste Land in Europa werden.

Kirchen, Wirtschaft, Gewerkschaften und Bevölkerungswissenschaftler stimmen dem „neuen Mix“ zu, der mit Renate Schmidt Einzug in die Familienpolitik gehalten hat. Das Motto lautet: Was der Staat regeln kann, das muss er auch wirklich tun. Wo die Gesellschaft gefordert ist, soll eine „Allianz für die Familie“ kinderfreundliche Bedingungen schaffen. Bis Ende 2004 haben sich dafür bereits 119 örtliche Bündnisse zusammengefunden, die ungefähr 25 Millionen Menschen erreichen. Beides zusammen, staatliche Maßnahmen und gesellschaftliche Bündnisse zielen auf einen „Mentalitätswechsel“, der jungen Leuten Mut machen soll, ihre Wünsche nach Kindern zu verwirklichen – abnehmen kann ihnen diese Entscheidung allerdings kein Staat und kein Familienbündnis.

Was kann der Staat? Zu Recht haben alle Maßnahmen für ein besseres Betreuungsangebot und mehr Ganztagsschulen höchste Priorität. Denn hier ist Deutschland im Vergleich zu allen Nachbarn Schlusslicht. Zu wünschen wären aber auch größere Anstrengungen, die Ausbildungszeiten zu verkürzen. Denn die Entscheidung für ein Kind fällt in Deutschland spät, oft so spät, dass der Wunsch unerfüllbar wird. Bei den direkten Familienleistungen – hier schneidet Deutschland im Vergleich gut ab – wäre ein neues Steuerrecht sinnvoll: Das Ehegattensplitting, das auch kinderlosen Ehen zugute kommt, sollte von einem „Familiensplitting“ abgelöst werden, das die Kinderzahl berücksichtigt. Außerdem will Renate Schmidt ein „Elterngeld“ einführen, das anders als das bisherige Erziehungsgeld wie eine Lohnersatzleistung abhängig vom Einkommen berechnet wird.

Immer noch fürchten junge Frauen Nachteile im Beruf – flexible Betreuungsangebote und eine familienfreundlichere Arbeitswelt sind deshalb ein Schwerpunkt der „Allianz“. 366 Unternehmen, mehr als fünfmal so viele wie im Jahr 2000, beteiligen sich am Unternehmenswettbewerb „Erfolgsfaktor Familie 2005“. Die Sieger wird der Bundeskanzler im März auszeichnen.

Der Mentalitätswechsel berührt aber auch tiefer liegende Schichten. Nur die deutsche Sprache kennt den Begriff Rabenmutter. Die Vorstellung hält sich hartnäckig, dass eine gute Mutter nur die ist, die sich ihren Kindern ganz und gar widmet. Übrigens auch bei den gut ausgebildeten jungen Frauen, die sich von unerfüllbaren Erwartungen umstellt sehen: Gute Partnerin, erfolgreich im Beruf, perfekte Mutter. Wie sehr das traditionelle Familienbild die Entscheidungen prägt, spiegelt sich im „Familienatlas 2005“ wieder, den die Prognos AG im Auftrag des Bundesfamilienministeriums in Zusammenarbeit mit der „Zeit“ heute veröffentlicht. Die Untersuchung von 439 Kreisen und Städten findet überdurchschnittliche Geburtenraten und Kinderzahlen dort, wo niedrige Arbeitslosigkeit, geringe Kriminalität – und eine vergleichsweise schlechte Kinderbetreuung anzutreffen ist. Nur auf den ersten Blick ist das ein Paradox. Der Mut zum Kind ist größer, wo traditionelle Familienstrukturen und eine geringe Frauenerwerbsquote zusammenkommen. Oder drastischer: Viele Kinder werden nur geboren, wo die Sicherheit alter Familienstrukturen besteht. Die höchste Geburtenrate in Deutschland hat das in der katholischen Diaspora gelegene Cloppenburg. Ein Modell für mehr Kinder ist das nicht, weil den gut ausgebildeten jungen Frauen keine verlässliche Perspektive mit Kindern eröffnet wird. Dramatisch niedrig ist die deutsche Geburtenrate, weil zu viele Frauen überhaupt keine Kinder bekommen; vierzig Prozent der Akademikerinnen bleiben kinderlos. Gut ausgebildete junge Paare brauchen kinderfreundliche Bedingungen gerade dort, wo die flexible Berufswelt sie hinzieht. Die Geburtenrate von Cloppenburg (1,9) schaffen Frankreich und die skandinavischen Länder im nationalen Maßstab.

Heute sind fast alle Kinder Wunschkinder. Wenn es freie Entscheidung der Eltern ist, ob ein Kind geboren wird, dann steigt die Verantwortung für das Glück und die „optimale“ Entwicklung der Kinder. Wie man es richtig macht, dafür finden junge Eltern zahllose Angebote, aber nur wenige Vorbilder. Sag nie, dass es an den Kindern liegt, war früher die heimliche Übereinkunft vieler Mütter im Beruf. Zum „neuen Mix“ können auch Eltern ihren Beitrag leisten: Erzähl, wo du nur kannst, wie es ist, wenn Kinder zum Leben gehören. Grafik: Bartel/Roth

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben