Zeitung Heute : Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft

Eingeladen hatten sie Schröder vor 18Monaten. Da sah die Welt noch anders aus. Gestern feierte die amerikanische Handelskammer 100. Geburtstag. Keine Rechtfertigungen, keine Beschwerden – das war das Motto der Kanzler-Rede. Was er sagte, war keine Standpauke. Aber auch kein Ständchen.

Deike Diening

Es wurde am Freitag ein ziemlich modernes Konzert gegeben im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt. Es war derart modern, dass zum Schluss kaum einer sagen konnten, was er davon halten soll. Es gab jede Menge Taktverschiebungen und Tempowechsel. Sie stehen dann zusammen, die Konzertbesucher, aufgerüscht und ein bisschen ratlos, wenn ihnen nach dem Schlussapplaus die Worte fehlen. Dann fangen sie an, davon zu reden, wovon sie immer reden. Ein Ehepaar war offensichtlich im letzten Urlaub in Rom. Der Opel-Chef redet über Opel. John Kornblum, der Ex–Botschafter, sagt etwas von „Heilungsprozess“ in eine Kamera. Und dass es noch ein wenig dauern würde. Allein dass der Kanzler gekommen sei, sei eine große Geste. Was man so sagt.

Die amerikanische Handelskammer in Deutschland wird 100 und begeht den Festakt im Schauspielhaus auch mit einer Rede des Kanzlers. Und in Zeiten wie diesen achtet man natürlich auf die Qualität des ersten Tons. Wie bei einem verkrachten Liebespaar, man lauert darauf, wer zuerst zum Hörer greift, wer zuerst seinen Stolz überwindet.

Der kühle Atlantik

Man hätte denken können, dass Schröder hier mit etwas Kitt ankommt. Die Gelegenheit nutzt, um sich ein bisschen zu entschuldigen bei den Amerikanern oder um Vertrauen zu werben. Aber Schröders Haltung hat nichts Werbendes, wie er mit forschem Schritt das Foyer druchschreitet und in der ersten Reihe Platz nimmt, zur Rechten den amerikanische Botschafter in Deutschland, Daniel Coats, zur Linken den Handelskammerpräsidenten Fred B. Irwin.

Was erwarten Sie sich zum Geburtstagsfest vom Bundeskanzler, Herr Irwin, wurde der Präsident vor der Rede gefragt. „Nichts“, hatte er da gesagt, „nichts, es reicht mir, wenn die Sonne scheint.“ Aber als Geburtstagskind erwartet man doch Geschenke! „Wissen sie, die Deutschen sind die Einzigen, die von einem Vaterland sprechen. Und von seinem Vater erwartet man Geschenke. Wir erwarten nichts vom Kanzler.“

Das war nicht immer so. Denn diejenigen, die nach dem Krieg ganz selbstverständlich die transatlantischen Bündnisse pflegten, erinnerten sich vor ein paar Monaten plötzlich daran, dass der Atlantik doch eines der kälteren Meere ist. Nach der Irak-Frage, mit eisigem Lächeln schockgefroren, hörte man für eine Weile wenig von ihnen. „Either we pull together, or we pull apart. There is nothing in between“, sagt Irwin nun in seiner Rede.

Als Schröder ans Pult tritt, herrscht Schweigen. Und wenn ein Schweigen gespannt sein kann, dann kann es auch skeptisch sein. Die Skepsis hat ein festliches Gesicht. Unter den Lüstern tragen die Damen, was das Schmuckkästchen hergibt. Und allen ist klar, dass dies keine Rede wird, mit der man sich die Zeit bis zum Buffet vertreibt. Schröder sieht entschlossen aus, als wüsste er, dass er jetzt Mut braucht, für das, was er sagen will. So ist das nach dem Krieg, die Kämpfe sind beendet, aber auf dem Feld liegen noch die Minen. Und Schröder, sachlich und ernst, trägt vor, woran er noch am Abend vorher im Kanzleramt gefeilt hat: eine Rede, die etwas Grundsätzliches sagen will. Nichts Geringeres als „das Wesen“ der deutsch-amerikanischen Beziehungen soll sie aufzeigen.

Der Kammerpräsident Irwin sagte vor der Rede, als er gefragt wurde, ob die politischen Beziehungen die wirtschaftlichen belasten, man müsse da einiges trennen: die wirtschaftlichen, die menschlichen und die politischen Beziehungen. Die wirtschaftlichen Beziehungen seien jedenfalls immer hervorragend gewesen. Die menschlichen übrigens auch. Kaufleute schaffen es, zu Politik gefragt zu werden und über Politik nichts zu sagen.

Schröder schlägt in seiner Rede eine ganz andere Melodie an. Er will nichts außen vor lassen, wird immer ganzheitlicher, immer grundsätzlicher. „Never explain, never complain“, zitiert er einen „uramerikanischen Wahlspruch“, keine Rechtfertigungen, keine Beschwerden. Und dann geht er erst einmal so weit zurück in der gemeinsamen Geschichte, wie er kann. Zurück, zurück, bis zum ersten Artikel im Grundgesetz, bis zu den ersten Sätzen der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Und siehe da, es finden sich Gemeinsamkeiten. Die unantastbare Würde des Menschen und die unveräußerlichen Rechte. Das sei doch dasselbe. Er benutzt amerikanische Schlagworte, er versucht, die Amerikaner mit ihren eigenen Waffen zu schlagen und besetzt einfach die gleichen Begriffe wie sie: Freiheit und Sicherheit. Nur interpretiert Schröder sie anders. Europäisch, wenn man so will. Sicherheit zum Beispiel: Die dürfe man nicht auf Polizei und Militär beschränken. Sondern müsse sie umfassender definieren. Und Freiheit „schließt die Freiheit zu gelegentlichen Meinungsverschiedenheiten ein.“ Das ist zum Geburtstag keine Standpauke, aber ein Ständchen ist es auch nicht.

Sicher, sicher, es hat Spannungen gegeben, aber heute ist Geburtstag. So scheinen die Amerikaner zu denken. Die Blechbläser hatten die „Ode an die Freude“ angespielt. Und als vorausdenkende Kaufleute hatte die Kammer den Kanzler schon vor 18 Monaten eingeladen, als die Welt noch etwas anders ausgesehen hat. Schröder hatte gerade uneingeschränkte Solidarität versprochen, und sein „eigenes politisches Schicksal an die Verpflichtung und Bereitschaft, internationale Verantwortung zu übernehmen“, geknüpft. Trotz allem, sagt Irwin heute, hätte nie jemand im Traum daran gedacht, den Kanzler wieder auszuladen.

Ein fester Händedruck

Eigentlich haben alle wieder dasselbe gesagt wie immer. Irwin sah keinen Mittelweg. Schröder war beharrlich. Diese Freundschaft, das sagt er immer wieder, ist so gut, die trägt das. Die hält das aus. Gewalt ist das letzte Mittel. Gut gebrüllt, Löwe. Schlussapplaus. Ein kurzer, fester Händedruck mit Irwin und Coats. Noch bevor die Blechbläser ihre Instrumente von den Lippen nehmen, hat Schröder noch einmal Coats und seiner Frau Marsha die Hand geschüttelt. Sie trägt zum Geburtstag ein Kostüm, leuchtend blau wie der Atlantik an seinen besten Tagen. Schröder hat es nun eilig, als drohte er einen Zug zu verpassen. Vielleicht den nach Breslau, wo er den Franzosen Chirac und den Polen Kwasniewski trifft. Umsetzen, was er gerade am Pult noch so frech verkündet hat unter all den Amerika-Freunden: Europa muss gestärkt werden. Das nütze letztlich auch den USA. Sätze, zu denen Amerikaner nicht spontan applaudieren.

Und Irwin? Der Präsident der Kammer hatte sich Sonne gewünscht zum Geburtstag. Er hat eine Bundeskanzlerrede bekommen. „Ich glaube, Schröder hat mit dem Verstand gesprochen, nicht mit dem Herzen“, sagt er hinterher. Und: „Er hätte mit dem Herzen sprechen sollen.“ Pause. „Ohne Manuskript ist er besser.“ Und der Inhalt? „Keine Überraschungen“, so kenne man den Kanzler, sagt Irwin knapp. Man hat fast den Eindruck, da habe sich einer doch wenigstens eine kleine Geburtstagsüberraschung gewünscht.

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